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Berliner Zeitung 02.04.2019

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Mosambik: Reise durch ein zerstörtes Land – Seite 3 Strompreise auf Rekordniveau Seiten 6u.8 3/17° Frühlingshaft Wetter Seite 2 Organspende: Der erste Gesetzentwurf liegt vor Politik Seite 4 www.berliner-zeitung.de Pflege: Berliner sind mit der Versorgung unzufrieden Tagesthema Seite 2, Kommentar Seite 8 Dienstag,2.April 2019 Nr.77HA-75. Jahrgang Auswärts/D*: 1.70 €–Berlin/Brandenburg: 1.60 € Türkei: Erdogan verliert die Großstädte Politik Seite 5, Leitartikel Seite 8 Ukraine Aus Spiel wird plötzlich ernst VonStefan Scholl Das Kiewer Business-Zentrum ParkovyamDnjeprufer wirdbeherrscht voneinem großen Glasbau. Aufdem Dach ist ein Hubschrauberlandeplatz, den einst der 2014 von den Maidan-Rebellen aus dem Amt gejagte Staatschef Viktor Janukowitsch nutzte. Inder Wahlnacht am Sonntag feierte in dem Gebäude der Präsidentschaftskandidat und TV- Komiker Wladimir Selenski seinen Erfolg. Im Eingang hatten seine Leute eine große Stellwand montiert. Darauf lief ein Strichmännchen mit Wladimir Selenski, einem Gesicht, Komiker,führtbei der das gleichzeitig Wahl in der Ukraine. an Janukowitsch und Amtsinhaber PetroPoroschenko erinnerte,vor einem Polizisten davon. Über ihm flog ein Helikopter, aus dem ein rettendes Seil hing. Der Spruch daneben: „Diesmal entkommst du nicht!“ Der Nochstaatschef muss sich mittlerweile ernsthaft um seine politische Zukunft sorgen. Er überstand zwar die erste Runde der Präsidentschaftswahlen. Aber in der Stichwahl am Ostersonntag trifft er auf Selenski, der weit vorne liegt: Nach der Auszählung von knapp 90 Prozent der Stimmen bekommt der smarte Komödiant knapp 30,3 Prozent der Stimmen, Poroschenko nur 15,9 Prozent. Poroschenko ist nur noch Außenseiter. Dabei hat Selenski einen sonderbaren Wahlkampf geführt. Er mied TV-Debatten und andere politische Auftritte. Er beschränkte sich auf Bühnenauftritte und auf die TV-Präsenz seines virtuellen Alter Egos,des Geschichtslehrers Wassili Goloborodko in der Serie „Diener des Volkes“. Dieser schlichte, grundanständige Held wirdunerwartet Präsident und beginnt einen erbitterten Kampf gegen Korruption, Bürokratie und die heimischen Oligarchen. Goloborodko redet meist russisch, zeigt seine Gefühle offen, ein glühender und volksnaher Patriot, er fährt mit dem Fahrrad ins Präsidialamt. Selenski ist cooler, witzelt bei seinen seltenen Auftritten auf Ukrainisch, grinst dabei sehr amerikanisch und taucht schnell wieder ab. Seine Wähler eint zumindest der brodelnde Unmut über das politische Establishment. „Die Leute haben die Nase voll von diesen Politikern, die Europa versprechen, aber Korruption und einen Endloskrieg gegen Russland veranstalten“, sagt der Kiewer Politologe Vadim Karasjew. Sein Kollege Igor Rejterowitsch glaubt, Selenskis Wähler hätten weniger für ihn als gegen den trostlosen Status quo gestimmt. „Aber im zweiten Wahlgang mag sich dieser Trend drehen.“ Es sei fraglich, ob Selenski weiter vor einer Fernsehdebatte mit seinem Konkurrenten Poroschenko kneifen könne. „Diese Wahlen sind noch nicht entschieden.“ Gerade noch davongekommen 24 Stunden ohne Busse und Bahnen: Berlin wurschtelt sich knapp am Chaos vorbei. Drei Forderungen, was jetzt geschehen muss. Hohes Verkehrsaufkommen auf dem Radweg: Der BVG-Streik bewies, das Fahrrad ist eine echte Alternative. VonPeter Neumann So viel Stau gab es selten in Berlin. Wohin das Auge blickte, auf der Lagekarte der Verkehrsinformationszentrale dominierte Montagmorgen die Farbe Rot –das steht für Stillstand. Der dritte und längste Warnstreik für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) hat die Stadt am Montag härter getroffen als die vorangegangenen Arbeitsniederlegungen. Und er hat gezeigt, wie sehr