Aufrufe
vor 11 Monaten

Berliner Zeitung 09.04.2019

  • Text
  • Berlin
  • Berliner
  • Welt
  • Claude
  • Zeitung
  • Monsieur
  • Menschen
  • April
  • Marvel
  • Dumbo
  • Berlin.de

Berliner Zeitung

Gefahr auf dem Gehweg: Fußgängerunfälle in Berlin – Berlin Seite 9 Wozu gibt es Kreuzfahrten? Seite 3 5°/13° Ein sonniger Tag Wetter Seite 2 Unverschämt: Anmache bei der Wohnungssuche Berlin Seite 10 www.berliner-zeitung.de Dokumentiert: Mit Christo übers Wasser gehen Feuilleton Seite 19 Dienstag,9.April 2019 Nr.83HA-75. Jahrgang Auswärts/D*: 1.70 €–Berlin/Brandenburg: 1.60 € Angestochen: In Beelitz beginnt die Spargelernte Brandenburg Seite 15 Russland Ein kritischer Geist ist wieder frei VonStefan Scholl Der Hauptangeklagte umarmte noch im Gerichtssaal Freunde und Kollegen. „Das ist noch kein Sieg“, sagte Kiril Serebrennikow, „aber schon fast, wir sind nahe dran.“ Am Montag hat das Moskauer Stadtgericht den Hausarrest des 49- jährigen Film- und Theatermacher sowie für drei seiner Mitangeklagten im Betrugsprozess um das Theaterprojekt „Siebtes Studio“ überraschend aufgehoben. Erst in der vergangenen Woche war der Arrest um drei Monate verlängert worden. Die vier dürfen sich Kiril Serebrennikow wieder frei in russischer Regisseur Moskau bewegen, die Stadt aber nur mit Erlaubnis der Behörden verlassen. Experten vermuten, die Entlassung sei das Ergebnis der Bemühungen einflussreicher Gönner des Regisseurs. ImKreml werde Serebrennikowunter anderem vonWladislaw Surkow unterstützt, heißt es etwa. Surkow ist Putin-Berater und Kurator der ostukrainischen Rebellenrepubliken. Er sei mit Serebrennikow befreundet, seit dieser die Bearbeitung eines Romans Surkows auf die Bühne brachte. Die Entscheidung sei überfällig, sagt auch Wladimir Tolstoi, Ururenkel des großen russischen Schriftstellers Leo Tolstoi, der Putin in kulturellen Angelegenheiten berät. DerProzess gegen Serebrennikow läuft seit Oktober 2018. DieStaatsanwaltschaft wirft ihm und seinen Mitangeklagten vor, umgerechnet 1,8 Millionen Euro unterschlagen zu haben, die das „Siebte Studio“ zwischen 2011 und 2013 für dieVerwirklichung von Bühnenprojekten vom Staat erhalten hatte. „Schwerer Betrug“, für den bis zu zehn Jahre Gefängnis drohen. In seinen Werken hat Serebrennikow wiederholt auch Homosexualität thematisiert und die Russisch-orthodoxe Kirche ebenso kritisiert wie den Hurra-Patriotismus der Staatsmedien. Das soll vor allem Kulturminister Wladimir Medinski erbost haben. In seiner Heimat ist Serebrennikow wegen seiner mutigen Erzählweisen besonders bei prowestlich und liberal gesinnten Russen populär. Ob Filme, Ballett, Oper oder Theater –Serebrennikow wird nicht zuletzt wegen seines Assoziationsreichtums und seiner Vielseitigkeit geschätzt. Trotz seines Hausarrests brachte die Staatsoper Stuttgart2017 seine Version von „Hänsel und Gretel“ per Fernregie auf die Bühne. Internationale Filmgrößen und westliche Politiker setzten sich für Serebrennikow ein. Das Gericht werde nun ein neues Finanzgutachten erstellen, heißt es. Zufrieden könne er erst sein, wenn diese ganzen „Scherereien“ vorbei seien, sagt Serebrennikowbeim Verlassen des Gerichts. Die Suche nach der Berlin-DNA VonElmar Schütze Er rollt und rollt und rollt.“ „Plaste und Elaste aus Schkopau.“ „Der Geschmack von Freiheit und Abenteuer.