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Berliner Zeitung 18.08.2017

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Der Übernahme-Poker um Air Berlin – Berlin Seite 11 . . Freitag, 18. August 2017 Nr.192 HA-73. Jahrgangwww.berliner-zeitung.de 1.40 € Berlin/Brandenburg -1.50 € Auswärts/D* ................................................................................................................................................................................................................................................................................................................... W I P P E N - P R O T E S T Die Anstifterin VON MARITTA TKALEC Annette Ahme, Aktivistin für ein historisches Berlin Mindestens sieben Bürger, sieben Mal die Woche, jeweils abends um sieben, sieben Minuten lang, 77 Tage bis zur Bundestagswahl –das ist der eingängige Protestplan, der die Gegner des geplanten Einheitsdenkmal vor dem Schloss hartnäckig seit dem 9. Juli zusammenführt. Sie haben bislang durchgehalten, sieben waren sie immer, manchmal mehr. Annette Ahme, 59, fehlte nie.Die Vorsitzende des Vereins Historische Mitte hat die Aktion initiiert, die am Ufer des Kupfergrabens, neben der Bauakademie und gegenüber dem Eosander-Portal stattfindet. Mit Plakaten, auf denen steht „Wir lassen uns nicht verschaukeln“ oder „Wippe nicht hier“ taucht sie gemeinsam mit wechselnden Mitstreitern immer um 19 Uhrauf. Sie lehnen die Wippe nicht grundsätzlich ab, aber finden ganz entschieden, dass sie nicht an diesen Ort gehört, nicht auf den Sockel des Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals mit seinen (restaurierten) wertvollen Mosaiken. Nach Umfragen wollen mehr als 60 Prozent der Bevölkerung dieses Einheitsdenkmal nicht, die Demonstranten dürfen sich also als Vertreter der Mehrheit fühlen. Annette Ahme streitet vehement dafür,die Umgebung des Schlossneubaus historisch zu gestalten, mit den noch vorhandenen Objekten wie die Skulptur Rossebändiger oder der Schlossbrunnen. Zudem wirbt sie dafür, das Humboldtforum als Forum der Weltkulturen ernst zu nehmen –und da habe eben eine deutsche Einheitswippe nicht zu suchen. Für die Aktivistin ist die Dauerdemo nur das jüngste einer Vielzahl vonProjekten, die sie angestoßen hat, seit sie 1977 aus Wolfstein in der Pfalz nach Berlin zog. Sie war Hausbesetzerin („Wir haben alle Häuser am Chamissoplatz vordem Abriss gerettet“). Sie hat 1986/87 die ersten Grabungen an der heutigen Topographie des Terrors angeleitet und das „Aktive Museum“ mitgegründet, woraus auch die heutige Freiluftausstellung hervorgegangen ist. Sie war bei der Alternativen Liste, aus der die Grünen hervorgingen, saß in der Bezirksverordnetenversammlung Kreuzberg und im Abgeordnetenhaus. Sie hat mit Gleichgesinnten „wie verrückt“ dafür gekämpft, dass die Pflasterung, die die Nationalsozialisten 1933 am Lustgarten verlegten, wegkommt – der Denkmalschutz wollte sie beibehalten. Auch ihr hat die Stadt zu danken, dass der Lustgarten grün ist wie zu Anbeginn. Annette Ahme spricht schnell, jeder Satz sprüht vorBegeisterung oder Empörung –je nach Thema. Woher kommt die unerschöpfliche Energie? „Aus der sympathischen Ausstrahlung der Stadt“, sagt sie. Sie liebt deren historische Teile, will sie bewahren und mehr davon haben. Sie träumt von der „menschenfreundlichen Stadt, in der vorallem die Fußgänger zu Hause sind“. Sie liebt die alten Straßenlaternen und findet ,„die heutigen Designer können es einfach nicht“. Am wohlsten fühlt sie sich in der Rolle der Impulsgeberin, andere dürfen gern das von ihr Angestoßene weiterführen –sie wendet sich dem nächsten Fall zu. Manche sagen, die Frau nerve manchmal. Das bleibt wohl nicht aus, wenn man etwas erreichen will. Kommentar Seite 8, Berlin Seite 13 Verkehr,Notrufe,Lotto-Quoten 16 ................................................................................................................. Rätsel, Sudoku 13, 25 ................................................................................................................. Kleinanzeigen ........................................................ 