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Berliner Zeitung 15.03.2019

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Ausgang: Das Berliner Eisbär-Mädchen darf an die frische Luft – Seite 3 Heute mit Made in Berlin Seite 6 5°/11° Wärmer,aber nass Wetter Seite 2 Woidke: SPD kann auch auf Hartz IV stolz sein Brandenburg Seite 16 www.berliner-zeitung.de Proteste im Afrikanischen Viertelwerden ignoriert Kommentar Seite 8, Berlin Seite 9 Freitag,15. März 2019 Nr.62HA-75. Jahrgang Auswärts/D**: 1.70 €–Berlin/Brandenburg: 1.60 € BVG-Streik: Es gibt Bewegung im Tarif-Streit Berlin Seite 11 Boeing Aufsteiger in Erklärungsnot VonThomas Spang Dennis Muilenburg (55) hat hartnäckig an seinem Aufstieg an die Spitze von Boeing gearbeitet. Jetzt versucht er alles, einen Sturzflug in seiner Karriere zuverhindern. Nachdem am Sonntag in Äthiopien zum zweiten Mal eine Maschine vomTyp Boeing 737 Max8abgestürzt war,griff er zum Telefonhörer, um dem US- Präsidenten höchstpersönlich zu versichern, mit dem Verkaufsschlager des Flugzeugbauers aus Seattle sei alles in Ordnung. Die Million Dollar an Wahlkampfspenden von Boeing an Donald Dennis Muilenburg, Vorstandschef vonBoeing Trump zahlten sich aus. Der Präsident besprach mit dem ehrgeizigen Muilenburg das weitere Vorgehen. Vermutlich dürfte Trump dem Boeing- Chef gesagt haben, dass angesichts der weltweiten Flugverbote der Druck zu groß geworden sei, die Max in den USA weiterfliegen zu lassen. Prompt verkündete der Boeing- Konzern als erster eine 180-Grad- Kehrtwende. Aus einem „Übermaß an Vorsicht“ werde man die Flotte erst einmal auf dem Boden halten. Den Boeing-Chef bringt das so oder so in die Bredouille.Ersieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, die Probleme mit der sogenannten MCAS- Softwareder Maxnach dem Lion-Air- Absturz von Jakarta im Oktober 2018 nicht mit Nachdruck verfolgt zu haben. Boeing stellte Verbesserungen der FlugsoftwareinAussicht, tat aber wenig. Die Washington Post berichtet, bei einem Treffen des Managements mit Piloten in Reno im November vergangenen Jahres hätten die Flugkapitäne auf sofortige Änderungen gedrängt. Es seien Versprechungen gemacht, aber keine Updates in der Software geliefert worden. Der Konzernbestreitet das. Als Boeing die neueste Generation des Kurz-und Mittelstreckenflugzeuges im August 2011 ankündigte,stand Muilenburg noch an der Spitze der Verteidigungs- und Raumfahrtsparte. So gesehen können ihm Entwicklungs-Pannen nicht angelastet werden. Aber der Umgang mit der Vertrauenskrise seit dem Lion-Air-Absturzgeht auf seine Kappe. Nach dem Pilotentreffen in Reno wollte der TV-Sender CNBC wissen, ob Boeing genügend für die Sicherheit tue.„Dasist sehr,sehr wichtig für uns“, antwortete Muilenburg, der im Jahr 2013 an die Spitzevon Boeing gerückt war.„Die737 Maxist sicher.