Berlin auf einen gut funktionierenden Nahverkehr angewiesen ist. Berlin ohne BVG–undenkbar. Wir schaffen das schon! Berlin kommt zurecht, auch ohne U-Bahnen, ohne Straßenbahnen und ohne Busse! Das sind Durchhalteparolen, die bei solchen Gelegenheiten laut werden. Natürlich: Die meisten Berliner kamen irgendwie ans Ziel. S- Bahnen und Regionalzüge fuhren, sie werden nicht vonder landeseigenen BVG betrieben. Das sonnige Wetter regte viele Berliner dazu an, ihr Fahrrad aus dem Keller zu holen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Der Mythos hat Risse bekommen. Berlin wurstelte sich durch, aber vielen Berlinern hat die BVG während des 24-stündigen Ausstands gefehlt. Stoßstange an Stoßstange Dazu genügte ein Blick auf die Meldungen der Verkehrsinformationszentrale. „Im gesamten Stadtgebiet deutlich mehr Zeit einplanen“, hieß es auch am Mittag noch. Und: „Keine Entspannung rund um den Flughafen Tegel in Sicht. Weiterhin lange Staus auf allen Zufahrtsstraßen, insbesondere via Saatwinkler Damm (+ 90 Minuten) und Tegeler Weg(+60 Minuten.“ Wereine Flugreise vorsich hatte, machte sich am besten zu Fuß auf nach Tegel. Diesechs Reisebusse, die vonder Flughafengesellschaft gechartert worden waren, steckten wie die Taxis im Stau fest. Schon am frühen Morgen ging auf großen Teilen der Stadtautobahn nichts mehr. Auf der Müllerstraße, der Prenzlauer Allee, der Greifswalder Straße und auf fast allen anderen wichtigen Zufahrtsstraßen ins Zentrum schlichen die Kraftfahrzeuge Stoßstange an Stoßstange im Schritttempo dahin. Insgesamt 24 Stunden lang erlebten die Berliner, wie sich ihre Stadt ohne das wichtigste Verkehrsunternehmen anfühlt –ohne die oft kritisierte,nicht selten angefeindete BVG. So viel ließ sich bald nach Beginn des Warnstreiks sagen: Berlin fühlte sich schlecht an, stehendes Blech allerorten. Es roch auch schlecht, Radfahrer und Fußgänger mussten zusätzliche Abgase einatmen. Und die Stimmung auf den Straßen war noch schlechter als sonst, denn Staus, das Zuckeltempo und die Konkurrenz um den knappen Raum machten die Kraftfahrer enormaggressiv.Montag war ein schlechter Tagfür Berlin. Doch so besonders die Situation auch war:Schon seit langem ist eine Entwicklung im Gang, die am Ende zu einer solchen Situation führen könnte wie am Montag –mit dem Unterschied, dass Dauerstau die Regel wäre. Einige Schlaglichter:Seiteinigen Jahren nimmt die Zahl der Kraftfahrzeuge in Berlin wieder zu, allein von 2008 bis 2017 stieg sie um 118 000. Offizielle Zähldaten der Bundesanstalt für Straßenwesen zeigen für wichtige Verkehrswege in Berlin eine Zunahme der Belastung – zum Beispiel für die Autobahn A111. Daten, dievon Navi-Anbieternerhoben werden,belegen außerdem eine Der dritte Warnstreik hat die Stadt härter getroffen als die vorangegangenen Arbeitsniederlegungen. Und erhat gezeigt, wie sehr Berlin auf einen gut funktionierenden Nahverkehr angewiesen ist. kontinuierliche Zunahme der in Staus verbrachten Wartezeiten. Berlin ist eine Autostadt geblieben. Allen grünen Sonntagsreden zum Trotz nimmt die Belastung der Stadt und ihrer Bewohner durch den Kraftfahrzeugverkehr zu. Währenddessen geht der Ausbau des Radverkehrsnetzes nur im Schritttempo voran, und viele verheißungsvolle Erweiterungen des Straßenbahnnetzes werden erst für spätere Generationen wahr werden –wenn überhaupt. Selbst die jetzigen Mini-Neubauprojekte (unter anderem 1,2 Kilometer zum Ostkreuz) werden sich verzögern. Dort soll der Betrieb erst 2021 beginnen. Damit nicht genug: Task Forces, die sich in der Verwaltung um die Beschleunigung des Bus- und Straßenbahnverkehr sowie BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER andere Themen kümmern sollen, dümpeln seit Monaten dahin. Welche Lehren sollte Berlin ziehen? Es müssen Lösungen gefunden werden, wie den Radfahrern zügiger als