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Berliner Zeitung 16.10.2019

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Berliner Zeitung

„Wir sind keine Exoten“: Jüdischer Alltag in Berlin – Unsere Debatten-Serie auf der Seite 8 Amazon will hoch hinaus Seite 13 10°/15° Wolken und Regen Wetter Seite 2 Offen und umweltbewusst –sotickt die Jugend 2019 Tagesthema Seite 2 www.berliner-zeitung.de Werhilft? Washilft? Armut in der Großstadt Berlin Seite 10 Mittwoch, 16. Oktober 2019 Nr.240 HA -75. Jahrgang Auswärts/D*: 1.70 €–Berlin/Brandenburg: 1.60 € Union und Hertha: Die Bundesliga-Kolumne Sport Seite 20 Zauberkunst Ein Mann für schlaflose Nächte VonFlorian Thalmann Ein Zauberer, der ein Kunststück zeigt, sorgt für erstaunte Blicke – aber auch dafür, dass im Gehirn des Zuschauers ein verborgenes Modul aktiviert wird: jenes, das ergründen will, wie der Trick funktioniert. Und das,sofernesnicht erfolgreich ist, bei manchen sogar für schlaflose Nächte sorgt. Jonas Trebbin kann seine Zuschauer durchaus um den Schlaf bringen. Bei ihm selbst ist es anders.„Wenn man sich mit der Zauberei beschäftigt, passiert es nur noch selten, dass man getäuscht wird“, sagt er. Jonas Trebbin „Man kennt viele vertritt Berlin bei der Techniken und Zauber-Meisterschaft. hat immer eine Erklärung parat.“ Umso schwerer ist das, was sich der 17-Jährige am Wochenende vorgenommen hat: DerBerliner,der seit Jahren als Zauberer auftritt, reist nach Idar-Oberstein, um bei der Jugendmeisterschaft der Magie anzutreten, um Hunderte Kollegen im Publikum zu täuschen –und sich damit einen Pokal zu erzaubern. Eine Meisterschaft der Magie? Ja, es gibt sie. Und sie folgt, wie auch Wettkämpfe im Sport, festen Regeln. Bewertet werden Technik, Dramaturgie, Originalität der Darbietungen. Und die Einhaltung der Zeit: Jeder Künstler hat zehn Minuten –abMinute neun leuchtet ein gelbes Licht am Bühnenrand, nach zehn Minuten ein rotes. Ist der Auftritt dann nicht beendet, wird der Magier disqualifiziert. Jonas Trebbin wird das nicht passieren: „Ich habe meine Darbietung so oft geübt, dass sie sitzt.“ Seit der Kindheit interessiert sich der Neuköllner für die Kunstform.Vor zehn Jahren bekam er einen Zauberkasten, die Einstiegsdroge vieler Magier.Richtig angefangen habe er aber erst später,sagt er.„Mitelf sah ich auf YouTube ein Zauber-Video. Ich dachte: Das kann ich auch!“ Er studierte Lehrfilme, las Bücher und trat dem Magischen Zirkel Berlin bei, dem Verein der Zauberer. Heute zauberterinBars,lässt sich für Hochzeiten und Geburtstage buchen. Spezialisierthat sich Trebbin auf Manipulation, also auf Zauberei, die auf Fingerfertigkeit setzt –die Königsdisziplin. Nurmit dem Geschick seiner Hände lässt er Spielkarten, Bälle und Stifte erscheinen, verschwinden, sich verwandeln. Mehrere Stunden täglich hat er trainiert, um sich mit seinen Konkurrenten messen zu können. Wenn alles klappt, hat Berlin am Sonntag also einen Jugendmeister der Zauberkunst –für Trebbin wärees ein guter Einstieg in die Karriere. Wobei: „Erst mal mache ich mein Abi, dann studiere ich. Und vielleicht klappt es ja, die Zauberei zum Beruf zu machen.“ Er würde sich freuen. „Weil ich es liebe, den Menschen zu zeigen, dass unmögliche Dinge möglich sind.“ Im besten Fall sorgt er damit für schlaflose Nächte. Aufgeblättert Die Frankfurter Buchmesse beginnt, wir stellen wichtige Neuerscheinungen vor. Und die Klassiker unter den Politiker-Biografien. Hauptstadt Seite 6, Feuilleton Seiten 22 und 23 Rechtsextreme auf dem Radar Mehr Personal,bessere Methoden:Sicherheitsbehörden wollen Hetzerund Radikale effektiverbekämpfen VonJörg Köpke Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt wollen rechte Hetzer und Extremisten mit mehr Personal und neuen Methoden unter Druck setzen. 