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Berliner Zeitung 11.09.2019

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„Das Amt kam für mich zu früh“ –Sigmar Gabriel über seine Karriere Politik Seite 4 Kolumne: Union und Hertha Seite 20 10°/23° Spätsommer Wetter Seite 2 Werder: 2020 fällt das Baumblütenfest aus Brandenburg Seite 16 www.berliner-zeitung.de Warum Iggy Pop für die Deutsche Bahn warb Feuilleton Seite 23 Mittwoch, 11. September 2019 Nr.211 HA -75. Jahrgang Auswärts/D*: 1.70 €–Berlin/Brandenburg: 1.60 € So weiblich wird die neue EU-Kommission Tagesthema Seite 2, Kommentar Seite 8 Grüne Die Bremer Alternative VonMarkus Decker Schon die Kandidatur von Cem Özdemir um den Grünen-Fraktionsvorsitz war überraschend. Noch überraschender war aber die Partnerin, mit der er antritt: Kirsten Kappert-Gonther,eine Bundestagsabgeordnete aus Bremen vomlinken Flügel. Den Herausforderern werden allgemein eher Außenseiterchancen eingeräumt. Freilich ist auch von einer Dynamik die Rede, die entstehen könnte – und eventuell sogar weiteren Kandidaten, die bis zum 24. September in den Ring steigen. Kirsten Kappert- Kappert- Gonther, Gonther wurde ehrgeizigeGrüne 1966 in Marburg geboren, wuchs im Ruhrgebiet auf und studierte Medizin in Marburgund Brisbane (Australien). Sie arbeitete als ärztliche Leiterin einer Reha-Einrichtung für psychisch Kranke in Gütersloh und als Chefin einer psychiatrischen Privatklinik-Ambulanz in Bremen. Von 2005 bis 2017 war sie selbstständige Psychotherapeutin in der Hansestadt. Sieist seit 30 Jahren verheiratet und hat zwei Kinder, von denen eines mittlerweile ebenfalls Ärztin ist. Die politische Karriere der Medizinerin begann 2002 mit dem Eintritt in die Grünen, nahm Fahrt auf mit der Wahl in die Bremer Bürgerschaft 2011, wo sie 2015 zur stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden emporstieg, und erreichte einen weiteren Höhepunkt mit derWahl in den Bundestag 2017. Zugleich war die Vegetarierin ohne Auto aktiv in der Umwelt- und Friedensbewegung. Kappert-Gonthers Ehrgeiz wurde spätestens Ende 2012 offensichtlich. Denn obwohl sie seinerzeit erst ein Jahr in der Bürgerschaft saß, wollte Kappert-Gonther die heimische Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck beerben –eine zentrale Figur der Partei seit ihrer Gründung. Was damals noch misslang, gelang vier Jahre später. Beck musste für Kappert-Gonther Platz machen. Insofernwundertesnicht, dass die Fraktionssprecherin für Drogenpolitik, die sich für eine Entkriminalisierung von Cannabis einsetzt, erneut nach relativ kurzer Zeit in neuer Funktion zum nächsten Sprung ansetzt. Realos sagen, Kappert-Gonther könne eine gute Ergänzung zu Özdemir sein. Hier das promovierte Bürgerkind, das jüngst zur Bildung der Bremer Linkskoalition aus SPD,Grünen und Linken beitrug; da das realpolitische Migrantenkind, das sich aus kleinen Verhältnisse hocharbeitete. Offenbar will sich Kirsten Kappert-Gonther nur um den Frauenplatz bewerben und damit nur gegen Göring-Eckardt antreten. Verliertsie, würde sie Özdemir wohl das Feld gegen Hofreiter überlassen. Die 52- Jährige hat also eine Chance. Mehr nicht. „Ich werde diesen Kampf führen“ Manuela Schwesig ist an Brustkrebs erkrankt und gibt ihre Parteiämter in der SPD auf. Seite 3 Baustelle Berlin Sanierungen bei Bahn und S-Bahn behindern auf Jahre den Verkehrinder Hauptstadt VonAnnika Leister Eigentlich sollte Lisa Maria Eckard schon im Zug zur Uni nach Potsdam sitzen. Stattdessen wartet die 27- Jährige auf Gleis 3amBahnhof Zoo und beantwortet E-Mails auf ihrem Handy. Ihr Regionalexpress hält heute nicht hier,genauso wie in den kommenden vier Wochen. Eine halbe Stunde muss Eckardauf einen anderen Zugwarten, dann noch einmal umsteigen. „Nervig“, sagt sie. „Aber,mein Gott, so ist halt Berlin.