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Berliner Zeitung 03.06.2019

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Bad Berlin: Die Wiederentdeckung der Spree als Schwimmbad – Stadtgeschichte Seite 10 Das Ende von TAN- Zahlen auf Papier Seite 6 19°/31° Viel heiße Luft Wetter Seite 2 DickeÜberraschung: Der neue Boxweltmeister Ruiz Sport Seite 17 www.berliner-zeitung.de Johannas Tod: Der Prozess endet, die Trauer bleibt Berlin Seite 9 Montag,3.Juni 2019 Nr.126 HA -75. Jahrgang Auswärts/D*: 1.70 €–Berlin/Brandenburg: 1.60 € In der Geschichte graben: Archäologie an der Mauer Berlin Seite 12 Champions League Der Held, der es nicht fassen kann VonHendrik Buchheister Man musste ganz genau hinhören, eigentlich konnte das ja nicht sein. Sangen die Zuschauer wirklich den Namen Divock Origis, hier, im Metropolitano-Stadion in Madrid im Finale der Champions League? Sangen sie wirklich den Namen des Mannes, der noch vor einem Jahr in der Bundesliga-Relegation als Leihspieler desVfLWolfsburg gegen Holstein Kiel spielte und sich der Lächerlichkeit preisgab, weil er den Geg- Divock Origis entschied das Finale für Liverpool ner nicht kannte? Ja,tatsächlich. Die Fans des FC Liverpool besangen den 24 Jahre alten Stürmer aus Belgien in den Schlussminuten des Endspiels um Europas Krone gegen Tottenham Hotspur. Erhatte die Partie gerade entschieden mit seinem Treffer zum 2:0-Endstand und Trainer Jürgen Klopp damit zum größten Erfolg seiner Karriereund zum Ende seines Final-Fluchs nach sechs Endspiel-Niederlagen nacheinander verholfen. Origi ist einer der seltsamsten Final-Helden, die der internationale Fußball seit langer Zeit erlebt hat – und dann irgendwie auch wieder nicht. Vom OSC Lille kam er 2015 nach Liverpool, konnte sich nicht durchsetzen und wurde nach Wolfsburg verliehen. In 37 Pflichtspielen schoss er dort sieben Tore, eins davon inder Relegation gegen Kiel. Zu dieser Saison kam er nach Liverpool zurück, ohne Aussicht auf Einsätze. Viele Fans dürften vergessen haben, dass er überhaupt im Kader steht, bis er Anfang Dezember aus dem Nichts zum Helden wurde mit seinem 1:0-Siegtreffer in der Nachspielzeit des Derbys gegen den FC Everton. Seitdem hat sich der belgische Nationalspieler einen Ruf als Spezialist für besondere Momente erarbeitet. Er schoss bei der engen Ligapartie gegen Newcastle United als Einwechselspieler das Siegtor. Erdemütigte den FC Barcelona beim 4:0- Erfolg im Halbfinal-Rückspiel der Champions League mit zwei Treffern, dem ersten und dem entscheidenden vierten, und zeigte auch im Finale gegen Tottenham sein besonderes Talent dafür, dazusein, wenn er gebraucht wird. Dafür besangen ihn die Fans zu Recht. Origi ist ein ruhiger Typ. Er feierte sein Siegtor im Endspiel zurückhaltend, breitete die Arme aus und schaute sich fragend um, als ob er selbst nicht glauben konnte,was ihm gelungen war.Für seinen Erfolg hat er zwei Erklärungen. Erstens Gott, Origi ist gläubig. Und zweitens die Tatsache, dass er einfach versucht, sein Spiel zu genießen und sich nicht zu viele Gedanken zu machen. „Wenn ich das Spiel genieße,kommt alles automatisch“, sagt er. Nicht schlecht, wenn das auch im Champions- League-Finale hilft. SportSeite 20 Man kann vielerlei zum Rückzug der SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles sagen. Zum Beispiel, dass man so mit Menschen nicht umspringen könne. Und dass die sozialdemokratischen Machos mit einer Frau an der Spitze nicht klar kämen. Vieles davon ist richtig; Machos gab und gibt es in der SPD reichlich, Gerhard Schröder und der an Nahles’ Sturz mitschuldige Sigmar Gabriel vorneweg. Und eshat sehr lange –nämlich ungefähr 150 Jahre –gedauert, bis es eine Frau an die Spitze der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands geschafft hat. Umso schneller war sie dann wieder weg. DerVerschleiß vonpolitischem