Aufrufe
vor 1 Jahr

Berliner Zeitung 17.01.2019

  • Text
  • Kino
  • Berlin
  • Cinestar
  • Berliner
  • Vorstellung
  • Cineplex
  • Luxe
  • Januar
  • Palast
  • Kinowelt
  • Zeitung
  • Berlin.de

Berliner Zeitung

„Stella“ –Der Roman über eine „Judengreiferin“ spaltet die Kritik – Feuilleton Seite 21 Heute mit Kulturkalender 2°/8° Hie und da Schneefall Wetter Seite 28 Der Mauerfall als Computerspiel Netzwerk Seite 26 www.berliner-zeitung.de Das Aufputschmittel Heim-WM wirkt Sport Seite 20 Donnerstag,17. Januar 2019 Nr.14HA-75. Jahrgang Auswärts/D*: 1.70 €–Berlin/Brandenburg: 1.60 € Die Köchin aus Damaskus: Hummus gegen Heimweh Berlin Seite 14 Lebenshilfe Ein Mann mit Courage VonChristine Dankbar Sostill war es wohl selten im Bundestag wie an diesem Freitagvormittag. Es ist der 27. Januar 2017 und die Politik gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus. Am Rednerpult steht der 38-jährige Berliner Schauspieler Sebastian Urbanski. Er ist aufgeregt, aber er lässt es sich nicht anmerken. Er nimmt einen Schluck Wasser und liest dann mit ruhiger Stimme den Brief von Ernst Putzki vor, den dieser im Jahr 1943 aus der hessischen Heilanstalt Weilmünster an seine Mut- Sebastian Urbanski, Künstler mit Down-Syndrom ter geschrieben hat. Putzki starb im Jahr 1945 –er ist eines von 300 000 Euthanasie-Opfernder Nazis. Urbanski hat das Down-Syndrom, bei den Nazis wäre auch er wohl ein Opfer geworden, und er ist der erste Mensch mit dieser Behinderung, der je im Bundestag gesprochen hat. Das macht zusätzlich zu seinem beeindruckenden Vortrag das Besondere des Moments aus. Derheute 40-Jährige ist nicht nur Schauspieler, sondern auch Aktivist. Er setzt sich seit Jahren für die Belange von Behinderten ein. Kürzlich etwa saß er während einer Pressekonferenz neben mehreren Bundestagsabgeordneten. Anlass war eine fraktionsübergreifende Initiative, die eine Diskussion über den neuen Bluttest zur Erkennung des Down- Syndroms in Gang bringen möchte. Urbanski vertritt in dieser Debatte diejenigen, um die es dabei geht. „Wir haben alle ein Recht auf Leben“, sagt er. Nun hat ihn die Bundesvereinigung Lebenshilfe in ihren 15-köpfigen Vorstand berufen. „Es ist das, was ich schon immer machen wollte“, sagt er dazu und hat schon Vorstellungen, in welche Richtung sein Engagement gehen könnte: „Ich möchte mich dafür einsetzen, dass es mehr Möglichkeiten für betreutes Wohnen für Behinderte gibt.“ Urbanski hat leidvolle Erfahrungen mit der Wohnungssuche gemacht. Zwar ist es in Berlin für nahezu jeden nicht reichen Menschen schwierig, eine geeignete Wohnung zu finden. Bei Behinderten scheitert das aber auch an den baulichen Gegebenheiten. Die üblichen Wohngemeinschaften sehen kleine Zimmer wie in Pflegeheimen vor. „Ich brauche aber mein Klavier“, sagt Urbanski. Er wohnt nun zwischenzeitlich wieder bei seinen Eltern. Das findet er einerseits komisch, andererseits aber auch ganz okay. Zur Zeit bereitet er sich auf eine neue Rolle vor. DasTheater Ramba- Zamba, zu dessen Stammensemble er seit Jahren gehört, gibt „Don Juan“, sehr frei nach Molière. Urbanski spielt Don Juans Diener.AmFreitag ist Premiere. Als die Briten 2016 überwiegend für einen Austritt aus der Europäischen Union gestimmt haben, war das für viele eine Überraschung. Vergesst Europa, rief eine Mehrheit der Briten dem restlichen Kontinent zu. Die Entscheidung hat mich getroffen, aber sie hat mich nicht überrascht. Ichhabe knapp fünf Jahre inLondon gelebt, als Berichterstatterin der Berliner Zeitung. Auch nach meiner Rückkehr nach Berlin blieben meine Kontakte auf die Insel bestehen. Ich habe einen Briten geheiratet, wir leben in Berlin. Es waren kleine Beobachtungen, eine