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Berliner Zeitung 02.10.2018

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Berliner Zeitung

Vor30Jahren in der DDR: Der Protest an der Ossietzky-Schule und die Folgen – Seite 9 Die Feiern zur Einheit Seite 10 6°/14° Sonne und Wolken Wetter Seite 26 Medizin-Nobelpreis geht an zwei Immunforscher Wissenschaft Seite 15 www.berliner-zeitung.de Der Lebenskünstler: Charles Aznavour ist tot Feuilleton Seite 19 Dienstag/Mittwoch, 2./3. Oktober 2018 Nr.230 HA -74. Jahrgang Auswärts/D*: 1.60 €–Berlin/Brandenburg: 1.50 € Union Berlin siegt in Ingolstadt Sport Seite 18 Amerikas beliebteste Vorleserin VonKarlDoemens Michelle Obama, die frühere First Lady der USA Memoiren Die Schnäppchen-Tickets zu 29,50 Dollar waren schon vergriffen, bevor der Vorverkauf vor zehn Tagen offiziell startete. Wenig später gab es keine Karten für 120 Dollar mehr. Inzwischen muss man 412 Dollar plus diverser Gebührenhinblättern, um bei dem Ereignis hoch auf dem Rang eines Washingtoner Stadions dabei zu sein. Ein Platz in den ersten Reihen schlägt mit 3000 Dollar zu Buche. Doch nicht Elton John oder Madonna werden im November in zehn amerikanischen Städten eine gigantische Bühnenshow abziehen. Vielmehr will eine Frau ein bisschen vorlesen und ein paar Fragen beantworten. Ihr Name: Michelle Obama. Eine Woche nach den schicksalhaften Kongresswahlen wird die frühereFirst Lady unter demTitel„Becoming. Meine Geschichte“ ihre Memoiren vorlegen. Das Cover-Foto zeigt eine lächelnde Frau mit schulterfreiem T-Shirt. Über den Inhalt des Buches aber weiß man nichts.Trotzdem ist der Hype riesig, und die Lese- Tour sprengt alle Dimensionen. Normalerweise stellen Autoren ihre Werke in Buchhandlungen vor. Als Hillary Clinton im vergangenen Jahr ihr Erinnerungsbuch „What Happened“ mit einer Aufarbeitung der Wahlniederlage vorlegte, las sie in Theatern und Opernhäusern vor 1500 bis 3000 Zuhörern. Aber zehn riesige Stadien mit jeweils 15 000 bis 20 000 Plätzen und mehrereHundert Dollar Eintritt? In der Ära Trump wächst die Sehnsucht nach positiven Gegenbildern. Seit längerem schon wird Michelle Obama als denkbare Präsidentschaftskandidatin der Demokraten gehandelt, obwohl sie sich seit dem Auszug aus dem Weißen Haus mit politischen Kommentaren bewusst zurückhält. Öffentlich aufgetreten ist sie zuletzt bei Veranstaltungen ihrer überparteilichen Initiative „When We All Vote“ zur Steigerung der Wahlbeteiligung. Als Reaktion auf Trumps vulgären Populismus hatte Obama ihrer Partei geraten:„When they go low, we go high!“ („Jetiefer sie sinken, desto höher steigen wir“). Inzwischen halten nicht wenige Demokraten diesen Slogan für ehrenwert, aber unwirksam. „When they go low, we must hit back harder“ („Je tiefer sie sinken, desto härter müssen wir zurückschlagen“), hat Stormy-Daniels-Anwalt Michael Avenatti kürzlich dagegengesetzt. Zumindest für sie persönlich aber hat sich Obamas Devise „Gohigh!“ bewahrheitet: Für die Memoiren von Michelle und die demnächst erscheinenden Erinnerungen von Barack soll das Ehepaar rund 65 Millionen Dollar kassieren. Berliner Einheit Sabine Rennefanz über den Osten und den Westen, die lockende Anarchie der Hauptstadt –und den Versuch, die Mauern hier endlich zu überwinden Angekommen: Während aus der ostdeutschen Provinz nach 1990 Millionen weggingen, strömten viele nach Berlin. Nun auch noch Michael Müller, der Regierende Bürgermeister.Der Osten Deutschlands habe mehr Anerkennung und Verständnis verdient, sagte er am Montag.