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Berliner Zeitung 09.01.2018

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Berliner Zeitung

Ein grausamer Richter aus dem Iran im deutschen Krankenhaus – Seite 5 . . Dienstag, 9. Januar 2018 Nr.7HA -74. Jahrgangwww.berliner-zeitung.de 1.50 € Berlin/Brandenburg -1.60 € Auswärts/D* ................................................................................................................................................................................................................................................................................................................... G O L D E N G L O B E Zurück in Hollywood VON FRANK JUNGHÄNEL Als der Hamburger Regisseur Fatih Akin am Sonntagabend im Beverly Hilton Hotel von Los Angeles auf die Bühne gerufen wurde,umden Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film in Empfang zu nehmen, ließ er seiner Hauptdarstellerin Diane Kruger den Vortritt. Mit der Trophäe in der Hand wandte er sich der Schauspielerin zu und stammelte: „Without you … This is yours, this is ours …“ Ohne sie hätte er den Film „Aus dem Nichts“ nicht auf diese Weise drehen können, ohne sie wäredas Rachedrama mit Bezügen zu den NSU- Morden womöglich kein so durchschlagender internationaler Erfolg geworden –und so spricht aus seiner Lobpreisung nicht nur die Höflichkeit eines stets respektvollen Diane Kruger, Hauptdarstellerin in „Aus dem Nichts“ Filmemachers, sondern auch ein Stück hanseatischer Realitätssinn. Fatih Akin war es, der Diane Kruger nach Deutschland geholt hat, jetzt holte sie ihn nach Hollywood. Für die gebürtige Niedersächsin ist „Aus dem Nichts“ nach prominenten Auftritten in internationalen Produktionen tatsächlich der erste Film in ihrer Muttersprache.Diane Kruger spielt bei Akin die Rolle der toughen Katja, die mit einem Deutschtürken verheiratet ist, der in einem buntenViertel in Hamburgein kleines Übersetzungsbürobetreibt. Als ihr Mann Nuri und ihr gemeinsamer Sohn bei einem Bombenanschlag ums Leben kommen, gerät Katjas Welt aus den Fugen. Das ist ein Satz, der sich leicht hinschreiben lässt, dessen Konsequenzen aber im Grunde nicht zu fassen sind. Umso bemerkenswerter ist Diane Krugers Präsenz in dem Film. Ihrgelingt es in jeder Minute,das Leid, die Ohnmacht, den Zorn, die Wut dieser Frau im Ausnahmezustand nicht nur darzustellen, sondern wirklich fühlbar zu machen. Sonst gern glamourös besetzt, kann, darfund muss die Schauspielerin hier mit tätowiertem Körper und bloßem Gesicht alle Facetten der physischen und seelischen Qual vor der Kamera durchleben. In einem Interview für den Hollywood-Reporter hat Diane Kruger einmal gesagt, sie sei mit Fatih Akin über die Klippe gesprungen und er habe ihr dabei die Hand gehalten. Lange, viel zu lange, wie man jetzt weiß, wurde Diane Krugers schauspielerisches Vermögen unterschätzt. Es fing einfach alles viel zu schön an für sie, somerkwürdig das klingen mag. 1976 als Diane Heidkrüger in der Kleinstadt Algermissen bei Hildesheim geboren, zogsie als Provinzschönheit mit 15 Jahren nach Paris, um als Model zu arbeiten. Als ihr der Laufsteg nicht mehr reichte, nahm sie Schauspielunterricht und bekam kleinere Rollen in französischen Filmen, bis sie von Wolfgang Petersen für Hollywood entdeckt wurde. Angeblich soll sie sich gegen 3000 Konkurrentinnen für die Rolle der Helena in „Troja“ durchgesetzt haben. Offenbar konnten sich viele Produzenten die schönste Frau der Welt nicht im Charakterfach vorstellen. So musste erst Fatih Akin kommen, sie vondem Stigma zu befreien. DieZusammenarbeit mit ihm, den sie ihrenTraumregisseur nennt, soll noch nicht zu Ende sein. Es gebe Pläne für eine Mini-Serie über Marlene Dietrich, hat Diane Kruger kürzlich erzählt. Die Chancen dafür dürften seit Sonntag enormgestiegen sein. Verkehr,Notrufe,Lotto-Quoten 12 ................................................................................................................. Rätsel, Sudoku 14, 25 ................................................................................................................. Kleinanzeigen 14 ................................................................................................................. Traueranzeigen 14 ................................................................................................................. Berliner Verlag GmbH, 10171Berlin Redaktion: (030) 63 33 11-457 (Mo-Fr 10-16 Uhr), Fax–499; leser-blz@dumont.de Leser-Service: (030)23 27-77, Fax-76; www.berliner-zeitung.de/leserservice Anzeigen: (030) 23 27 -50, Fax: -66 97; berlin.anzeigen@dumont.de ................................................................................................................. 