Aufrufe
vor 1 Jahr

Berliner Zeitung 15.01.2019

  • Text
  • Berlin
  • Berliner
  • Januar
  • Zeitung
  • Deutschland
  • Menschen
  • Junge
  • Luft
  • Aquaman
  • Frische
  • Berlin.de

Berliner Zeitung

Schicksalhafte Januar-Tage: Luxemburg, Liebknecht und die Revolution – Seiten 2und 3 Kretzschmar und die Meinungsfreiheit Seite 8 1°/8° Regen und Schnee Wetter Seite 26 Beuth-Hochschule: Antisemit als Namensgeber? Berlin Seite 14 www.berliner-zeitung.de Gegen Russland: Erstes Unentschieden Sport Seite 18 Dienstag,15. Januar 2019 Nr.12HA-75. Jahrgang Auswärts/D**: 1.70 €–Berlin/Brandenburg: 1.60 € Identitäre: Rechte Aktion gegen Medien und Parteien Politik Seite 4 Deutsche Bahn Stratege in Nöten VonRasmus Buchsteiner Richard Lutz könnte sich bestimmt angenehmere Termine vorstellen. An diesem Dienstag muss der Bahnchef zum Rapport ins Bundesverkehrsministerium –gleich früh um sieben Uhrmorgens.Der Spitzenmanager hat ein Jahr mit immer neuen Hiobsbotschaften hinter sich. Ein Jahr, indem er schließlich in einem Brandbrief auf den desolaten Zustand des Konzerns hinwies. Eswar eine Art Hilferuf aus dem Bahntower Richard Lutz, Schachspieler und Bahnchef am Potsdamer Platz. In der Regierung war man jedoch„not amused“ über dieses Vorgehen. In der Analyse der Lage dürften der 54-jährige Lutz und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) nicht allzu weit auseinanderliegen. Ein Symptom der Krise: Im Fernverkehr waren 2017 nur noch drei von vier Zügen pünktlich. „Es besteht Einigkeit, dass wir besser werden müssen, dass wir mit dem, was wir im Moment an Pünktlichkeit und Produktqualität haben, nicht zufrieden sein können“, sagte der Bahnchef der Berliner Zeitung (Redaktionsnetzwerk Deutschland). „Der Kunde hat mehr verdient.“ Ob Lutz, der das Unternehmen seit März 2017 führt, die Chance für einen Neuanfang bekommt, hängt auch vom Verlauf der Gespräche im Verkehrsministerium ab. Scheuers Bahnbeauftragter, Staatssekretär Enak Ferlemann (CDU), hat klargemacht, dass die Regierung die von Lutz vorgelegte „Agenda für eine bessereBahn“ nicht für ausreichend hält. DemVernehmen nach strebt Lutz eine Aufstockung des Konzernvorstands um zwei auf acht Posten an. Die Chefs der Tochterunternehmen DB Regio,DBCargo und DB Fernverkehr wären dann in der Unternehmensspitze vertreten. Davon verspricht sich Lutz offenbar mehr Durchschlagskraft. Bisher hatten die Vorstandsmitglieder keine unmittelbare operative Verantwortung. Die Frage ist, ob es zu einem größeren Unternehmensumbau kommt. So oder so ist der Finanzbedarf für notwendige Modernisierungen erheblich. Bis 2021 werden zusätzlich fünf Milliarden Euro benötigt. Bahnchef Lutz ist passionierter Schachspieler,spielte zeitweise sogar in der zweiten Bundesliga. Er geht gernstrategisch vor. DerSohn aus einer Eisenbahnerfamilie ist seit 1994 im Unternehmen und seit 2010 im Konzernvorstand. Er ist kein Mann der großen Worte. Das unterscheidet ihn von seinen Vorgängern Hartmut Mehdornoder Rüdiger Grube,dem er als Finanzvorstand diente. Lutz braucht jetzt dringend einen Befreiungsschlag. Verkehrsminister Scheuer erwartet, dass sich die Qualität bei der Bahn schon im laufenden Halbjahr„spürbar verbessert“. VonAnnika Leister Sie fühlen sich stärker gestresst, schlechter bezahlt und sozial kaum abgesichert: Berliner Beschäftigte bewerten ihre Arbeitsverhältnisse nach einer aktuellen Studie in vielen Punkten kritischer als der Bundesdurchschnitt. Das ergibt eine repräsentative Studie mit dem Titel „Gute Arbeit“, die die zuständige