“ Die meisten Berliner sind nüchtern und entspannt, wenn ihre Bahnen nicht kommen. In den nächsten Wochen aber trifft es die Fahrgäste im Berliner Netz besonders hart. Denn an zahlreichen zentralen Bahnhöfen und Strecken wird gebaut, betroffen sind S-Bahnen, Regionalbahnen und Fernverbindungen. Bis zum 14. Oktober ist die Strecke der Stadtbahn zwischen Hauptbahnhof und Bahnhof Zoo wegen Bauarbeiten für Fern-und Regionalzüge gesperrt. Alle Züge, die hier eigentlich nur kurz halten, enden entweder am Hauptbahnhof, am Zoo oder am Bahnhof Charlottenburg. Betroffen sind die Regionalexpress- Linien RE1, RE2, RE4, RE6 und RE7, die Regionalbahnen RB21 und RB22 sowie der IRE von Hamburg nach Berlin. „Wir fahren von der einen Seite bis zum Hauptbahnhof und vonder anderen Seite bis zum Zoo“, erklärt ein Sprecher der Bahn. „Dazwischen übernimmt die S-Bahn.“ Als Ersatz taugen die S3, S5, S7 und S9. Die Taktzahl der S-Bahnen wird allerdings nicht erhöht –dafür gebe es wegen der Bauarbeiten keine Kapazität auf den Gleisen, hieß es. Ein Schienenersatzverkehr per Bus ist eingesetzt. Wegen der großen Verkehrsbelastung auf den Straßen empfiehlt die Bahn aber eher die S- Bahn als Ersatz. Der Tenor von Bahn und BVG ist derselbe: Fahrgäste müssen mehr Zeit und ein bis zwei Umstiege mehr einplanen –und können fest damit rechnen, dass die S- wie U-Bahnen wesentlich voller werden. Das gilt nicht nur für die Strecke in Mitte.ImOsten der Stadt hat die S- Bahn Berlin bereits Ende August mit einem der größten Bauvorhaben in der Geschichte des Unternehmens begonnen. Neue Gleise und Kabel werden zwischen Springpfuhl und Wartenberg verlegt, außerdem wird ein elektronisches Stellwerk angeschlossen und eine neue Zugsicherungstechnik installiert. Bis Mitte November ziehen sich die Arbeiten, betroffen sind die S75, S7 sowie die S5. „Das ist für uns die viel dramatischere Situation“, sagt BVG-Pressesprecherin Petra Nelken. In Mitte seien die Ausweichmöglichkeiten für die Fahrgäste besser. „In Lichtenberg fangen wir die gesamte S-Bahn auf.“ Die U5 fährt auf der Strecke schon alle fünf Minuten. Noch mehr ginge schlicht nicht, sagt Nelken.„Wenn so viele Leute einsteigen, brauchen sie einfach auch mehr Zeit auf dem Bahnhof.“ „Eigentlich geht man bei Brücken von einer Lebenszeit von 80Jahren aus. Man hat hier eine Bautechnik gewählt, die nicht die Erwartungen erfüllt.“ Jens Wieseke, Sprecher des Berliner Fahrgastverbands IGEB Polizei sucht Zeugen des SUV-Unfalls Noch ist unklar,obder Fahrer einen Epilepsie-Anfall hatte War es rücksichtslose Raserei oder eine Krankheitstragödie? Auch fünf Tage nach dem Unfall an der Invalidenstraße in Mitte,bei dem vier Menschen starben, ist noch immer nicht klar, wie es dazu kommen konnte. Die Polizei hat jetzt eine eigene „Ermittlungsgruppe Invalidenstraße“ gegründet, die die Hintergründe aufklären soll. DiePolizei schaltete am Dienstag im Internet ein Hinweisportal frei. Unter dem Link „be.hinweisportal.de“ können Videos von dem Unfall, die etwa per Handy oder Dashcam aufgenommen wurden, direkt auf den Polizeiserver hochgeladen werden. Davonversprechen sich die Ermittler Hinweise auf den genauen Unfallhergang. Denn noch immer ist nicht geklärt, ob der Fahrer tatsächlich einen epileptischen Anfall hatte oder bewusst mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit durch die Invalidenstraße gerast war. Die Polizei dementierte die am Montag durchsickerte Theorie des epileptischen Anfalls auch am Dienstag nicht. Ob der Fahrer, der nach Medienberichten Geschäftsführer von drei Firmen und Autoliebhaber sein soll, unter Einfluss von Alkohol, Drogen oder Medikamenten stand, sagen Polizei und Staatsanwaltschaft bislang nicht. Allerdings wurde bestätigt, dass dem 42-Jährigen nach dem Unfall Blut abgenommen wurde,um es auf mögliche darin enthaltene Substanzen zu testen. DerUnfall entfachte eine Debatte über Sportgeländewagen (SUV, englisch: Sport Utility Vehicle) in Innenstädten. Grünen-Politiker, die Deutsche Umwelthilfe und alternative Verkehrs- und Fußgänger-Verbände forderten Einschränkungen. Nach Einschätzung von Experten aus der Unfallforschung und der Polizei gibt es aber keine Hinweise dafür, dass der Unfall mit einem anderen Auto anders verlaufen wäre. Auch am Dienstag legten Menschen Blumen an der Unfallstelle an der Kreuzung Invalidenstraße und Ackerstraße in Berlin-Mitte nieder. Die St. Elisabeth-Kirche, die direkt am Unfallortliegt, soll vonDonnerstag bis Sonntag wieder zum stillen Gedenken öffnen. Am Freitagabend ist eine Andacht für die Unfallopfer geplant. (BLZ) Berlin Seite 10 Berliner Verlag GmbH, 11509 Berlin Redaktion: (030) 63 33 11-457 (Mo-Fr13-14 Uhr), Fax-499; leser-blz@dumont.de Leser-Service: (030)23 27-77, Fax-76; www.berliner-zeitung.de/leserservice Anzeigen: (030) 23 27-50, Fax: -66 97; berlin.anzeigen@dumont.de Postvertriebsstück A6517 Entgelt bezahlt Am Hauptbahnhof sind die wochenlangen Bauarbeiten nur ein erster, kleiner Testlauf. Die Gleise der Stadtbahn laufen dortüber Brücken, die den Bahnhof überspannen. An diesen Brücken müssen 38 sogenannte Fahrbahnübergangskonstruktionen ausgetauscht werden. Sie haben die Aufgabe,Bewegungen der Brücken –zum Beispiel Veränderungen des Materials durch Hitze oder Kälte –aufzufangen. Bei den Bauarbeiten werden nun vorerst nur zwei dieser Konstruktionen ausgetauscht. „Wir werden die neuen Teile einbauen, sichern und eine Zeit lang überwachen“, sagt ein Sprecher. „Wenn alles funktioniert, werden in zwei oder drei Jahren die nächsten 36 Stückgewechselt.“ Der Berliner Hauptbahnhof wurde erst 2006, also vor 13Jahren, eröffnet. Die Teile, die nun ausgetauscht werden müssen, sind nur unwesentlich älter. Normalerweise aber halten Brücken länger. „Grob geht man bei Brücken von einer Lebenszeit von 80 Jahren aus“, sagt Jens Wieseke vomBerliner Fahrgastverband IGEB. Beim Bau des Hauptbahnhofs standdie Deutsche Bahn undihr damaliger Chef Hartmut Mehdorn unter enormem Druck: Die Fußball- Weltmeisterschaft in Deutschland stand an, der Hauptbahnhof sollte unbedingt bis dahin fertig werden. Mehdorn sparte an Maßnahmen, beschleunigte den Bau, wo es ging – und schaffte es mit der Eröffnung noch vorder WM 2006. Ist der Austausch der Teile nötig, weil beim Bau gepfuscht wurde? Nein, sagt Wieseke, man könne dem Bauherrn keine Schuld zuweisen. Aber:„Manhat hier eine Bautechnik gewählt, die nicht die Erwartungen erfüllt.“ Die Bahn antwortet auf die Gründe für den frühen Austausch der Brückenkonstruktionen ganz lakonisch: „Es hat alles seine Zeit.“ Auch Harald Moritz, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen, hält die Arbeiten für angezeigt: Es sei nicht schön für die Fahrgäste, wenn so viele Baustellen auf einmal anfielen. „Aber es sind Arbeiten, die irgendwann erledigt werden müssen.“ 4 194050 501603 DPA/JENS BÜTTNER 31037

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