4 Postvertriebsstück A6517 /Entgelt bezahlt 194050 501504 21002 VON GABRIELA KELLER Eskann der Griff eines Fremden in die Haare sein, eine Pöbelei in der U-Bahn oder eine scheinbar harmlose Frage: Wo kommst du her? Nein, wo kommst du wirklich her? Die Debatte um den rassistischen Tweet eines AfD-Politikers gegen Noah Becker wirft ein Schlaglicht darauf, wie schwarze Menschen auch in Berlin wegen ihrer Hautfarbe mit Beleidigungen oder Benachteiligungen zu kämpfen haben. „Dem kleinen Halbneger scheint einfach zu wenig Beachtung geschenkt worden zu sein“ –dieser Kommentar wurde vor wenigen Tagen vom Twitteraccount des AfD-Bundestagsabgeordneten Jens Maier verbreitet. Noah Becker, Künstler und Sohn des Tennisstars Boris Becker, hat Strafanzeige erstattet. Sein Anwalt teilte der Nachrichtenagentur dpa mit, Maier sei zur Abgabe einer Unterlassungserklärung aufgefordert worden. Darauf habe dieser nicht reagiert, nun soll der Fall auch vordie Zivilgerichte gehen. Der Satz wurde schnell gelöscht, Maier behauptet, nicht er,sondernein Mitarbeiter habe ihn veröffentlicht. DerTweet bezog sich auf ein Interview, in dem Becker Berlin –die Stadt, in der er lebt –imVergleich zu London oder Paris eine „weiße Stadt“ nannte, erselbst sei wegen seiner Hautfarbe attackiert worden. Jetzt sagte er dem Magazin Vice, es sei frustrierend, „zu sehen, dass Menschen in Machtpositionen heute immer noch andere sobeleidigen können.“Verletzt habe ihn der Tweet aber nicht: „Sowas passiert schon öfter –imClub oder auf der Straße.Wenn die Person vor mir steht, trifft mich das härter.“ Was Becker zur Sprache bringt, passt nicht zum Image von Berlin als multikultureller, weltoffener Metropole. Doch wenn man mit schwarzen Menschen und Beobachtern spricht, ergibt sich das Bild einer Stadt, in der trotz aller Vielfalt rassistische Klischees verwurzelt sind. „Wann immer ich auf der Straße bin, wenn ich einkaufe oder in einer Behörde bin, ist mir bewusst, dass schwarze Menschen nicht als zugehörig gesehen werden“, sagt der Künstler und Aktivist Isaiah Lopaz, „die Gesellschaft hat ein Problem damit, sich vorzustellen, dass Schwarzsein und Deutschsein zusammengehen können.“ Er hat T-Shirts mit rassistischen Sprüchen bedruckt, die er sich in Berlin anhören musste: „Du gehörst zu uns? Ich dachte,dubist der Dealer“ oder: „Ich gebe eine Party–bringst du afrikanisches Essen mit?“ Lopaz stammt aus Los Angeles und lebt seit sieben Jahren in Berlin; er lehrt an der Kunsthochschule Weißensee.Oft gebe man ihm zu verstehen, dass er Deutschland dankbar sein soll, dass er hier sein darf, „niemals kommt einer auf die Idee, dass ich etwas beizutragen habe“. Als er seine Dreadlocks abschnitt, hoffte er ,dass er nun nicht mehr so oft nach Drogen gefragt würde, aber es kommt immer noch vor. „Was auch passiert ist, dass Deutsche ihreTaschen festhalten, wenn sie an mir vorbeilaufen. Ichmerke,dass die Leute in Berlin Angst vormir haben.“ Die Journalistin Saskia Hödl bestätigt, dass Alltagsrassismus in Berlin spürbar ist, wenngleich sich die Ressentiments subtiler zeigten als anderswo.„Niemand ist sauer,wennereinmal gefragt wird, wo er herkommt, aber wenn du ständig gefragt wirst, kriegst du das Gefühl, dass du nicht dazu gehörst.“ Die Leute, „Wann immer ich auf der Straße bin, wenn ich einkaufe oder in einer Behörde bin, ist mir bewusst, dass schwarze Menschen nicht als zugehörig gesehen werden.