Gereiztheit der Stimmung, die ich bei Besuchen wahrnahm. Man konnte in der Familie kaum eine Mahlzeit überstehen, ohne damit konfrontiert zuwerden, was in der EU alles falsch läuft. Vorallem für die älteren Familienmitglieder schien „Brüssel“ die Wurzel allen Übels: Einwanderer, Islam, Minderheitenrechte,hohe Steuern. Mein Schwiegervater,meine Schwiegermutter sowie etliche Onkel und Tanten hatten vor dem Referendum deutlich gemacht, dass sie für den Brexit stimmen würden. Unddas machten sie dann auch. Der Brexit war ein Schock, und seitdem ist alles noch viel schlimmer geworden, für die Briten, aber auch für Europa. In den zwei Jahren ist nicht klar geworden, was Brexit eigentlich heißt. Premierministerin Theresa May, die am Mittwochabend ein Misstrauensvotum überstand, hat die Ratlosigkeit mit ihrem Slogan „Brexit means Brexit“ illustriert. DieEU-Gegner haben den Bürgernlieber Märchen erzählt, in was für ein Schlaraffenland die Insel sich verwandeln würde, als wäre ein Austritt aus der Union eine Art Zeitmaschine, mit der man das Land in eine bessereVergangenheit zurückversetzen könnte, die es nie gegeben hat: „Make Britain great again“. Ein Großteil der Briten wollte das gerne glauben. In den vergangenen Jahren ist mir Großbritannien fremd geworden. Und das geht nicht nur mir so: „Mein Land ist nicht mehr mein Land“, schreibt die Guardian-Korrespondentin Kate Conolly in ihrem neuen Buch „Exit Brexit. Wieich Deutsche wurde“, das Ende des Monats erscheint. Großbritannien war einmal ein Vorbild für mich, fast wie eine zweite Heimat, wegen der Offenheit, der Weltgewandtheit, der Toleranz, der Höflichkeit, des Pragmatismus, des Humors. Alles Eigenschaften, die mir in Deutschland manchmal fehlten. Aber davon ist wenig übrig geblieben. Vorder Abstimmung hörte ich eine Umfrage bei der BBC. Alle Befragten sagten, wie sehr sie die Brexit-Berichterstattung langweile, esmüsse mal Schluss sein, bloß endlich raus aus Europa. Es klang, als sei Brexit eine Fernsehserie, die man absetzen müsse.Ein Spiel. Großbritannien war einmal ein Vorbild für mich, fast wie eine zweite Heimat, wegen der Offenheit, der Weltgewandtheit, der Toleranz, der Höflichkeit, des Pragmatismus, des Humors. Es hat Tradition in Großbritannien, der EU skeptisch gegenüberzustehen, in der Presse, in der Politik. Seit dem Eintritt in die EG 1972 war das so. Der Einzige, der da herausstach, war Tony Blair,der früherePremierminister.Er hatte begriffen, dass Großbritannien allein im 21. Jahrhundert nichts erreichen würde, dass man Partner brauchte, Verbündete. Erhätte die Briten überzeugen können, er hätte das Zeug zu einem großen europäischen Staatsmann gehabt. Dann kam der Irak-Krieg, und Blair war raus. Seitdem geben in beiden großen Parteien die Euro-Skeptiker den Tonan. Ich verfolgte am Dienstagabend den Livestream aus dem Unterhaus, die historische Raus, raus, ihr seid raus … Fünf Jahre lebte unsere Autorin Sabine Rennefanz in Großbritannien. Sie berichtete über eine Insel, die sie liebte. Nun wundert sie sich über ein Land, das sie nicht mehr versteht Niederlage. Ein Großteil der Abgeordneten will den Deal nicht, den May ausgehandelt hat. Trotzdem wollen sie sie weiter als Premierministerin behalten. Wie passt das zusammen? Die britischen Abgeordneten erinnernmich an meinen Sohn, der an einem Tag sagt, er will länger in der Kita bleiben, und am nächsten Tag will er nicht mehr hin. Mein Sohn ist vier. Eine in London lebende deutsche Ärztin hat kürzlich den Fall der Mauer in Verbindung mit dem Brexit gesetzt. „Ich feierte am 9. November mit meinen Freunden den Fall der Berliner Mauer. Wir müssen den Brexit stoppen“, schrieb sie auf Twitter. Ich