“ Es gibt wohl nicht viele Werbesprüche,die sich ins Gedächtnis von Generationen eingebrannt haben, oder an die man sich zumindest so gewöhnt hat, dass sie in den Sprachgebrauch eingeflossen sind. Bei„be.berlin“ hat das nie so richtig funktioniert –zukryptisch und zu fremdsprachig. Jedenfalls hat der 2008 von einer 17-jährigen Schülerin geprägte Spruch (im Original: „Sei einzigartig, sei vielfältig, sei Berlin“) nach Auffassung des Senats jetzt ausgedient. Der rote Schriftzug„be.berlin“ mit einem stilisierten Brandenburger Tor dazwischen als„kommunikatives Dach des Stadtmarketings auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene“, wie es in einem Entwurf heißt, soll ersetzt werden. Aber wie? Undwodurch? Derganz große Mix Dafür hat der Senat ein großes Projekt aufgesetzt. Sechs Schritte –genannt Recherche, Ethnographische Forschung, Experteninterviews, Repräsentativbefragung, Stakeholder- Beteiligung und Entwicklung finales Leitbild –sind seit vorigem April absolviert worden, rund 3000 Personen haben sich in Konferenzen, Interviews und Befragungen beteiligt: Frauen und Männer,Junge und Alte, Berliner und Nicht-Berliner, Religiöse und Religionsferne: der ganz große Mixaus unzähligen Lebensbereichen. Siehaben sich beteiligt und die Grundlage geschaffen für die Suche nach einem Leitbild für Berlin, quasi nach der DNA der Stadt. Die erste Phase ist nun abgeschlossen, die Basis für die endgültige Suche nach der Berlin-DNA in Stufe zwei sollen dann Agenturen übernehmen. Doch schon jetzt, ein Jahr und 210 000 Euro später,die der Prozess bisher kostete, lässt sich bilanzieren: So eine Doppel-Helix für eine Stadt zu finden, ist hochgradig komplex. Schließlich wirdnichts weniger gefordertals die Quadratur des Kreises. Wie soll man Lebenswirklichkeit und Wünsche von3,6 Millionen Menschen, Anforderungen von Start-up- und Tourismusindustrie in einem Claim zusammenfassen, der auch weltweit verstanden wird? Undein solcher Leitspruch soll ja auch eineWeile Gültigkeit haben.Wie sich ein Claim, wie das Werber nennen, wandeln kann, ist schön anschaulich am Begriff der „wachsenden Stadt“ zu sehen.Vorwenigen Jahren noch feierte sich der Senat dafür, einer wachsenden Stadt vorzustehen –endlich nach Jahren des Schrumpfens nach dem Mauerfall, trotz aller Hauptstadtbeschlüsse und Umzüge aus Bonn. Mittlerweile wächst Berlin um rund 40 000 Menschen pro Jahr. Selbst die Vier-Millionen-Grenze, die zuletzt im Kriegswinter 1944/45 erreicht war, kommt wieder in Sichtweite. Die Wirtschaft wächst, die Ar- „Ich bau mir meine Welt, wie ich möchte.“ Ein Befragter im Interview zum Thema Freiheit beitslosigkeit und mit ihr auch der Schuldenberg sinkt – endlich. Erst nach und nach merkt die Politik, dass die wachsende Stadt auch eine Herausforderung ist. Denn Wachstum bedeutet zugleich Verteuerung, Veränderung, Verdrängung. Die wachsende Stadt taucht in den Senatsunterlagen kaum noch auf. Wasmuss so ein Claim also alles widerspiegeln? Auf jeden Fall muss er die Schlüsselbegriffe der Stadt mitdenken und mitfühlen –die, für die die Stadt stand und steht. Zum Beispiel Freiheit. Die „freie Stadt“ ist so alt wie Berlin selbst und bezeichnete die Städte, die sich aus der Herrschaft von Bischöfen befreit hatten. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt nur West-Berlin als frei –freivon Sozialismus.Mit dem Mauerfall 1989 galt dies endlich für die gesamte Stadt. Besucher aus aller Welt wissen das, deswegen kommen sie zu Millionen. Wieist der Stand der Freiheit heute? Der Begriff hat seine Bedeutung geändert. Wir sprechen von Freiräumen zum (Aus)-leben und müssen feststellen, dass die in der Innenstadt knapper werden. Gleichzeitig stellt sich dem Motto „Alles geht“ der Wunsch nach mehr Miteinander in Nachbarschaften und Kiezen entgegen. Immer mehr Der Senat fahndet nach einem neuen Leitbild für die Hauptstadt. In einer ersten Runde gab es eine breite Debatte mit vielen Bürgern: Wasist Berlin und vor allem –wie viele? BERLINER ZEITUNG/ISABELLA GALANTY Menschen finden Müll, Profilierungsfahrten und andere Auswüchse des Laissez-faire nicht cool oder gar berlinisch, sondernnur störend und belästigend. Interessant, dass sich die Berliner Grünen auf ihrem Parteitag am