Senatsverwaltung in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) 2018 erstmals für Berlin durchführen ließ. Die Ergebnisse stellte Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Montag vor. 1000 Berliner zwischen 15 und 64 Jahren, die in Berlin wohnen und in unterschiedlichen Branchen arbeiten, wurden für die Erhebung vonJanuar bis Juni 2018 befragt. Im Zentrum standen die Fragen: Wie nehmen die Beschäftigten ihreSituation wahr? Wie zufrieden sind sie mit ihrenArbeitsbedingungen? Ein zentrales Problem der Berliner: Ihr Einkommen genügt vielen nicht für ein gutes Leben. 42 Prozent der Befragten gaben an, dass ihr Gehalt nicht oder gerade so ausreiche, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Deutschlandweit fällt dieser Negativ-Wert mit 38 Prozent um vier Punkte niedriger aus. Auch der Blick in die Zukunft ist für viele Berliner düster:46Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die gesetzliche Rente im Alter für sie nicht ausreichen wird. 36 Prozent glauben, dass sie „gerade ausreichen“ wird. Lediglich 18 Prozent sind der Meinung, dass sie von ihrer Rente „gut“ oder „sehr gut“ werden leben können. Eng verknüpft mit der Furcht vor der (Alters-)Armut ist ein anderes Problem: Unternehmen in der Berlin ist gestresst Die Beschäftigten in der Hauptstadt fühlen sich stärker belastet als die Menschen im Rest der Republik. Das zeigt eine neue Studie des Senats Fensterputzer auf der Reichstagskuppel. 42 Prozent der befragten Berliner sagen, dass ihr Gehalt nicht oder gerade so ausreiche. Hauptstadt übernehmen nach der Studie nur wenig Verantwortung, wenn es um die soziale Absicherung ihrer Angestellten geht. 37 Prozent der Befragten erhalten von ihren Arbeitgebern gar keine Angebote zur Verbesserung der Altersvorsorge, zum Beispiel durch eine Betriebs- Wie häufig fühlen Sie sich bei der Arbeit gehetzt oder unter Zeitdruck? sehr häufig Berlin Deutschland oft selten nie 17% 26 % 23 % 29% Wie häufig arbeiten Sie am Wochenende?* Berlin Deutschland Berliner arbeiten häufiger an Wochenenden als der deutsche Durchschnittsbürger. 17% 28% 39% 13% 15% 28% 32% 13% 29% 34 % 14% 43% *ABWEICHUNGEN ZU 100% BEDINGT DURCH RUNDUNG, BLZ/REEG; QUELLE: DGB rente oder Beihilfen zur Vermögensbildung (Bund: 29 Prozent). Auch Sozialleistungen wie Essens- und Fahrtkostenzuschüsse bleiben 58 Prozent der Beschäftigten vorenthalten (Bund: 57 Prozent). Für Christian Hoßbach, DGB- Vorsitzender für Berlin-Brandenburg, sind die Gründe für die sozial schwache Performance der Unternehmen vor allem in der speziellen Betriebslandschaft der Hauptstadt zu suchen. In Berlin gebe es nur wenige Unternehmen mit hoher Mitarbeiterzahl und kaum Industrie, die gewerkschaftlich klassisch starkauf- gestellt ist. Stattdessen dominiertdie Dienstleistungsbranche. Tarifverträge seien selten. „Die Strukturen zur Interessensvertretung fehlen“, sagt Hoßbach. Er schätzt die Situation von Berliner Beschäftigten als „kritisch“ ein, das Einkommen wie die Arbeitsbelastung betreffend. BLZ/MIKE FRÖHLING Danziger Bürgermeister erstochen 27-jähriger Täter soll aus Rache getötet haben Danzigs langjähriger Bürgermeister PawelAdamowicz ist an den Folgen eines Messerangriffs gestorben. Der 53-Jährige erlag im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen, wie Gesundheitsminister Lukasz Szumowski am Montag im polnischen Fernsehsender TVN24 bestätigte. Die Staatsanwaltschaft gab bekannt, in dem Fall nun wegen Mordes zu ermitteln. Bis zuletzt hatten Ärzte des Danziger Universitätsklinikums um das Leben des