13, 16. ................................................................................................................. Berliner Verlag GmbH, 10171 Berlin Redaktion: (030) 6333 11-457 (Mo-Fr10-16 Uhr), Fax –499; leser-blz@dumont.de. Leser-Service: (030)2327-77, Fax-76; www.berliner-zeitung.de/leserservice. Anzeigen: (030) 23 27 -50, Fax: -66 97; anzeigen@berliner-zeitung.de. ................................................................................................................. 4 Postvertriebsstück A6517 /Entgelt bezahlt 194050 501405 51033 Kulturkampf ums Kopftuch Seyran Ates, Anwältin und Gründerin einer liberalen Moschee, vertritt Berlins Bildungsverwaltung erstmals in einem Prozess vor dem Arbeitsgericht. So soll das Neutralitätsgesetz bewahrt werden Terror in Barcelona Ein Lieferwagen rast auf dem Las-Ramblas-Boulevard, mitten im touristischen Herzstück der Stadt, in eine Menschenmenge. Es gibt viele Tote und Verletzte. Die Terrormiliz Islamischer Staat bekennt sich zur Tat. Politik Seite 5 V ON MARTIN KLESMANN Die Berliner Senatsbildungsverwaltung macht den juristischen Streit um kopftuchtragende Lehrerinnen an staatlichen Schulen nun endgültig zum Kulturkampf. Siehat die bekannte Menschenrechtsaktivistin Seyran Ates, die gerade eine liberale Moschee für Männer und Frauen gegründet hat und der islamischen Welt eine sexuelle Revolution anempfiehlt, als neue Rechtsanwältin verpflichtet. Im Auftrag des Landes Berlin soll Ates, 54, nun eine weitere Klage einer kopftuchtragenden Lehrerin abwehren. Jene 27-jährige ausgebildete Grundschullehrerin, die am Donnerstag mit rosa Kopftuch, Jeans und Turnschuhen vordem Berliner Arbeitsgericht erschien, klagt dort auf eine Entschädigung. Sie war im Februar zunächst für einen Tagals Lehrerin an der Spandauer Klosterfeld- Grundschule angestellt worden. Nachdem sie klargestellt hatte, dass sie als Muslima ihr Kopftuch im Unterricht nicht ablegen werde, versetzte sie die Bildungsverwaltung umgehend an das Oberstufenzentrum Bautechnik I, eine Berufsschule. Sie sei also wegen ihrer Religion diskriminiert worden und dürfe nicht den BerufihrerWahl, nämlich den der Grundschullehrerin ausüben, erklärte ihre Anwältin Maryam Haschemi, die bereits mehrere Klagen von abgelehnten Kopftuch-Lehrerinnen erfolgreich geführt hat. Im Februar hatte das Landesarbeitsgericht Lehrerinnen, die wegen ihres Kopftuches an Grundschulen abgelehnt worden waren, erstmals eine Entschädigung zugesprochen. Seitdem wackelt das Berliner Neutralitätsgesetz, das Lehrern, Polizisten und Justizbediensteten das Tragen religiöser Symbole im Dienst verbietet, zumal das Bundesverfassungsgericht sich zuletzt ebenfalls gegen ein pauschales Kopftuchverbot ausgesprochen hatte.Imneuen Fall fordert die Lehrerin eine Entschädigung und klagt in einem weiteren Verfahren gegen ihre Umsetzung an die Berufsschule. Seyran Ates wird an diesem Donnerstagmorgen im Gerichtssaal von mehreren Personenschützern begleitet. Wegen der Gründung einer Berliner Moschee, an der auch Frauen Vorbeterinnen sein dürfen, wird sie vonIslamisten mit dem Tode bedroht. Sie führt aus, dass das Berliner Neutralitätsgesetz nach wie vorauf der Höhe der Zeit sei. Es verbiete Lehrerinnen zwar an Grund- und Oberschulen das muslimische Kopftuch wie übrigens auch das Tragen einer katholischen Nonnentracht oder Lehrern das Tragen einer Kippa. Doch sei den Lehrerinnen etwa das Kopftuchtragen an Berufsschulen erlaubt. „Dort sind „Wenn eine Lehrerin mit Kopftuch an eine Schule kommt, bestärkt das die Schülerinnen, die anderen sagen: Das Kopftuch ist Pflicht, du musst es tragen!