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Berliner Zeitung 03.04.2018

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Berliner Zeitung

Huren an der Königsmauer: Bordellrevolution in Berlin – Seite 10 . . Dienstag, 3. April 2018 Nr.77HA-74. Jahrgangwww.berliner-zeitung.de 1.50 € Berlin/Brandenburg -1.60 € Auswärts/D* ................................................................................................................................................................................................................................................................................................................... S P O T I F Y Menschheitsmission und Börsengang VON CHRISTIAN SCHLÜTER Daniel Ek spricht mit leiser, ruhiger Stimme. Sein blasses Gesicht zeigt dabei keine großen Regungen. Im Gespräch wirkt der Schwede bedächtig, ja schüchtern, ganz so, wie man sich einen Nerd vorstellt, einen Computerfreak.Wasder 35-Jährige dann allerdings zu sagen hat, ist ohne jede falsche Zurückhaltung. Ek will mit dem vonihm gegründeten Streamingdienst Spotify die Musikindustrie retten und damit zugleich auch noch unsere Hörgewohnheiten ändern. Dass er in NewYorknun an diesem Dienstag sein Unternehmen an die Börse bringt, um Geld einzusammeln, scheint da nur folgerichtig: BiszuzweiMilliarden Dollar könnte Ek reinholen –Spotify soll wachsen und endlich seine Mission erfüllen. Der Mann hat Nerven. Eks Plattform ist zwar der Daniel Ek, Chef des Streamingdienstes Spotify Marktführer beim Musikstreaming, aber weit von einem profitablen Geschäftsmodell entfernt. Ende 2017 hatte Spotify 71 Millionen zahlende Abo-Kunden und 159 Millionen Nutzer insgesamt. Auch beeindruckte das rasante Wachstum –der Umsatz kletterte im vergangenen Jahr um fast 39 Prozent. Allerdings nahm der Verlust von 349 Millionen auf 378 Millionen Dollar zu. 2018 will das schwedische Unternehmen die 200-Millionen-Nutzer-Marke knacken, rechnet aber immer noch mit einem Minus vonbis zu 330 Millionen Dollar.Zudem sind Ek mächtige Konkurrenten auf den Fersen: Neben Tidal und Deezer sind das vor allem Amazon, Google und Apple. HarteBedingungen für einen Börsengang. Doch wäreesnicht das erste Mal, dass Ek ein Coup gelingt. Bereits mit 14 Jahren gründete er sein erstes Unternehmen, eineWeb-Firma, die Seiten im Internet baute. Das Personal rekrutierte er aus Mitschülern, die gut in Mathematik waren und denen er die nötigen Programmiersprachen beibrachte. Sechs Jahre später war der Mann aus dem Stockholmer Vorort Ragsved dann schon Millionär …Apropos Personal und Rekrutierung: Ek hat Hausverbot bei Google, seitdem er dort inder Kantine einige der besten Programmierer abwarb. Ek kann ziemlich überzeugend sein. Hartnäckig ist er ohnehin. UndAngst davor,sich unbeliebt zu machen, kennt er nicht. Daskam ihm bisher auch zugute,wenn er die zum Teil harsche Kritik an seinem Streamingdienst abwehren musste.Gleich zu Beginn, 2008, ging es schon damit los, dass Spotify, als es nach einer zweijährigen Entwicklungsphase endlich ans Netz ging, nur in Verbindung mit einem Facebook-Konto zu nutzen war: Datenschützer schlugen Alarm und warnten vor dem kalifornischen Datenkraken. Doch Ek hob den Facebook- Zwang in Deutschland erst 2012 auf –zusehr war er in die Idee verliebt, jeder seiner Hörer könnte Songtitel und Playlists in dem sozialen Netzwerkmit anderen teilen. Ihmging es schließlich um eine neue Sharing Economy: Spotify als Plattform für eine im Musikkonsum geeinte Menschheit. Eine hochfliegende Vision. Bei der allerdings die meisten Musiker kaum Geld verdienen –nur 0,164 Cent pro Abspielvorgang. Ek antwortet darauf so: Er habe die einzige Lösung für das Problem geboten, „dass die Musikbranche den Bach hinabging, obwohl die Menschen mehr Musik hörten als jemals zuvor“. DerMann glaubt daran! Verkehr,Notrufe,Lotto 16 ................................................................................................................. Rätsel, Sudoku 12, 27 ................................................................................................................. Kleinanzeigen 12 ................................................................................................................. Berliner Verlag GmbH, 10171Berlin Redaktion: (030) 63 33 11-457 (Mo-Fr 10-16 Uhr), Fax–499; leser-blz@dumont.de Leser-Service: (030)23 27-77, Fax-76; www.berliner-zeitung.de/leserservice Anzeigen: (030) 23 27 -50, Fax: -66 97; berlin.anzeigen@dumont.de ................................................................................................................. 