300 zusätzliche Stellen beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und 440 beim BKA sollen entstehen. Die Sicherheitsbehörden wollen das Internet intensiver beobachten, weitere Vereinsverbote aussprechen, Kampfsport-Festivals und Rechtsrock-Konzerte in den Blick nehmen, über die Extremisten Geld einnehmen und Kontakte knüpfen. Sie wollen den Waffenbesitz von „Reichsbürgern“ weiter einschränken. Im Rechtsextremismus seien neue Anlaufpunkte und Akteure aufgetaucht, „Priorität und Methodik“ müssten daher angepasst werden. Hier spielten auch Gruppierungen der sogenannten Neuen Rechten wie etwa die Identitäre Bewegung eine Rolle, von denen „die ideologischen Vorgaben“ für Menschen wie den Attentäter vonHalle kämen. Soziale Netzwerke,Gaming-Plattformen und Messengerdienste würden von Rechtsextremisten zunehmend als Kommunikationsräume zur Verbreitung ihrer Feindbilder und Verbrechen missbraucht. Derzeit zählen die Sicherheitsbehörden 24 000 Rechtsextremisten. Vonihnen gelten die Hälfte als gewaltbereit und 43 als Gefährder,also potenzielle Terroristen, die vorMord und Totschlag nicht zurückschrecken. ZumVergleich: Ende 2016 gab es 22. Wenn das Bundeskriminalamt das ursprünglich für islamistische Verdächtige eingeführte neue Analyse-System Radar installiert hat, dürfte die Zahl potenziell gefährlicher Rechtsextremisten deutlich steigen. Einige Bundesländer weigernsich allerdings immer noch, Gefährder zu melden. BfV-Chef Thomas Haldenwang und BKA-Präsident Holger Münch wissen, dass der Rechtsrahmen nachgeschärft werden muss, will man im Kampf gegen rechts erfolgreich sein. Wichtig sei es,Akten vonstraffällig gewordene Rechtsextremisten länger als bislang speichern zudürfen –gegen das „organisatorische Vergessen“. Das BfV setzt sich für die Erhöhung der Speicherfristen im Nachrichtendienstlichen Informationssystem (Nadis) vonzehnauf 15 Jahreein. Das Anlegen und Verbreiten von sogenannten Feindes- und Todeslisten soll unter Strafe gestellt, rechte NetzwerkeinBundeswehr und Polizei sollen erkannt und zerschlagen werden, auch weil gewaltbereite Rechtsextremisten ansonsten den falschen Eindruck gewinnen könnten, „dass ein Teil der bürgerlichen Mitte hinter ihnen steht“. Haldenwang will anders als sein VorgängerHans-GeorgMaaßen härter gegen Rechtsextremismus und gegen rechtsextreme Strömungen innerhalb der AfD vorgehen und „nicht mehr von Einzelfällen sprechen“. „Wir müssen dem Rechtsextremismus entschieden und konsequent nachrichtendienstlich begegnen“, sagt Haldenwang. Auch Münch stört die einseitige Konzentration auf die Abwehr von Islamismus nicht erst seit dem Mord am „Man muss sich natürlich fragen, was sind die Wurzeln, was sind die Ursachen solcher rechtsextremer Ideologie, Antisemitismus, woher kommt das?“ Thomas Haldenwang, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und dem antisemitischen Anschlag vonHalle. Das BKA beobachtet schon seit einiger Zeit eine Zunahme rechter Gewalt- und Propagandadelikte. BKA-Chef Münch sagte: „Die Opfer sind Ausländer, Juden, ihre politischen Gegner, aber auch Mandatsträger oder Befürworter einer liberalen Flüchtlingspolitik.