„Viele Ostdeutsche nehmen fehlenden Respekt vor ihrer Lebensleistung und ihren Erfahrungen wahr“, fügte der Sozialdemokrat hinzu. Der Tag der Deutschen Einheit ist ein Ritual, aber auch ein Gradmesser,der den Zustand der Ost-West-Debatte beschreibt. Nachdem in den vergangenen Jahren Ost- Bashing angesagt war, dominiert in diesem Jahr der sozialtherapeutische Ansatz. Man will den Osten verstehen, sich reinfühlen, Verständnis zeigen. So wie Michael Müller.Für Berlin zog ereine positive Bilanz: Die Stadt sei zusammengewachsen, die Arbeitslosigkeit sinke, die Wirtschaft wachse.Weltweit sei Berlin ein Symbol der Freiheit. Wäre Berlin ein Modell für Deutschland, wäredie Einheit vollendet. Berlin, das Super-Deutschland. So klingt das. Aber taugt Berlin, dieses ewige Symbol für alle möglichen Wünsche, Projektionen, überhaupt als Modell für die Einheit? Klingt trivial, aber Ost-Berlin ist nicht Ostdeutschland. Die Stadt hatte schon zu DDR-Zeiten eine Sonderrolle, ihre Bevölkerung war privilegiert. Hier fuhr man aus der Provinz hin, um sich den Kofferraum voller besonderer Güter zu laden, wie Mandarinen, Margon-Wasser, Champignons in Dosen. Während aus der ostdeutschen Provinz nach 1990 Millionen weggingen, wegen der Arbeitslosigkeit, der Nazis, der fehlenden Perspektiven, strömten viele nach Ost-Berlin. Ein Experimentierfeld entstand, das auch viele Westler anzog. Häuser wurden besetzt, bald wummerten aus allen Löchern die Beats. Legendäre Klubs wurden gegründet, die noch heute den Ruf der Partymetropole Berlin begründen. „The Future is Ours“ lautete das Motto der zweiten Loveparade 1990. Auch bei der Berliner Zeitung klopften viele junge Kollegen aus dem Westen an. Mankann sagen, Berlin ist zusammengewachsen. Besser würde passen, wenn man sagen würde,dass die Grenzen verschwommen sind. Wenn man durch Teile vonPrenzlauer Berg oder Mitte geht, kommt man sich manchmal fremd vor. Man könnte auch in Hamburg oder München sein. Die Grünen, die sonst im Osten kaum relevant sind, fahren hier zweistellige Ergebnisse ein. Aufmärsche wie in Chemnitz sind im Zentrum Berlins nicht denkbar. Die Anarchie der Stadt brachte auch politisch Neues hervor: Alles, was in der Bundespolitik nie zusammenfand, ging in Berlin Beziehungen ein. In Berlin fanden 2001 mit dem Sozialdemokraten Klaus Wowereit und dem PDS-Politiker Gregor Gysi Parteien zusammen, die sich anderswo anfeindeten. Sie trugen zur Versöhnung der Stadt mit sich selbst bei. CDU und Linke machten auf Bezirksebene gemeinsame Sache,Jahre bevor irgendjemand in der Bundespartei auf die Idee kam. Ost-West-Debatten werden in Berlin anders geführt als in Hameln oder in Erfurt. Man kann sich nicht aus dem Weg gehen, man weiß mehr voneinander, die Schwachstellen, die Wunden. Manweiß, was geht, man weiß aber auch, was nicht geht. Und nur an einem gegenwartsfixierten Ort wie Berlin ist es möglich, dass selbst der Bürgermeister dem Kunst-Bau einer Mauer im Herzen der Stadt applaudiert. Der Regierende Bürgermeister stammt übrigens aus Tempelhof, Ost-West-Debatten werden in Berlin anders geführt als in Hameln oder in Erfurt. Mankann sich nicht aus dem Weggehen, man weiß mehr voneinander, die Schwachstellen, die Wunden. der beliebteste Politiker, der Kultursenator,aus Frankfurt(Oder). Berliner Ost-West-Debatten werden subtiler, differenzierter geführt. Die Zeit der großen Polarisierung ist aber vorbei, eigentlich wäre esjetzt Zeit, die Aufarbeitung der Neunziger zu beginnen. Bei den letzten Kalten Kriegern, den Vertretern derGedenkstätte Hohenschönhausen und der Berliner CDU, stehen Generationenwechsel an oder sind bereits im Gange.Hubertus Knabe wurde abgesetzt, bei der CDU drängt der Ost- Berliner MarioCzaja nach vorn. Wenn man sich in Berlin mit dem Auto bewegt, kommt man immer noch schneller vonOst nach Ost, als vonOst nach West. Wenn die Zeitungen etwas über die Stadt erzählen GETTY IMAGES Rechtsextreme in Chemnitz festgenommen Terrorzelle soll Anschläge auf Ausländer geplant haben InChemnitz hat es möglicherweise eine terroristische Vereinigung von