4 Postvertriebsstück A6517 /Entgelt bezahlt 194050 501504 21014 VON MARITTA TKALEC UND PETER NEUMANN Geschichte wird rückgängig gemacht – zunächst versuchsweise: Vom9.April an gilt auf einem Teilabschnitt der Leipziger Straße Tempo 30. Zum ersten Mal betrifft die Tempodrosselung eine der Hauptverkehrsachsen Berlins. Sie war 1969 im Zuge des Umbaus von Berlin, Hauptstadt der DDR, zur autogerechten Stadt überbreit mit acht Fahrspuren und großzügigem Mittelstreifen ausgelegt worden. Zur hochfrequentierten Hauptverkehrsader wurde sie aber erst nach der Maueröffnung im Jahr 1989. Seither ist es vorbei mit der friedlichen Koexistenz zwischen Autos, Fußgängern und Anwohnern. DieAutos dominieren. Verkehrs- und Umweltsenatorin Regine Günther (parteilos/für die Grünen) nennt als Grund für die vom kommenden Montag an geltende neue Regelung eine Verbesserung der Luftqualität. Die Geschwindigkeitsbegrenzung gilt zunächst auf einem knapp 1,2 Kilometer langen Abschnitt der Leipziger Straße zwischen Markgrafenstraße und Potsdamer Platz (Mitte). Die Einhaltung des Tempolimits soll Günther zufolge durch die Polizei überwacht werden, um ein realistisches Bild zu bekommen. Dassei mit der Innenverwaltung so besprochen, sagte sie der dpa. Tempo 30 gelte rund um die Uhr, also nicht nur in Stoßzeiten, und im übrigen auch für die Busse der BVG. Veränderungen am Fahrplan seien zunächst nicht geplant, da die Busse hier ohnehin selten mit 50 Stundenkilometern unterwegs seien. Wenn sich indes in der Praxis Nachsteuerungsbedarf Ab Montag Tempo 30 auf der Leipziger Straße Verkehrssenatorin Regine Günther will mit einer „Verstetigung“ der Geschwindigkeit die gesundheitsschädliche Belastung durch Stickoxid reduzieren. Der Test soll zunächst ein Jahr laufen. Die Polizei kontrolliert Potsdamer Platz Ebertstr. MITTE Leipziger Platz Stresemannstr. Wilhelmstr. Tempo-30-Abschnitt zeige, werde man reagieren. Die BVGsei vonAnfang an mit in das Projekt einbezogen. Nach Untersuchungen der Versicherungswirtschaft ist die Bereitschaft der Kraftfahrer, Tempo 30 innerorts als Regel zu akzeptieren, sehr gering, weshalb mit hohem Kontrollaufwand zu rechnen ist. Historische Erfahrungen mit der Durchsetzung von Tempolimits gibt es aus den 1950er-Jahren, als Tempo 50 als Höchstgeschwindigkeit innerhalb von Ortschaften durchgesetzt wurde.Die Widerstände von Kraftfahrern und von der Autolobby waren enorm, doch inzwischen zweifelt niemand mehr am Sinn der Maßnahme –ebenso wenig wie an der Anschnallpflicht. Stand seinerzeit vor allem die Senkung von Zahl und Schwere vonUnfällen im Vordergrund, ist es heute die Belastung mit Stickoxid (NO 2 ), die in Berlin ebenso wie in rund 70 anderen Städten den zulässigen EU-Grenzwert von40Mikrogramm je Kubikmeter im Jahresdurchschnitt überschreitet. „Die Verstetigung des Verkehrs kann einMittelsein, um Glinkastr. Mauerstr. Friedrichstr. Charlottenstr. Markgrafenstr. Krausenstr. Zimmerstr. Niederwallstr. Leipziger Str. Leipziger Str. Axel-Springer-Str. 100 m BLZ/HECHER die Stickoxid-Grenzwerte einzuhalten“, argumentiert Günther. Mit„Verstetigung“ meint die Senatorin eine Temporeduzierung bei gleichmäßiger fließendem Verkehr. DieOpposition ist gegen den Versuch und wirft Rot-Rot- Grün eine einseitig gegen Autofahrer gerichtete Politik vor. Günthergehtdavon aus,dass die NO 2 -Belastung mit Hilfe von Tempo 30 um bis zu zehn Prozent reduziert werden kann, wie frühereMessungen an wenig befahrenen Straßen gezeigt hätten. Das sei nun anStraßen mit höherem Aufkommen zu überprüfen. „Wenn sich das bestätigt, werden wir auch in anderen Straßen den Verkehr mit einer angepassten Ampelschaltung und Tempo 30 verstetigen“, kündigte Günther an. So sank in der Silbersteinstraße in Neukölln nach Einführung von Tempo 30 die Stickoxidbelastung um 26 Prozent. In der Schildhornstraße in Steglitz waren es neun, in der Beusselstraße in Moabit rund fünf Prozent. Der aktuelle Versuch, bei dem es nicht zuletzt um intelligente Ampelschaltungen geht, läuft zunächst ein Jahr. Die EU-Kommission droht Deutschland mit einer Klage, sollten die NO 2 -Grenzwerte nicht eingehalten werden. Die Deutsche