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Berliner Zeitung 07.09.2019

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Berliner Zeitung

Das wunderbare Jahr der Anarchie: Der Verleger Christoph Links erinnert sich – Seiten 30 und 31 Heute mit Service und Immobilien 11°/22° Wolken und Regen Wetter Seite 18 AM WOCHENENDE www.berliner-zeitung.de Sonnabend/Sonntag,7./8. September 2019 Nr.208 HA -75. Jahrgang Auswärts/D*: 2.00 € Berlin/Brandenburg: 1.80 € GETTY IMAGES Im Magazin: Soziologe Steffen Mau im Gespräch Haben nurWestler vonderWende profitiert? Seiten 2und 3 Nach Palmyra mit der Datenbrille Verlorene Orte entstehen am Computer neu Seite 7 Verboten? Ich und Ich Wieder alte Rembrandt das Selfie erfand Seite 10 Anzeige www.atala.de CDU: Senftleben schmeißt hin Brandenburg Seite 17 Sollen wir ohne Fleisch leben? Darüber streiten die Experten. Jetzt präsentieren wir Ihre Meinung, die Meinung der Leser. Seite 6 SUV rast auf Gehweg: 4Tote Berlin Seite 14 Anzeige Heute in der Berliner Zeitung Gratis Die Rückkehr von kurzen Aufenthalten in Paris nach Berlin vermag mich immer noch in den Zustand der Verblüffung zu versetzen. DieVerkehrs- und Gehwege erscheinen plötzlich aufgeräumt und überschaubar. Umnach der Ankunft in Berlin von hier nach dort zukommen, kann man die alerte Angespanntheit ein wenig herunterfahren, ohne Gefahr zu laufen, jemandem zu nahe zu kommen. Berlin und Paris sind die Hauptstädte ihres Landes, aber das Gefühl einer unter permanenter Stromzufuhr stehenden Metropole stellt sich an der Spree weit seltener ein als an der Seine. InParis leben mehr Menschen, und die Stadt zieht auch mehr an. Dieser Vergleich aber hat die Berliner in den letzten Jahren nicht gelassener gemacht –wohl auch, weil das Bedürfnis,mit Parisund London mitzuhalten, stets gegenwärtig ist. Es scheint ein klaustrophobisches Grundgefühl zu geben, das sich ab und zu auch im politischen Raum meint, Luft machen zu müssen. Am Donnerstag hat ihm der wohnungspolitische Sprecher der Berliner CDU, Christian Gräff, nachgegeben und sich zugleich darum bemüht, ihn mit politischer Verve vorzutragen. „Ich glaube, dass wir einen Zuzugsstopp nach Berlin brauchen“, sagte er dem RBB.„Solange der Senat hier überhaupt keine Infrastruktur schafft –Kitas, Schule, Infrastruktur, –, leiden die Berlinerinnen und Berliner darunter. (…) Das geht so nicht weiter.“ Schon möglich, dass er den Eindruck eines energischen Auftretens vermitteln wollte. Sein verbaler Aufschrei zeugt letztlich aber von einer gesteigerten Hilflosigkeit gegenüber den Bedingungen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens, das ihm fremd, gefährlich und unkontrolliert vorkommt. Im politischen Feld sollte man sich hüten vor Politikern, die rufen: Das geht so nicht weiter. Von ihnen ist jedenfalls kaum zu erwarten, dass sie wissen, wie es weitergeht. Gräff ist denn auch nicht der Einzige, der sich an Sperrstundenfantasien abarbeitet. Kaum weniger absurd als sein Zuzugsstopp ist der Vorstoß der Linken-Politikerin Katalin Gennburg, die fordert, kein Steuergeld mehr auszugeben, um Touristen in die Stadt zu locken. Berlin macht dicht. Dabei ist Berlin eine wachsende Stadt. Laut Auskunft des Senats kommen jährlich 40 000 neue Bewohner hinzu, das verlangt eine umsichtige Planung für das Zusammenspiel von Stadtentwicklung, Verkehr, Wirtschaft, Bildung und Kultur. Zunächst aber sind die anhaltend hohen Zuzugszahlen ein Indiz für die Attraktivität der Stadt, die schnell wieder sinken kann, wenn die Aussichten auf Aufstiegschancen im Beruf und Wohlbefinden im Alltag sich nicht erfüllen. Großstädte sind nun