verstehe das gut, aber der Vergleich hinkt. Über den Bau der Mauerist nicht abgestimmt worden. Es gibt viele, die von einem zweiten Referendum träumen. Sie sagen, man müsse das britische Volk befragen – in der Hoffnung, dass diesmal mehr für den Verbleib stimmen und der Brexit abgesagt wird. Aber selbst wenn das passierte, wäre das Ergebnis womöglich wieder sehr knapp und würde ganz neue Probleme aufwerfen. Das Land bliebe gespalten. Undwie sähe es in der EU aus? Sollen die Briten einfach so an den EU-Tisch zurückkehren, als wäre nichts gewesen? Womöglich unter einem Premierminister Jeremy Corbyn, der selbst wenig Sympathien für die EU hegt? Würden die Euro-Skeptiker nicht weiter im Hintergrund sticheln, stänkern und jegliche Fortschritte verhindern? Nein, die einzige vernünftige Lösung wäre ein Austritt. May sollte abtreten und einem Nachfolger Platz machen, der in Abstimmung mit Labour den Austrittsvertrag nachbessert. DieBriten müssen gehen, sie müssen sich um sich selbst kümmern. Manche Beziehungen halten, andere nicht. Wie heißt es nach einer Scheidung: Wir können befreundet bleiben. Seiten 2und 3, Leitartikel Seite8 Sabine Rennefanz würde gernewissen, was Königin Elizabeth II. über das Drama denkt. GETTY IMAGES Lufthansa ist jetzt doch für Tegel Chef der Fluggesellschaft will Weiterbetrieb prüfen VonPeter Neumann Inder Diskussion um die Zukunft des Flughafens Tegel hat die Lufthansa eine Kehrtwendung vollzogen. Bislang hatten sich hochrangige Mitarbeiter der Airline stets dagegen gewandt, dass neben dem BER weitere Verkehrsflughäfen in der Hauptstadt- Region betrieben werden. Sie hatten die derzeit für Herbst 2020 geplante Schließung Tegels unterstützt. Jetzt hat sich Lufthansa-Chef Carsten Spohr öffentlich dafür ausgesprochen, denWeiterbetrieb zu prüfen. Kunden und Öffentlichkeit erwarten „zu Recht von allen Beteiligten, dass wir die Frage der Offenhaltung vonTegel mit Blick auf die aktuelle Entwicklung des Luftverkehrs neu bewerten“, sagte Spohr in seiner Rede beim Lufthansa-Neujahrskonzert am Dienstagabend imKonzerthaus.Dafür bekam er viel Applaus. Spohr sprach von „unhaltbaren Zuständen“ in Tegel. 2018 habe sich erneut gezeigt, dass der Flughafen für die jetzigen hohen Passagierzahlen nicht geplant worden sei. Wie schon in früheren Neujahrsreden würdigte er das Engagement des Personals in Tegel. Spohr kritisierte aber „veraltete Technik“ und „personelle Probleme“ in TXL – zum Beispiel 100 Meter lange Warteschlangen. Er äußerte Zweifel, ob der neue Flughafen BER in Schönefeld das erwartete weitereWachstumbewältigen wird. „Auch in der Vergangenheit ist die Lufthansa hin und wieder mit vorsichtig formuliert ‚originellen‘ Stellungnahmen in den Medien präsent gewesen. Ein Schelm, wer Strategie vermutet“, entgegnete Senatssprecherin Claudia Sünder am Mittwoch. Mit Inbetriebnahme des BER werde der Wettbewerb unter den großen Verkehrsflughäfen stärker. „Das weiß natürlich auch die Lufthansa. Trotzdem muss es für die größte deutsche Airline elegantere Möglichkeiten geben, für die vonihr präferierten Standorte jenseits der Hauptstadt zu werben, als den Konsensbeschluss der drei Gesellschafter der Flughafengesellschaft infrage zu stellen.“ Der Senat gehe davon aus, dass die Lufthansa als großer Player auf dem BER entsprechend vertretensein wird, so Sünder. Kommentar Seite 8, Berlin Seite 11 Berliner Verlag GmbH, 11509 Berlin Redaktion: (030) 63 33 11-457 (Mo-Fr10-16 Uhr), Fax-499; leser-blz@dumont.de Leser-Service: (030)23 27-77, Fax-76; www.berliner-zeitung.de/leserservice Anzeigen: (030) 23 27-50, Fax: -66 97; berlin.anzeigen@dumont.de Postvertriebsstück A6517 Entgelt bezahlt 4 194050 501603 41003

2019

2018