“ Dieser Satz verfolgt ihn nun. Der Kongress, die Regulierungsbehörde FAAund die Investoren des Konzerns werden die Entscheidungen und Unterlassungen unter die Lupe nehmen. Sein Freund im Weißen Haus wird Muilenburg am Ende nicht helfen. Denn der möchte wiedergewählt werden und nicht zusammen mit dem Boeing-Chef auf Sturzflug gehen. Freitagsdemo Sie sind jung und weltweit vernetzt: Wiedie Schüler ihre Proteste gegen die Klimapolitik organisieren –und wer die Bewegung in Deutschland vorantreibt Die neue Form des Bürgerprotests: Diesmal geht es nicht um die Revolution nur in einem Land, sondernumdie Zukunft der Welt. VonThorsten Fuchs, Martin Klesmann und JanSternberg Es wird der bisherige Höhepunkt der Klimaproteste: In über 100 Ländernwollen junge Menschen an diesem Freitag die Schule schwänzen –und ihre Regierungen damit zu einer anderen Umwelt- und Klimapolitik zwingen. „Wir hatten zuletzt eigentlich nur 1000 Demonstranten in Berlin angemeldet, aber es werden wohl einige Tausend mehr“, sagt die 20-jährige Carla Reemtsma vomBerliner Organisationskomitee. Erstmals würden sich neben streikenden Schülernauch viele Studenten beteiligen. Weltweit werden es wohl Zehntausende sein. In Berlin treffen sich die Demonstranten um 10 UhramInvalidenpark in Mitte, ziehen dann zum Kanzleramt und wieder zurück zum Invalidenpark. Dort werden der Kabarettist und Arzt Eckart von Hirschhausens sowie Klimaforscher der Initiative„Scientists for Future“ sprechen. Für Carla Reemtsma, die ihr Abitur am Werner-von-Siemens-Gymnasium in Nikolassee gemacht hat, ist klar, dass klimapolitisch etwas Grundlegendes passieren muss.„Die Politik denkt immer nur bis zum Ende der Wahlperiode“, sagt sie.„Internationale Vereinbarungen und nationale Selbstverpflichtungen zum Klimaschutz werden nicht eingehalten.“ Da müssten junge Leute auf die Straße gehen. Telefonkonferenz jeden Sonntag Die Berliner Lehrergewerkschaft GEW rief die Pädagogen am Donnerstag dazu auf, vonSanktionen wegen des Fehlens im Unterricht abzusehen. Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) betonte hingegen, dass die Schulen die Fehlzeiten streikender Schüler erfassen müssen. Auf nationaler Ebene ist Luisa Neubauer,22, so etwas wie das deutsche Gesicht der Fridays-for-Future- Bewegung. Sie weist dieses Etikett regelmäßig zurück, weil es bei den Schülerstreiks für Klimaschutz ja darum geht, dass es Tausende Gesichter an vielen Orten gibt, die diese Bewegung Woche für Woche vorantreiben. Die meisten dieser Gesichter hat sie nie gesehen. Immer sonntagabends schalten sich die Aktivisten zur Telefonkonferenz zusammen, es sind mehr als 70 Teilnehmer, die voneinander nur die Stimmen kennen. „Wir sind die erste international über die sozialen Medien vernetzte Jugendklimabewegung“, sagt sie im Gespräch mit der Berliner Zeitung (Redaktionsnetzwerk Deutschland). Neben ihr sitzt Jakob Blasel, 18-jähriger Schüler aus Kronshagen bei Kiel. In zwei Wochen schreibt er seine erste Abiturklausur: „Ich bestreike sozusagen meine Abi- Vorbereitungen“, sagt er. „Wir wollen die Europawahlen zu Klimawahlen machen. Keine Partei wird von uns Stim- YAEZ.DE Carla Reemtsma, 20 men bekommen, die keinen ausreichenden Plan für Klimaschutz hat“, sagt Blasel später im Saal der Bundespressekonferenz vor der bekannten blauen Wand. Luisa Neubauer, die lange in der Grünen Jugend aktiv war, schiebt hinterher: „Das betrifft jede Partei.