“ Anwältin Seyran Ates vertritt das Land Berlin im Kopftuch-Streit. Schüler älter und weniger beeinflussbar“, führtAtesaus. In der Cafeteria des Arbeitsgerichts erläutert sie dann ihre Skepsis gegenüber Lehrerinnen, die unbedingt das Kopftuch vor den Schülern tragen wollen. „Wir haben schon jetzt große Auseinandersetzungen zwischen eher frommen und weniger frommen Schülerinnen“, sagt Ates und nippt an ihrem Tee. „Wenn dann eine Lehrerin mit Kopftuch an eine Schule kommt, bestärkt das direkt die Schülerinnen, die anderen sagen: ‚Das Kopftuch ist Pflicht, du musst es tragen!‘“ Es gehe dann auch schnell um allgemeine Kleidungsfragen, etwa darum, ob eine muslimische Schülerin im Sommer ein Toptragen dürfe oder ob das aus islamischer Sicht ‚haram‘ sei, also verboten. „Eine Lehrerin mit Kopftuch wird auch im Hochsommer nie kurzärmelig vor die Klasse treten“, sagt Seyran Ates. „Sie übt also eine Vorbildfunktion schon für Grundschülerinnen aus.“ Das berühre auch die Frage, wie strikt der Fastenmonat Ramadaneinzuhalten sei oder ob eine Schülerin mit nicht-muslimischen Freunden liiertseindürfe. Leider seien viele religiöse Konflikte in Schulen bisher nicht öffentlich bekannt. Zuletzt wirkte die Berliner Bildungsverwaltung angesichts der Klagen kopftuchtragender Lehrerinnen recht hilflos und schien sich hinter formaljuristischen Argumenten zu verschanzen. Mitder kämpferischen Seyran Ates als Anwältin wird die Rechtsauffassung der Verwaltung durch authentisch wirkende Alltagsberichte gestärkt. Ein cleverer Schachzug der Bildungsverwaltung, der die Debatte allerdings noch weiter anheizen dürfte. Die Arbeitsrichterin macht bei der Güteverhandlung am Donnerstag allerdings schon deutlich, dass sie ähnlich wie das Landesarbeitsgericht voneiner Diskriminierung der Lehrerinausgeht. AP/ORIOL DURAN NICHT VERPASSEN ❖ WO DER BALL ROLLT An diesem Freitag beginnt die vonvielen sehnlich erwartete neue Bundesliga-Saison mit dem Auftaktspiel Bayern gegen Leverkusen. Allerdings: Fußballgucken im Fernsehen wirdjetzt teurer und komplizierter;das Bundeskartellamt will es so.Dabraucht sogar der leidenschaftlichste Fan einen Stundenplan. Tagesthema Seite 2 TRUMP UNTER DRUCK US-Präsident Donald Trump ist wegen seines Umgangs mit der rechtsextremen Gewalt in Charlottesville zunehmend isoliert. Parteifreunde und die Armeeführung distanzierten sich von ihm. MehrereUnternehmenschefs zogen sich aus Protest gegen Trumps Äußerungen aus Beratergremien für den Präsidenten zurück. Dieser löste daraufhin zwei Beiräte auf. Wirtschaft Seite 7, Leitartikel Seite 8 ZU GROSS, ZU LAUT Am 9. und 10. September findet das Musikfestival Lollapalooza auf der Rennbahn Hoppegarten statt. DieBedenken vieler Anwohner sind groß, ebenso die Sorge um die Natur und die Wutüber die bisher fehlenden Informationen der Veranstalter. Berlin Seite 13 MISSION SEEPFERDCHEN Immer weniger Kinder können schwimmen.Weil es zu wenige Schwimmbäder gibt und auch zu wenige Schwimmlehrer. Einer vonihnen ist Leopold Kuchwalek aus Berlin. Er ist hundert Jahrealt und unterrichtet den Nachwuchs in Zehlendorf. Seite 3 TOD AM NOLLENDORFPLATZ EinToter auf den Stufen voreinem Haus am Berliner Nollendorfplatz –ein Obdachloser offenbar.Seine letzten Habseligkeiten: drei Einkaufstüten, darin eine Isomatte,ein dünner Schlafsack und ein kleiner Teppich mit orientalischem Muster als Schlafmatte.Wer ist der Tote? Eine Spurensuche. Berlin Seite 9 EINE ART TRAUMFABRIK In Parissteht der weltweit größte Inkubator für Start-ups.Das Gründerzentrum Station Fbeherbergt aufstrebende Unternehmen und auch finanzkräftige Partner wie Facebook, Apple oder Microsoft. NetzwerkSeite 23 WETTER Tief „Kolle“ sorgt für viel Regen in Deutschland. BERLIN: Wechsel vonSonne und Wolken. Schauer.Höchstwerte um 28, nachts bei 20 Grad. Seite 2

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