“ Isaiah Lopaz, Künstler und Aktivist die ihr im Bus indie Haare greifen und fragen: Wäschst du die auch?, empfinden ihre Handlung vielleicht nicht als rassistisch. „Da werden ständig Grenzenüberschritten“, sagt Hödl. Der AfD-Politiker Jens Maier hat von seiner Partei eine Abmahnungkassiert–der Bundesvorstand forderte ihn auf, bei Auswahl und Führung seiner Mitarbeiter künftig mehr Sorgfalt walten zu lassen. Boris Becker indes hält die Erklärung Maiers zu dem Tweet für unglaubwürdig; der Ex-Tennisspieler rief in der Welt am Sonntag zum Kampf gegen den Rassismus auf: „Es ist Zeit, aufzustehen, den Finger zu heben und auf die Straße zu gehen. “ Tatsächlich geht das Thema weit über den Tweeteines Politi- Wie rassistisch ist Berlin? Wasinder Debatte um Noah Becker und die AfD zur Sprache kommt, passt nicht zum schönen Bild der weltoffenen Hauptstadt. Doch wahr ist: Diskriminierung ist auch hier Alltag kers hinaus. „In Deutschland wird Rassismus meist etwas angesehen, das nur von ein paar Rechtsextremen ausgeht“, sagt der schwarze Aktivist Yonas Endrias, „man muss esendlich als gesamtgesellschaftliches Problem ansehen.“ Endrias ist Vorsitzender des Afrika-Rats Berlin-Brandenburg. Auch sei eine rechtliche Definition von Rassismus dringend nötig, bisher entscheiden die Richter von Fall zu Fall: „Man muss aufklären, auch in der Verwaltung.“ Die Polizei hat im ersten Halbjahr 2017 in Berlin 959 rechte Delikte erfasst, darunter 48 Gewalttaten, 33 davon fremdenfeindlich motiviert. Die Opferberatungsstelle Reach-Out hat 2017 sogar 206 rassistische und rechte Gewalttaten registriert. „Nach dem, was wir mitkriegen, sind gewalttätige Angriffe inzwischen Alltag“, sagt Reach-Out-Beraterin Helga Seyb,„früher haben sich alle damit beruhigt, dass das die im Ostensind. Dasist aber nicht mehr der Fall.“ Auch in anderen Innenstadt-Vierteln gebe es rassistische Aggressionen, wobei sich diese dort eher verdeckt äußerten: „Da sagen die Leute bei Konflikten: Wenn Siehierdie Regeln hier nicht kennen, müssen Sie dahin, wosie hingehören – und meinen Neukölln.“ Andererseits aber werden rassistische Klischees in Berlin herausgefordert, schwarze Aktivisten mischen sichvehement in den Diskurs, etwa im Streit um die Straßennamen im Wedding, die auf deutsche Kolonialisten zurückgehen. Yonas Endrias hat sich für eine Umbenennung eingesetzt, er sagt: „Es gibt in Berlin-Mitte positive Tendenzen. Rassismus und Kolonialismus werden thematisiert, damit sind wir ziemlich weit vorn.“ ULLSTEIN/PUBLIC ADDRESS PRESSEAGENTUR NICHT VERPASSEN ❖ GÖTZ ALY ANTWORTET DieDebatte um die Bluttat vonKandel geht weiter.AmWochenende hatte sich Susanne Lenz über Verallgemeinerungen bei der Debatte über Flüchtlinge beklagt. NunerwidertAly. Kolumne Seite 8 KLIMAZIEL AUFGEGEBEN Union und SPD stellen das deutsche Klimaschutzziel für das Jahr 2020 infrage. Diebis dahin angestrebte Verringerung des Treibhausgasausstoßes „wirdaus heutiger Sicht nicht erreicht werden“, heißt es laut Medienberichten in einem Papier der Sondierungsgruppe. Politik Seite 4 HALBES GESTÄNDNIS Erstmals meldet sich im Prozess um den Bombenanschlag auf die Mannschaft vonBorussia Dortmund im April 2017 der Angeklagte zu Wort.Ergibt die Tatzu–verletzen wollte er angeblich niemanden. Politik Seite 4 GRÜNER WECHSEL DieUmbrüche bei den Grünen sind in vollem Gange: Erst kündigte CemÖzdemir an, nicht zur Wiederwahl für die Parteienspitzeanzutreten, nun zogsich auch Simone Peter zurück. Es müssen zwei neueVorsitzende gefunden werden. Eine könnte Anja Piel sein. Politik Seite 4, Leitartikel Seite 8 WETTER DPA LANGE LEBEN In Zukunft lässt sich der Todvermutlich deutlich hinausschieben, sagt der israelische Forscher Chaim Cohen. Er hat herausgefunden, dass ein gewisses Maßan Hunger und Stress günstig ist für ein langes und gesundes Leben. Wissenschaft Seite 16 SCHAUPROZESS BEGINNT VorKurzem lebte Trinh Xuan Thanh noch einigermaßen sorglos in Berlin. Nach der mutmaßlichen Verschleppung in seine Heimat Vietnam droht ihm die Todesstrafe.Bundesregierung und Familie versuchen, das zu verhindern. Berlin Seite 12 TOURISTEN-TYPEN Um besser auf die Vorlieben der Touristen reagieren zu können, will die Stadtmarketingagentur Visit Berlin das Touristenticket Welcome Card digitalisieren und die Daten auswerten. Es geht um die Akzeptanz der Berliner. Berlin Seite 9 BERLIN: Wechselnd bis stark bewölkt. Tageshöchstwerte bei 5, nachts um minus 1Grad. Seite 2

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