einmal nicht einfach nur schön. Sie können hässlich und abweisend sein, und das Tunund Lassen der anderen Leute erzeugt mitunter Unbehagen. DieLiteratur hält viele Beispiele dafür be- Vorübergehend geschlossen Ein Zuzugsstopp für Berlin? Ein Einreiseverbot für Touristen? Wasdie Debatte über die volle Hauptstadt über den Gemütszustand der Stadtbewohner verrät VonHarry Nutt Dürfen nur noch Ur-Berliner ans Brandenburger Tor? IMAGO IMAGES reit, dass Berlin als Stadt der sozialen Kälte und des Konflikts empfunden wurde. Franz Biberkopf in Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ taumelt ja mehr durch das rasende und ihn rasend machende Berlin, als dass er in ihm Ruhe und eine Heimstadt hätte finden können. Wenige Jahrebevor Döblin seinen Roman schrieb –ererschien 1929 –, hatte die Stadt rund eine halbe Millionen Russisch sprechende Menschen aufgenommen. Berlin sei damals, soschreibt der Historiker Karl Schlögel in seinem Buch „Das russische Berlin“ (Suhrkamp Verlag), zum Ausgangspunkt und Endpunkt sowie zur Durchgangsstation der großen Wanderungen geworden, zu denen sich Menschen keineswegs nur aufgemacht hatten, weil sie ein besseres Leben suchten. Das„Zeitalter der Extreme“ wurde über weite Strecken auch vom Zwang regiert. Zu der Migrationsgeschichte, die Schlögel beschreibt, gehörten nun einmal nicht nur jene,die sich verbessernwollten, sondern auch die in den Köpfen einer rechten Machtelite heranreifenden Ideen, Menschen als willfährige Massen zu behandeln und sie gegebenenfalls zu deportieren und zu töten. Das Wort Zuzugsstopp klingt nach ordnungspolitischer Steuerung, aber weresbenutzt, sollte sich der historischen Implikationen bewusst sein, die es auslöst. Es gibt gute Gründe,sich darüber zu freuen, dass viele nach Berlin kommen und nicht wenige die Absicht haben zu bleiben. Stillstand und beruhigte Verhältnisse widersprechen der Idee voneiner urbanen Gesellschaft, auch wenn das Bedürfnis nach Behaglichkeit nicht nur legitim, sondern immer präsent ist. Undnatürlich nervt eine schmutzige Stadt, in der gesteigerter Drogenkonsum Bedrohungen hervorruft und viele Touristen dubiose Verkehrsmittel benutzen und anschließend achtlos herumliegen lassen. Aber wie viel kleinbürgerlich-verkappte Wutwirddafreigesetzt, wenn linke Aktivisten die herrenlos vagabundierenden E-Roller anzünden und es als politische Tatverstanden wissen wollen? Christian Gräff hat zweifellos recht, wenn er für eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Berlin und dem Land Brandenburg plädiert. Berlin braucht ein neues Bewusstsein von seiner Rolle in der Umgebung. Die wachsende Stadt verändert auch den ländlichen Raum. Schon jetzt wirkt sich der Druck, der vom Berliner Wohnungsmarkt ausgeht, auch auf Brandenburgaus.Die Kräfte der Gentrifizierung wirken in abgeschwächter Form auch hier. Während einzelne Dörfer veröden, herrscht in gut angebundenen Orten Wohnungsknappheit bei steigenden Mieten, die wiederum soziale Spannungen hervorrufen. Die Vorschläge zu Mietendeckelung und Enteignung simulieren schnelle Lösungen und verdecken doch die egoistischen, allein auf die Stadt zentriertenVersuche derBerliner Politik, die Wohnungsmarktprobleme im Alleingang zu lösen. Soll dassoweitergehen? Berlin Seite 11 Berliner Verlag GmbH, 11509 Berlin Redaktion: (030) 63 33 11-457 (Mo-Fr13-14 Uhr), Fax-499 Leser-blz@dumont.de, Leser-Service: (030)23 27-77, Fax-76; www.berliner-zeitung.de/leserservice Anzeigen: (030) 23 27-50, Fax: -66 97; berlin.anzeigen@dumont.de Postvertriebsstück A6517 Entgelt bezahlt 4 194050 501801 61036 7

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