“ Durch Bedrohungen im Internet und Gewalttaten entstehe ein„Klima der Angst“. Das führe auch dazu, dass ehrenamtliches Engagement schwinde „und Ämter vielleicht nicht mehr besetzt werden“. Dies sei eine Gefahr für die Demokratie. Das Bundeskriminalamt will nach den Worten von Münch deshalb eine Zentralstelle zur Bekämpfung der Hasskriminalität einrichten. Provider sollten aus seiner Sicht verpflichtet werden, der Polizei strafbare Inhalte zu melden, die sie nach der heutigen Gesetzgebung bereits löschen müssen. Auch der Verfassungsschutz will die Methoden zur Einstufung Verdächtiger weiterentwickeln, dafür sollen unter anderem wissenschaftliche und operative Erkenntnisse besser miteinander verzahnt werden. Der Inlandsgeheimdienst plant zudem, ein Hinweistelefon zu Rechtsextremen einzurichten. Außerdem soll es eine Zentralstelle „Rechtsextremisten im öffentlichen Dienst“ geben. Am vergangenen Mittwoch hatte ein schwer bewaffneter Mann in Halle an der Saale versucht, in eine mit mehr als 50 Gläubigen besetzte Synagoge einzudringen. Als er die Tür nicht aufsprengen konnte, erschoss er auf der Straße eine Frau und einen Mann und verletzte ein Ehepaar schwer. Ein 27-jähriger Deutscher hat die Tataus antisemitischen und rechtsextremen Motiven gestanden. Der Mann sitzt in Untersuchungshaft. Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) hat die Sicherheitskräfte nach dem Anschlag in Schutz genommen. „Die Polizei hat aus meiner Sichtverantwortungsvoll gehandelt und in dieser Extremsituation alles richtiggemacht“, sagte er am Dienstag. (mit dpa, AFP) PolitikSeite 4, Berlin Seite12 CINTASCOTCH Maut-Debakel: Scheuer unter Druck Opposition setzt Untersuchungsausschuss ein Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) gerät wegen der gescheiterten Pkw-Maut immer stärker unter Druck. EinUntersuchungsausschuss des Bundestags soll das umstrittene Vorgehen von Scheuer bei der geplatzten Pkw-Maut durchleuchten. Grüne, Linke und FDP brachten mit der erforderlichen Zahl an Abgeordneten einen Einsetzungs- Antrag auf denWeg. Scheuer habe bei der Vergabe der Maut an Betreiberfirmen „getrickst, getarnt und getäuscht“, sagte zuvor der FDP-Verkehrsexperte Oliver Luksic im NDR. DerMinister halte Dokumente zurück und schiebe die Schuld anderen zu. Scheuer hatte die Verträge zur Erhebung und Kontrolle der Maut mit den Betreibern Kapsch und CTS Eventim im Herbst 2018 geschlossen, bevor endgültige Rechtssicherheit bestand. Der Europäische Gerichtshof hatte die Maut Mitte Juni für rechtswidrig erklärt, direkt nach dem Urteil kündigte der Bund die Verträge.Daraus könnten nun finanzielle Forderungen der Firmen resultieren. Auch die Berliner Zeitung hatte über Scheuers Rolle im Maut- Skandal mehrfach berichtet. Luksic sagte im NDR, Scheuer trage die alleinige Verantwortung dafür,dass den Steuerzahlernein Schaden von bis zu 500 Millionen Euro entstehenkönne.Esfehlten bis heute sämtliche Unterlagen der Vergabestelle desVerkehrsministeriums,„von der wir wissen, dass es Bedenken gab“. Wenn sich alle Vorwürfe bestätigten, sei Scheuer nicht mehr im Amt zu halten. „Scheuer hat in den letzten Wochen mehrfach bewiesen, dass er nicht bereit ist, zur lückenlosen Aufklärung des Pkw-Maut-Desasters beizutragen“, sagte der Grünen-Verkehrspolitiker Stephan Kühn der Augsburger Allgemeinen. „Statt wie angekündigt für Transparenz zu sorgen, versucht er,sich der Verantwortung zu entziehen und verstrickt sich in immer neue Widersprüche.“ Der Grünen-Politiker fügte hinzu: „Ein Minister mit Anstand wärelängst zurückgetreten.“ Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss verfügt über umfangreiche Zwangsmittel, die weitgehend denen eines Gerichtes entsprechen. (AFP,dpa) Berliner Verlag GmbH, 11509 Berlin Redaktion: (030) 63 33 11-457 (Mo-Fr13-14 Uhr), Fax-499; leser-blz@dumont.de Leser-Service: (030)23 27-77, Fax-76; www.berliner-zeitung.de/leserservice Anzeigen: (030) 23 27-50, Fax: -66 97; berlin.anzeigen@dumont.de Postvertriebsstück A6517 Entgelt bezahlt 4 194050 501603 31042

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