bisher neue Wege gebahnt werden können. Der Warnstreik am Montag hat gezeigt, wie wichtig das Fahrrad als (Ersatz-) Verkehrsmittel ist. Zweite Forderung: Der Nahverkehr muss mehr Aufmerksamkeit von der Politik bekommen – auch wenn Fortschritte derzeit nur schwer zu erzielen ist, weil die Verwaltung als Spätfolge von Sparrunden und von Abgängen in der jüngsten Zeit heute kaum noch arbeitsfähig ist. Verhandlungen gehen weiter Drittes Thema: Auch das interne Klima bei der BVG muss sich bessern. Denn dieWut, die bei vielen Beschäftigten trotz aller Weil-wir-Dichlieben-Rhetorik spürbar ist, ist ein Alarmsignal. Über Jahrehinweg und mit Einverständnis der Gewerkschaft Verdi sind die Löhne und Gehälter bei dem Landesunternehmen kaum gewachsen –ein Grund dafür, dass die Busfahrerlöhne zuletzt in keinem anderen Bundesland so niedrig waren wie in Berlin. Der Nachholbedarf ist spürbar, darauf muss die Arbeitgeberseite eingehen. Denn eines ist klar: Einen unbefristeten Streik bei der BVG, wie er nach einer Urabstimmung zu erwarten wäre, könnte sich Berlin erst recht nicht leisten. Für Donnerstag hat der Kommunale Arbeitgeberverband die Gewerkschaft nun zu einer weiteren Verhandlungsrunde eingeladen, und aufseiten von Verdi schließt man nicht aus,eine zentrale Forderung zurückzustellen. Bleibt zu hoffen, dass das positiveSignale sind und die Einigung nun endlich näher Flughafen Tegelwird zum Denkmal Die Rollbahnen stehen aber nicht unter Schutz VonNikolaus Bernau Eswurde hohe Zeit: Die seit 1949 entstandenen Bauten des Flughafens Tegel sind endlich in die Berliner Denkmalliste eingetragen worden. Seit 20 Jahren wurde darüber debattiert, 2013 waren die Gutachten fertig, die eine Eintragung befürworteten. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung führte Landeskonservator Christoph Rauhut vor allem die anstehenden Planungen für die Nachnutzung der beiden Haupt-Terminals für die Beuth-Hochschule und ein Forschungs- und Technikzentrum als Grund für die Verzögerung an. Jetzt seien die rechtlichen Grundlagen geklärt. Der aktuelle Flugbetrieb werdenicht vonder Eintragung tangiert, nur künftige Umbauten und Planungen. Nicht geschützt werden die Rollbahnen. Die Flughafenbauten entstanden im Zug der Blockade West-Berlins durch die Sowjetunion und die entstehende DDR. 1948 begann die Planierung der Rollbahnen, nach nur 90 Tagen Bauzeit konnten sie an die West-AlliiertenUSA, Großbritannien und Frankreich übergeben werden. In den 1950ern errichteten die französischen Besatzungsbehörden die ersten richtigen Empfangsgebäude, die ästhetisch Flughäfen des International Style etwa inLos Angeles oder Helsinki gleichen. 1961 wurde Tegel für den Passagierverkehr geöffnet, 1965 fand dann der legendäre Wettbewerb statt, aus dem die jetzigen Hauptgebäude hervorgingen. Rauhut betont deren künstlerische, aus Dreiecken entwickelte Grundidee,das Design der1970er-Jahresowie die Struktur des „Flughafens der kurzen Wege“, in dem Automobilund Flugverkehr zusammengebunden wurden. Tegel zeigt aber auch, welchen Erfolge offene Architekturwettbewerbe haben können. Heutedürfen gerade bei Großprojekten oft nur erfahrene Büros teilnehmen. Tegel aber entwarfen Volkwin Marg, Meinhardvon Gerkan und Klaus Nickels 1965 noch als Diplomanden, ohne Erfahrung, nur mit grandiosen Ideen. Es war der Startpunkt für eine internationale Karriere, die im heutigen Deutschland undenkbar wäre. Berlin Seite 9 Berliner Verlag GmbH, 11509 Berlin Redaktion: (030) 63 33 11-457 (Mo-Fr10-16 Uhr), Fax-499; leser-blz@dumont.de Leser-Service: (030)23 27-77, Fax-76; www.berliner-zeitung.de/leserservice Anzeigen: (030) 23 27-50, Fax: -66 97; berlin.anzeigen@dumont.de Postvertriebsstück A6517 Entgelt bezahlt rückt. Berlin Seiten 10 und 11 4 194050 501603 21014

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