Spitzenpersonal vor allem in der SPD ist ohnehin auffällig. DasBeste fürs Land Es lohnt, darüber nachzudenken, warum. Dass Nahles,die fraglos Verdienste hat, der Politik insgesamt den Rücken kehren will, ist ein Alarmsignal. Es gilt also,über die politische Kultur zu sprechen. Schließlich hat nicht allein die SPD Führungsprobleme, CDU und Linkspartei haben derzeit ebenfalls welche. Die CSU hat ihre erst kürzlich überwunden. Gutes Führungspersonal aber braucht zahlreiche Eigenschaften: Sachkenntnis, einen Kompass, rhetorisches Vermögen und Integrität. Undesbraucht noch zwei Eigenschaften, die man selten gleichzeitig in einer Person findet: Sensibilität und Härte. Tatsache ist aber ebenso, dass dieser 2. Juni 2019 noch in einem ganz essenziellen Sinne eine politische Zäsur markiert. Denn was bisher bloß spekuliert wurde, ist seit Sonntag augenscheinlich: Dass es Die Vertrauensfrage Andrea Nahles gibt auf, weil sie keinen Rückhalt mehr hat. Der Großen Koalition geht es kaum anders. WarumNeuwahlen jetzt die beste Lösung wären –eine Analyse der Lage von Markus Decker Am Vertrauen zwischen ihnen hat es nicht gelegen: Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkelund die scheidende SPD-Chefin Andrea Nahles. nicht mehr nur zu Neuwahlen kommen kann –sondern dass Neuwahlen für alle Beteiligten das Beste wären. Für alle Beteiligten meint selbstredend auch: für das Land. Wir hätten da zum Ersten die SPD, die mit ihrer Kraft am Ende ist. Der Nahles-Rückzug ist dafür lediglich das letzte Symptom. Die Partei hadertjaseit Jahren mit der Frage,ob sie in der Großen Koalition gut aufgehoben ist. Sie hat diese Frage immer mal wieder nur knapp mit Ja beantwortet. BeiWahlen und in Umfragen rutschte sie unterdessen tiefer und tiefer in den Keller. Die Europawahl, der Verlust der Mehrheit bei der Bürgerschaftswahl in Bremen und die anschließenden Turbulenzen zeigen: Die SPD kommt in der Großen Koalition nicht mehr auf einen grünen Zweig. Das könnte sich bei den drei ostdeutschen Landtagswahlen im Herbst noch dramatischer zeigen. Natürlich war das Problem der SPD stets nur teilweise die GroKo selbst. Das vielleicht größere Problem war das Haderndamit. Doch unterm Strich bleibt sich das gleich. Denn wenn es bis 2021 so weitergeht wie zuletzt, dann besteht die Gefahr, dass von der SPD bloß noch Trümmerteile übrig bleiben –sowie von anderen sozialdemokratischen Parteien in Europa. Das kann kein Demokrat wollen. Es geht bei den Sozialdemokraten wirklich ums Ganze. Für den Befund spricht auch, dass die SPD jetzt mit Malu Dreyer und Rolf Mützenich über Interimslösungen an der Spitze von Partei und Fraktion nachdenkt. Ob diese Prokura hätten, um in der Koalition strittige Beschlüsse zu fassen, ist zweifelhaft. Vielmehr würde alles zum Provisorium. Wir hätten da zum Zweiten eine Kanzlerin, die immer seltener Politik gestaltet und – siehe ihre Rede in „Bleibt beieinander und handelt besonnen! Ich hoffe sehr, dass es Euch gelingt, Vertrauen und gegenseitigen Respekt wieder zu stärken und so Personen zu finden, die ihr aus ganzer Kraft unterstützen könnt.“ Andrea Nahles in ihrer Rücktrittserklärung Harvard –immer häufiger wie eine spricht, die lediglich darauf wartet, dass andere übernehmen. Die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp- Karrenbauer hat zuletzt Zweifel daran geweckt, ob sie fähig ist, in Angela Merkels große Fußstapfen zu treten. Notfalls müsste dann wohl Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet einspringen. Wirhätten da schließlich die Grünen, die voll im Saft stehen, die nach der Bundestagswahl 2017 gezeigt haben, dass sie regieren wollen und sich längst darauf vorbereiten, es nach der nächsten Wahl tatsächlich DPA/KAY NIETFELD zu tun. Nein, man wird die Umweltpartei nicht dazu kriegen, ohne Neuwahlen eine neue Kanzlerin oder einen neuen Kanzler zu wählen. Das