parteilosen Bürgermeisters gekämpft, nachdem dieser am Sonntagabend auf offener Bühne bei einer Spendenveranstaltung von einem Angreifer mit einem Messer niedergestochen worden war. DerTäter –ein 27-jähriger Danziger –habe aus niederen Beweggründen gehandelt, sagte der stellvertretende Generalstaatsanwalt Krzysztof Sierak. Hinter der Tatwurde Rache vermutet. Der Angreifer soll der derzeitigen Oppositionspartei Bürgerplattform (PO), der Adamowicz bis 2015 angehörte,die Schuld für seine Haft gegeben haben, hieß es. „Ich saß unschuldig im Gefängnis“, rief der Mann auf vonMedien verbreitetenVideoaufnahmen der Tat. Ermittler schlossen eine psychische Erkrankung des Angreifers nicht aus. Der Mann ist polnischen Behörden zufolge bereits vorbestraft und hatte wegen einer bewaffneten Banküberfallserie schon fünfeinhalb Jahre in Haft gesessen. Berichtenzufolge war er erst im Dezember freigekommen. Nach Angabendes Innenministeriums wurde das Opfer nach dem Angriff zunächst reanimiert. Anschließend sei es im Krankenhaus operiert worden, sagte der behandelnde Arzt, Tomasz Stefaniak. Adamowicz habe Verletzungen an Herz, Zwerchfell und Organen im Bauchraum erlitten und viel Blut verloren. DerAngriff auf das Leben und die Gesundheit Adamowiczs müsse aufs Schärfste verurteilt werden, schrieb Ministerpräsident Mateusz Morawiecki bei Twitter.Die Tatlöste in Polen auch eine politische Debatte über Hassreden aus. Der heftige Streit zwischen der Opposition und der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit PiS könne zur Eskalation der Gewalt beigetragen haben, meinen Kritiker. (dpa) PolitikSeite 4 Berliner Verlag GmbH, 11509 Berlin Redaktion: (030) 63 33 11-457 (Mo-Fr10-16 Uhr), Fax-499; leser-blz@dumont.de Leser-Service: (030)23 27-77, Fax-76; www.berliner-zeitung.de/leserservice Anzeigen: (030) 23 27-50, Fax: -66 97; berlin.anzeigen@dumont.de Postvertriebsstück A6517 Entgelt bezahlt Generell fühlen sich die Berliner nämlich nicht nur schlecht gesichert, sondern stehen auch unter besonderem Stress. 55Prozent der Befragten sind häufig gehetzt oder stehen unter Zeitdruck. Darunter leiden nicht nur die Beschäftigten selbst: Fast 30 Prozent geben an, Abstriche bei der Qualität ihrer Arbeit machen zu müssen, um ihr Pensum bewältigen zu können. Auch die Arbeit außerhalb der üblichen Bürozeiten ist in der Hauptstadt eher Normalität als Ausnahme: Mit 60 Prozent arbeiten Berliner häufiger an Wochenenden, auch an späten Abenden und mitten in der Nacht sind siebesonders häufig fleißig. Arbeitssenatorin Breitenbach fordert wie Gewerkschafter Hoßbach die Umsetzung einer sogenannten Anti-Stress-Verordnung, die regelt, unter welchen Bedingungen Angestellte arbeiten. Auf Bundesebene wurde sie von Gewerkschaften und der Linken initiiert, aber bisher nicht umgesetzt. Auch die Bundeskammer für Psychotherapeuten plädiert für eine solche Regelung. Ganz anders sieht das Alexander Schirp, Geschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg: „Der DGB versucht, die Arbeitsbedingungen schlechter zu machen, als sie sind“, sagt er mit Blick auf die neue Studie.Deutschland gehörezuden Ländernmit den kürzestentariflich vereinbarten Arbeitszeiten in Europa, die Einkommen entwickelten sich gut. Die Orientierung an den Bedürfnissen der Mitarbeiter spiele in Zeiten des Fachkräftemangels eine immer größereRolle. Viele Arbeitnehmer scheinen davonbisher wenig zu spüren. DerStudientitel „Gute Arbeit“ jedenfalls kann eher als Ziel verstanden werden denn als Bestandsaufnahme. 4 194050 501603 21003

2019

2018