“ Danach machen sie Selfies vor der blauen Wand, schicken sie sofortauf ihreInstagram-Kanäle. Jeder Schritt wird dokumentiert für die Aktivisten da draußen. An diesem Freitag werden die Klimastreiks erstmals global. Begründet hat die Protestwelle die Schwedin Greta Thunberg Ende vergangenen Jahres mit ihrem einsamen Protest vor dem Parlament in Stockholm. Jetzt ist sie für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. An diesem Freitag wirdinmehr als 1600 Städten in 105 Ländern demonstriert, allein in Deutschland soll es an 180 Orten Proteste geben. DieBewegung wächst rasant. Und sie hat schon jetzt eine ganze Reihe sehr junger und schon bemerkenswert professioneller Organisatoren hervorgebracht. Nicht nur in Deutschland, sondernweltweit. In Tel Aviv wird der 16-jährige Michael Bäcklund an diesem Freitag auf einem Platz stehen und seine erste große Rede halten. Vor 500 bis 1000 Schülern. Jedenfalls schätzt er, dass es so viele sein werden. „Es wird der erste Klimastreik in der Geschichte des Nahen Ostens“, sagt er.Michael sitzt in einem neonbeleuchteten Klassenraum seiner Schule in Mazkeret Batya, einer Kleinstadt zwischen Jerusalem und TelAviv. Blaues Shirt, die dunklen Haare anden Seiten kurz, oben länger, sospricht er beim Interview via Skype in die Luisa Neubauer,22 JACQUELINE SCHULZ Kamera seines Handys. Erwirkt müde und zugleich euphorisch. „Aber wenn man das Ergebnis sieht, dann ist es großartig, dann hält es einen wach.“ Michael ULLSTEIN Bäcklund gehörtzujener neuen jungen Generation, die politisch wieder weit engagierter ist als ihre Vorgänger,eine Generation, die sich gerade für die Umwelt einsetzt. Am Ende stehen da Überzeugungen, Aktionen, über soziale Medien weltweit vernetzt. Rebecca Hamilton lebt in Vancouver. 16 wurde sie erst vorein paar Tagen. Eine sehr junge Frau, kurzes Haar, freundliches Lächeln, keine Spur von Verbissen-, wohl aber von Entschlossenheit. Seit Dezember machtsie bei den Freitagsstreiks mit. Greta, sagt sie,sei auch in Kanada bekannt, wenn auch nicht so sehr wie in Europa. Bisher machen 32 Städte mit, aber es könnten noch mehr Schüler sein, meint sie. Die Kälte, dazu die Schweredes Themas,„wir reden über Katastrophen, über Tausende vonToten“, das halte manchen ab.Für Freitagbereitet sie deshalb eine Kunstaktion vor, mit Farbbändern, auf die man etwas schreiben kann. Und sie und ihre Mitstreiter denken schon mal weiter. InKanada sind im Sommer Wahlen. „Wir fragen davor alle Politiker: Wasist euer Plan, was wollt ihr für das Klima tun?“ Die Zeit vor Wahlen ist eine gute Zeit, um gehört zuwerden. Das wissen Rebecca und ihre Mitstreiterinnen. Sie sind jung, aber sie kennen die politischen Mechanismen. „Die Politiker kommen auf uns zu“, sagt auch Bruna Lopes. „Aber wollen sie auch etwas ändern?“ Die 17-Jährige lebt in Porto, im Norden Portugals. Früher war sie bei den Pfadfindern und sammelte mit ihnen das Plastik von den Stränden. Jetzt organisiert sie im internationalen Willkommenskomitee die Kontakte zu neuen Ländern, die sich den Streiks anschließen wollen, gerade steht sie im Mail-Kontakt mit Schülern aus Mexiko undChina. Einbürgerliches Projekt „Wir sind alle durch dasselbe Ziel verbunden“, sagt sie. Und für dieses Ziel nimmt sie viel in Kauf.Eigentlich reitet sie und spielt Klavier.Aber seit sechs Monaten hat sie nicht mehr auf ihrem Pferd gesessen, Klavier spielt sie nur mal kurz, wenn bei ihrenTreffen zufällig eines in der Ecke steht. Der Klimaprotest, so viel ist klar,ist bislangein