Umwelthilfe hat bereits zahlreiche Kommunen verklagt, darunter Berlin. Etwa 60 Prozent der NO 2 -Belastung gehen auf den Verkehr zurück, vor allem auf die Emissionen von Dieselfahrzeugen. Die Verbrennungsprodukte schädigen die Atemorgane,Herz und Kreislauf. Beim Anfahren werden besonders große Mengen des Gases ausgestoßen. Ende Februar hatte das Bundesverwaltungsgericht entschieden, dass im Kampf gegen schmutzige Luft auch Diesel- Fahrverbote zulässig sind. Bis Ende Juli sollen vier weitere große Straßen folgen: Potsdamer Straße (Tiergarten/Schöneberg), Hauptstraße (Schöneberg), Tempelhofer Damm (Tempelhof) und Kantstraße (Charlottenburg) mit zusammen gut sechs Kilometern Länge. Auf den Straßen wird nach Informationen der Berliner Zeitung zunächst drei Monate lang gemessen, wie viel Stickoxid frei wird, so lange dort noch Tempo 50erlaubt ist. Die Ergebnisse werden mit den Daten verglichen, die ein Jahr bei Tempo30gewonnen werden. Für die nächste Phaseab2019 haben die Senatsexperten rund ein DutzendAbschnitte ins Auge gefasst. Aufder Liste stehen Teile der Martin-Luther-Straße und der Kolonnenstraße in Schöneberg. In Kreuzberg wurden Teile derAdalbert- sowieder Oranienstraße ausgewählt. Im Gespräch ist, Tempo 30auf dem Westteil der Frankfurter Allee zu erproben, wo ein Auto-Fahrstreifen stadtauswärts zur Radspur werden könnte. (mit dpa) GETTY IMAGES/1STGALLERY Den Senat lässt Scheuers Votum fürTegel kalt CDUund FDP loben Vorstoß des Bundesverkehrsministers V ON MARITTA TKALEC Der neue Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ist mit seinem Plädoyer für die Offenhaltung vonTegel im Berliner Senat auf Unverständnis gestoßen. „Herr Scheuer setzt die –vermutlich bayrische –Tradition seines CSU-Amtsvorgängers Dobrindt fort, indem er eine persönliche Meinung zum BER äußert“, sagte Senatssprecherin Claudia Sünder am Montag der Berliner Zeitung. „Persönliche Meinungen oder Debattenbeiträge kommentiert der Berliner Senat nicht. Auch für Herrn Scheuer gilt: Die Kanzlerin hat die Haltung der Mitgesellschafterin für den Bund verlässlich deutlich gemacht. DerBund steht zum BER, wie es Brandenburg und Berlin tun. Eine österliche Änderung ist nicht bekannt.“ Scheuer hatte in der Berliner Morgenpost dagegen dazu geraten, „Tegel offen zu halten – und als zweites Terminal des BER zu nutzen“. Zur Begründung verwies der CSU-Politiker auf den zunehmenden Luftverkehr und das Ergebnis des Volksentscheids, das den politisch Verantwortlichen zu denken geben sollte. Sebastian Czaja, Generalsekretär der Berliner FDP und Initiator des Volksbegehrens für Tegel, hält Scheuers Vorschlag hingegen für „logisch“: „Scheuer geht in die richtige Richtung“, sagte Czaja der Berliner Zeitung. Die faktische Entwicklung verlange nach einer Offenhaltung Tegels. Dasei einerseits die Dauerbaustelle BER, andererseits zeige die Entwicklung der Passagierzahlen, dass vier Start- und Landebahnen gebraucht werden – zwei am BER, zwei in Tegel –zumal infolge der Aktivitäten vonEasyjet mit weiterem Wachstum zu rechnen sei. Auch CDU-Generalsekretär Stefan Evers begrüßte Scheuers „Wertschätzung“ für Tegel: „Der Weiterbetrieb von Tegel ist möglich, die Mehrheit der Bürger ist dafür, den Bundesverkehrsminister hätte der Berliner Senat an seiner Seite.“ Die Positiondes Bundes Bei dem rechtlich nicht verbindlichen Entscheid im September 2017 hatten 56,4 Prozent der Wähler dafür gestimmt, den alten Flughafen auch nach Eröffnung des neuen Hauptstadt-Airports BER weiter zu betreiben. Siestellten sich damit gegen die bisherigen Festlegungen der drei Flughafengesellschafter Berlin, Brandenburg und Bund, wonach Tegel spätestens sechs Monate nach der BER-Eröffnung schließen wird. Der Senat will den Volksentscheid aus rechtlichen und finanziellen Gründen nicht umsetzen. Scheuer sagte dagegen, die Tegel-Diskussion solle „noch einmal neu“ begonnen werden. Die Bundestagsfraktion der Linken kritisierte die Äußerungen des Ministers. Verkehrsexpertin Ingrid Remmers sagte, offenbar gehe es Scheuer gar nicht darum, Berlins Flugverkehrsprobleme zu lösen: „Mit populistischen Forderungen versucht Herr Scheuer, Aufmerksamkeit dafür zu erzeugen, dass er jetzt Minister ist.“ (mit sts./dpa) WETTER BERLIN: Viele Wolken, die teilweise Regen bringen. Höchstwerte um 17, nachts bei 6Grad. Seite 2

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