wäreein unwägbares Abenteuer und würde für die Grünen das Risiko bergen, am Ende an den Urnen all jene schönen Prozente zu verlieren, die sie in den Umfragen gesammelt haben. Vierzehn Jahre nach dem Ende vonRot-Grün sind die Grünen indes prinzipiell stark genug, als Regierungspartner an die Stelle der SPD zu treten –und wenn die Union sehr ungeschickt agiert, sogar die Kanzlerinoder den Kanzler aufzubieten. Natürlich wäre der prozedurale Weg zu Neuwahlen nicht einfach. Doch mindestens Union, SPD und Grüne müssten eigentlich ein Interesse daran haben, dass es dazu kommt. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dürfte einsehen, dass die Lage nun Neuwahlennahelegt. Zwei weitereJahreQuälerei? Zwei weitere Jahre Quälerei würden der Demokratie mehr schaden als ein Bruch mit der Regel, dass eine Regierung vier Jahre amtiert. In der Konsequenz würde das bedeuten: Merkel müsste die Vertrauensfrage stellen und verlieren. Anschließend müsste das Staatsoberhaupt das Parlament auflösen. Die Parteien würden sich bis zum Frühherbst sortieren. Neuwahlen könnten im Spätherbst stattfinden. Vizekanzler Olaf Scholz hat ja bereits erklärt, dass die SPD nach 2021 gewiss nicht mehr wieder in eine Große Koalition eintreten werde. Abgesehen davon, dass diese Frage dann gar nicht mehr im Raum stehen dürfte: Wer 2021 Schluss machen will, der kann es auch jetzt tun. Seiten 2und 3, 8 Das grüne Dilemma in Berlin Senatoren sind nicht so beliebt wie die Partei VonAnnika Leister Eigentlich sind die Grünen gerade im Höhenrausch: In Berlin holten sie bei der Europawahl Ende Mai 27,8 Prozent und lösten die SPD als stärkste Kraft ab.Einer Umfrage vom Sonntag zufolge würden sie zurzeit auch auf Bundesebene mit 27 Prozent erstmals die meisten Stimmen holen und die Union abhängen. Trotzdem haben die Berliner Grünen ein Problem: Ihre Partei mag zurzeit außerordentlich beliebt sein –ihre Senatoren sind es aber nicht. Das zeigt die aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Berliner Zeitung. Für sie wurden von 20. bis 27. Mai 1006 Berliner befragt und um Bewertung der Senatoren im Roten Rathaus gebeten. Ernüchterndes Ergebnis: Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) kennen lediglich 62 Prozent der Berliner. Bei Verkehrssenatorin Regine Günther sind es 68 Prozent – allerdings bewerten die ihre Arbeit so schlecht, dass Günther im Beliebtheits-Ranking der Senatoren auf dem drittletzten Platz landet. Behrendt schafft es ins Mittelfeld. Am bekanntesten und beliebtesten von den Grünen ist Wirtschaftssenatorin Ramona Pop, die im vergangenen Monat sogar erstmals das Ranking anführte. Damit ist jetzt allerdings schon wieder Schluss: Pop wurde Ende Mai, als die Grünen deutschlandweit Top-Ergebnisse feierten, vonden Berlinernschlechter bewertet. Gemeinsam mit Finanzsenator Matthias Kollatz belegt sie jetzt nur noch den zweiten Platz. Auf Platz eins: Langzeit-Spitzenreiter Klaus Lederer (Linke). Bleibt der Trost der Partei-Ergebnisse: Aus einer Abgeordnetenhauswahl würden die Grünen derzeitmit 26 Prozent als stärkste Kraft hervorgehen. Die SPD würde 16, die Linke 17 Prozent Zustimmung schaffen. Rot-Rot-Grün hätte damit weiter eine deutliche Mehrheit von 59Prozent –dann aber würde ein Grüner als Bürgermeister im Roten Rathaus regieren. Eine Jamaika-Koalition aus Grünen, CDU und FDP, wie sie der neue CDU-Landeschef Kai Wegner wiederholt für Berlin ins Spiel brachte, käme hingegen nur auf 48 Prozent der Stimmen. Berlin Seite13 Berliner Verlag GmbH, 11509 Berlin Redaktion: (030) 63 33 11-457 (Mo-Fr10-16 Uhr), Fax-499; leser-blz@dumont.de Leser-Service: (030)23 27-77, Fax-76; www.berliner-zeitung.de/leserservice Anzeigen: (030) 23 27-50, Fax: -66 97; berlin.anzeigen@dumont.de Postvertriebsstück A6517 Entgelt bezahlt 4 194050 501603 11023

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