durchaus bürgerliches Projekt. Er hat seinen Ursprung in den Hamburger Elbvororten, woLuisa Neubauer aufgewachsen ist, oder in den besseren Vierteln Portos. Und eher nicht in den Banlieues vonParis. DerFreitag wirdder bisherige Höhepunkt der Proteste. Inzwei Wochen wird GretaThunbergnach Berlin kommen, ihr Auftritt wird Tausende in die Hauptstadt ziehen. Und genau das sei auch nötig, glaubt Luisa Neubauer.Von politischer Naivität sind sie und ihre Mitstreiterinnen trotz der Jugend weit entfernt. „Es gibt für uns keinen Grund, darauf zu vertrauen, dass dieRegierung irgendwas einhält“, sagt die Deutsche. Und da klingt sie kaum anders als Bruna, die Portugiesin. „Dass die Politiker uns reden lassen, aber dass nichts passiert“, sagt sie,„das ist ein Gedanke, der mir regelrecht wehtut.“ Tagesthema Seite2 Briten wollen Brexit verschieben EU-Ratspräsident: Zuvor Konsens in London nötig Fünfzehn Tage vordem Brexit-Datum ist nun doch plötzlich alles anders. Das britische Parlament hat den Sprung über die Klippe ins Ungewisse gestoppt –die Mehrheit will keinen ungeregelten EU-Austritt ohne Vertrag am29. März mit Verwerfungen für die Wirtschaft und Unsicherheit für Millionen Bürger. Stattdessen will man die Europäische Union nun um eine Verschiebung bitten, so beschloss es das Unterhaus am Donnerstag. Stimmen die übrigen 27 Staaten beim EU-Gipfel Ende nächsteWoche zu, wäredas gefürchtete Szenario eines harten Bruchs vorerst abgewendet. Aber obwohl auch die EU einen Chaos-Brexit scheut, bleiben viele Fragezeichen. Brüssel rätselt noch, wie man am besten auf den Wunsch nach Aufschub reagiert. Ein Sprecher von EU-Ratspräsident Donald Tusk verwies auf eine Mitteilung Tusks vomVormittag. In dieser hatte er angekündigt, für einen langen Aufschub des Brexits werben zu wollen. Vordem EU-Gipfel Ende nächster Woche „werde ich an die EU27 appellieren, für eine lange Verlängerung offen zu sein, wenn Großbritannien es für nötig hält, seine Brexit-Strategie zu überdenken und Konsens herzustellen“, schrieb Tusk. Zweites Referendum? Die Spitzenkandidatin der SPD für die Europawahl, Justizministerin Katarina Barley (SPD), hat sich für ein zweites Brexit-Referendum ausgesprochen. „Ich finde, in dieser verfahrenen Situation wäre es höchste Zeit, die Bevölkerung zu befragen“, sagte Barley der Rheinischen Post. „Ich bin schon lange für ein zweites Referendum und auch in Großbritannien werden die Forderungen danach immer lauter“, sagte die SPD-Politikerin, die die deutsche und britische Staatsbürgerschaft hat. EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber (CSU) hat reserviert auf die Entscheidung des britischen Parlaments reagiert. „Es reicht nicht, wenn das britische Parlament sagt, wir möchten verlängern.Wirmüssen auch wissen, zu welchem Ziel“, erklärte Weber am Donnerstagabend im Kurzbotschaftendienst Twitter. (dpa, AFP) Politik Seite 4 Berliner Verlag GmbH, 11509 Berlin Redaktion: (030) 63 33 11-457 (Mo-Fr10-16 Uhr), Fax-499; leser-blz@dumont.de Leser-Service: (030)23 27-77, Fax-76; www.berliner-zeitung.de/leserservice Anzeigen: (030) 23 27-50, Fax: -66 97; berlin.anzeigen@dumont.de Postvertriebsstück A6517 Entgelt bezahlt 4 194050 501603 51011

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