Sonnabend explizit für das Recht auf selbstbestimmtes Leben einigten. Weil sich jeder einzelne dieser Lebensentwürfe in der Minderheit befinde, es aber eben insgesamt 3,6 Millionen Stück seien, ergäben alle Entwürfe zusammen eine Mehrheit. „Wir machen damit Politik für die große Mehrheit. Wir sind die Realisten“, sagte die frühere Parteichefin Bettina Jarasch auf dem Parteitag. Aber wie viele Berliner nimmt man damit wirklich mit? Reicht das aus? Die Liebe zur eigenen Stadt Man habe eine Reise ins Innere der unzähligen Lebenswelten unternommen, schreiben die Autoren des Entwurfs aus der Senatskanzlei, „eine Expedition in die DNA Berlins“. Das Ergebnis soll ein „modernes Leitbild sein, das die Marke Berlin weiterdenkt, ihren Kern und ihre Werte definiert, ihre Stärken betont und die Berliner in ihrer Liebe zur eigenen Stadt bekräftigt“. Denn Berlin-Bashing betreiben bekanntlich nicht nur die, die von außen auf die Stadt schauen, schreiben sie. Tatsächlich fragen sich Berliner so manches Mal laut, was Touristen oder Zugezogene an der Stadt eigentlich so anziehend finden. Noch ist nicht festgelegt, wann der neue Spruch gefunden sein soll. Bis dahin darf nur eines als sicher gelten. DerBerlin-Claim wirdanders sein als „Brandenburg. Es kann so einfach sein“. Wäre jaauch gelogen. Aber vielleicht: „Dit is Berlin“? Kommentar Seite 8 Merkel ist gegen Enteignungen Wohnungsnot werde dadurch nicht gelindert In der Debatte um Wohnraumknappheit und hohe Mieten spricht sich die Bundesregierung gegen Enteignungen aus.Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) halte diese „nicht für ein geeignetes Mittel zur Linderung der Wohnungsnot“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag. Laut Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) ist die Debatte „überflüssig wie ein Kropf“. Auch SPD-Politiker betonten, andereMaßnahmen seien viel erfolgversprechender. Die Debatte über Wohnungsknappheit und hohe Mieten in Ballungsräumen hatte am Wochenende durch bundesweite Demonstrationen für bezahlbaren Wohnraum neue Nahrung erhalten. In Berlin startete die Unterschriftensammlung für das Volksbegehren „Deutsche Wohnen &Coenteignen“. Regierungssprecher Seibert hielt dem entgegen, dass es der Schlüssel für bezahlbaren Wohnraum sei, eine ausreichende Zahl von Wohnungen zu Verfügung zu haben. Dafür sehe der Koalitionsvertrag eine Vielzahl vonMaßnahmen vor. Es sei der Kanzlerin und der gesamten Bundesregierung sehr bewusst, dass der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum „ein großes Thema für die Menschen ist“. Nahles: Nureine Scheinlösung EinSprecher des Bundesinnenministeriums verwies darauf, dass die große Koalition bereits eine Vielzahl von Initiativen eingeleitet habe. Allein für den sozialen Wohnungsbau, das Baukindergeld, Wohngeld und Städtebauförderung würden mehr als 13 Milliarden Euro zu Verfügung gestellt. Bundeswirtschaftsminister Altmaier sagte, wer jetzt über Enteignungen spreche,beschädige die Konjunktur und die Interessen von Millionen Mietern. DasThema könne die private Bautätigkeit bremsen. Am Wochenende hatte sich bereits Bundesbauminister Horst Seehofer (CSU) gegen Enteignungen gewandt. Die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles (SPD) sagte am Montag, Enteignungen seien nur eine „Scheinlösung“, die langwierig und teuer sei. DieSPD halte einen „Mietendeckel“ für geeigneter. Entscheidend sei ohnehin der Neubau vonWohnungen. (AFP) Berliner Verlag GmbH, 11509 Berlin Redaktion: (030) 63 33 11-457 (Mo-Fr10-16 Uhr), Fax-499; leser-blz@dumont.de Leser-Service: (030)23 27-77, Fax-76; www.berliner-zeitung.de/leserservice Anzeigen: (030) 23 27-50, Fax: -66 97; berlin.anzeigen@dumont.de Postvertriebsstück A6517 Entgelt bezahlt 4 194050 501603 21015

2019

2018