Rechtsextremen gegeben. Siesoll Angriffe auf Ausländer und politische Gegner geplant haben. Nach Angaben des Generalbundesanwalts in Karlsruhe wurden am Montag sechs Verdächtige aus dem Raum Chemnitz festgenommen. Der mutmaßliche Rädelsführer,der siebte Verdächtige,sitzt bereits seit MitteSeptember in Untersuchungshaft. Den Ermittlern zufolge versuchten sie, auch an Schusswaffen zu gelangen. Im Fokus der Ermittler stehen insgesamt sieben Männer im Alter zwischen 20 und 31 Jahren. Siesollen Anfang September eine rechtsterroristischeVereinigung namens„Revolution Chemnitz“ gegründet haben. Laut Bundesanwaltschaft planten sie „gewalttätige Angriffe und bewaffnete Anschläge auf Ausländer und politisch Andersdenkende“, darunter Politiker. Ziel der Gruppe sei ein Umsturzdes demokratischen Rechtsstaats gewesen. Probelauf für 3. Oktober? Der mutmaßliche Rädelsführer der Gruppe, der 31-jährige Christian H., sitzt seit einem Angriff auf Ausländer in Chemnitz am 14. September in Untersuchungshaft. An dem Überfall im Anschluss an eine Demonstration der rechtspopulistischen Bewegung Pro Chemnitz sollen mindestens fünf der Tatverdächtigen beteiligt gewesen sein. Ein Iraner wurde damals durch eine Glasflasche am Kopf verletzt. Diese Tat auf der Schlossteichinsel der Stadt war nach Erkenntnissen der Ermittler ein „Probelauf“ für eine von der Gruppe am 3. Oktober geplante Aktion. „Was genau, wissen wir derzeit nicht“, sagte eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft. Die Ermittlungen laufen noch. (AFP) Politik Seite 4, Kommentar Seite 8 IN EIGENER SACHE Liebe Leserinnen, liebe Leser, wegen des Feiertages zum Tagder Deutschen Einheit, 3. Oktober,erscheint die nächste Ausgabe der Berliner Zeitung am Donnerstag,4.Oktober. Berliner Verlag GmbH, 11509 Berlin Redaktion: (030) 63 33 11-457 (Mo-Fr10-16 Uhr), Fax-499; leser-blz@dumont.de Leser-Service: (030)23 27-77, Fax-76; www.berliner-zeitung.de/leserservice Anzeigen: (030) 23 27-50, Fax: -66 97; berlin.anzeigen@dumont.de Postvertriebsstück A6517 Entgelt bezahlt wollen, die Zahl der Spaßbäder, der bilingualen Schulen, der AfD-Wähler, unterteilen sie in Ost und West, nicht in Nord und Süd. Neulich kam mein Mann von der Elternversammlung und sagte: „Ist dir aufgefallen, dass fast alle unsere Berliner Freunde entweder Ostler oder Ausländer sind?“ Sie wohnen fast alle im Ostteil der Stadt. Einpaar leben inKreuzberg, aber das gehört ja gefühlt auch schon zum Osten. Als eine Freundin ein Hospiz für den todkranken Vater suchte, schaute sie sich nur in den Ost-Bezirken um. Der Westteil der Stadt, so viel war klar, kam für ihn nicht in Frage. Ein junger Mann aus Neukölln, 1989 geboren, erzählt, dass er fast nur West-Berliner Freunde hat, die er schon aus Schulzeiten kennt. Im Osten der Stadt sei er nie unterwegs. Man bleibt unter sich, in seinem Teil der Stadt. Dashat nichts mit Abschottung zu tun, sondern das ist auch eine Form der Freiheit: zu bleiben, wo man sich zu Hause fühlt. In Berlin ist der Ost-West-Konflikt nicht gelöst worden, er hat nur Ableger gebildet. Er ist nur einer unter vielen. Die Verteilungskonflikte finden zwischen Zentrum und Peripheriestatt, zwischen der schicken Mitte auf der einen, Spandau und Marzahn auf der anderen Seite. Wie lange kann man sich noch die Miete der Wohnung leisten? Seit wann ist Bus-und-Bahn-Fahren zu einem Kampfsportgeworden? Warumist es so schwer,einen Krippenplatz zu finden? Oder einen Platz im Hospiz? Wiekann es sein, dass man Angst davor haben muss, wenn das Kind in die Schule kommt, weil man seit Jahren nur Horrornachrichten hört? Warum wirkt die Stadt überfordert vonihrem eigenen Erfolg? Undsieht so selten, wie viele Grenzen sie hinter sich gelassen hat? 4 194050 501504 21040

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