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Berliner Zeitung 21.12.2019

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Magazin Versandt Eine Odeandie Postkarte Seiten 4und 5 Verkatert EinHeilmittel gegen dasVolksleiden Seite 6 Verpackt Berliner Geschenkpapier-Design Seite 7 Anzeige www.atala.de Tesla: Der Vertrag ist perfekt Wirtschaft Seite 7 IMAGAO IMAGES; DPA Bundesliga: Die Halbzeitbilanz SportSeiten 27 und 28 Die 2010er-Jahre waren ein Jahrzehnt der Proteste.Esbegann mit dem Arabischen Frühling in Ägypten, Tunesien, Syrien und quer durch den Nahen Osten. Es folgten Occupy Wall Street, die Indignados in Spanien, Gezi Park in der Türkei, der Maidan in Kiew,Black Lives Matter in den USA, die Frauenmärsche in Polen, und zum Ende des Jahrzehnts ist es leicht, den Überblick zu verlieren: Gelbwesten, Chile, Bolivien, Hongkong, Barcelona, Beirut, Bagdad, Fridays for Future, Extinction Rebellion, die „Sardinen“ in Italien ... „Empört euch!“, schrieb der 93- jährige französische Diplomat Stéphane Hessel am Anfang des Jahrzehnts. Ergeißelte die Auswirkungen der Finanzkrise und der daraus folgenden Austeritätspolitik. „Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen“, so endete Hessels Pamphlet, und die „Empörten“ von Athen und Barcelona glaubten ihm. Der deutsche „Occupy“-Zweig indes versank schnell in Bedeutungslosigkeit und Sektierertum. Dennoch blieb ein weltweites Grundrauschen. DieStraße wurde wieder zum Ortder Debatte. Zehn Jahre später sehen wir Proteste, die den Globus umspannen und doch ihre jeweils lokalen Ursachen haben. In der global vernetzten Protestwelt sind auch 9000 Kilometer keine Entfernung. Dasist die Strecke von Hongkong nach Hamburg. Im Studentenviertel am Grindelhof sitzt die Juristin Glacier Kwong an einem Cafétisch und verfolgt auf dem Smartphone die Nachrichten aus ihrer Heimatstadt. „Es bricht mir das Herz“, sagt sie. „Aber natürlich kämpfe ich weiter.“ Sie kämpft im Netz und als Lobbyistin im Exil. Die 23-jährige Doktorandin vertritt das Gesicht der Proteste,Joshua Wong, bei dessen Terminen mit deutschen Politikern, wenn Wong wieder einmal Ausreiseverbot hat. Sie entwickelt einen Leitfaden für Demonstranten auf den Straßen der chinesischen Sonderverwaltungszone, wie sie ihre persönlichen Daten auf dem Smartphone schützen können, damit die Polizei nicht alles über sie erfährt. Und sie weiß, dass auch Hamburg nicht sicher ist für eine Revolutionärin aus einer 9000 Kilometer entfernten Stadt. „Ich meide chinesische Restaurants“, sagt Kwong, „sie kennen mein Gesicht aus dem Fernsehen.“ Auf Twitter gratuliert Joshua Wong der Schwedin Greta Thunberg zum „Time“-Titel als „Person des Jahres“ und führt aus, warum der Kampf der Hongkonger für Freiheit und der von Fridays for Future für Die Macht der Straße Im vergangenen Jahrzehnt haben so viele Menschen protestiert wie selten zuvor. Wastreibt sie auf die Straße? Und wie hängt das alles mit dem Smartphone zusammen? In Berlin scheiterte übrigens eine groß gedachte Aktion eher kläglich Klimaschutz zusammengehen. Thunberg bedankt sich –aus einem deutschen Zug–beim „tapferen und inspirierenden Joshua Wong“. Zusammen haben diese jungen Leute 4,2 Millionen Follower allein auf Twitter. Der US-Ökonom Jeremy Rifkin nennt Fridays for Future den „ersten wirklich globalen Protest in der Geschichte dieser Welt“. DieKonjunktur der global vernetzten Proteste läuft nicht zufällig parallel mit dem Siegeszug des Smartphones.Das Internet wanderte aus den Studierstuben und Cafés auf die Straße –und die miteinander vernetzten Massen kamen mit. Die Schülerinnen, Schüler und Studierenden von Fridays for VonJan Sternberg Futureorganisierten sich über WhatsApp, die Treckerdemonstranten von Land schafft Bewegung ebenso, und eine Dresdner Lokalveranstaltung wie Pegida hätte ohne die Reichweite des Livestreams nie fünf Jahredurchgehalten. Die digitale Vernetzung mag die Leute auf die Straße bringen, die Protestformen sind dann wieder ganz unmittelbar,ganz konkret und seit Jahrzehnten eingeübt. Seiesdie „Finger“-Taktik von Ende Gelände, mit der Polizeikräfte auseinandergezogen und Einsatzeinheiten „umflossen“ werden – global bekannt seit Jahrzehnten. Oder die Taktik von Extinction Rebellion (XR), mit kurzen, überraschenden Straßenblockaden den Verkehr lahmzulegen –wohlbekannt aus dem Handbuch des zivilen Ungehorsams. XR orientiert sich explizit an den Forschungen der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Erica Chernoweth, die mehr als 300 politische Bewegungen untersuchte und zu dem Schluss kam, dass friedlicher Protest in der Hälfte der Fälle Erfolg hatte, gewaltsamer aber nur in einem Viertel. Ziviler Ungehorsam und kalkulierter Regelbruch aber führten zu der nötigen Aufmerksamkeit –wenn die Gegenseite sich provozieren lässt. Bei den 68ern in West-Berlin war das noch so –mit tödlichen Folgen. In Hongkong ebenso. Beim kläglich gescheiterten Versuch von XRimHerbst 2019, Berlin „lahmzulegen“, war die Wirkung eine andere: Eine protestgewohnte Stadt, eine erfahrene, deeskalierende Polizei, unerfahrene Demonstranten –und das Ganze fiel in sich zusammen. Auch Fridays for Future, vor einem Jahr angetreten mit dem selbstbewussten Satz:„Wirdemonstrieren so lange, bis sich etwas ändert“, gibt jetzt die wöchentlichen Schulstreiks auf und sucht nach anderen Formen. Ob dieKlimaproteste radikaler werden,ist noch unklar. Doch ebenso wie die Friedensbewegung der frühen 80er-Jahre hat die Klimabewegung der späten 2010er-Jahre die Gesellschaft jetzt schon verändert. Ein Thema, das weltweit Millionen auf die Straße treibt, bleibt, und sei es unterschwellig. In Polen, Großbritannien, den USA und anderswo werfen die Massenproteste ein grelles Licht auf eine zutiefst gespaltene Gesellschaft. Auch wenn Kaczynski, Johnson, Trump unangefochten an der Macht sind – sie erreichen nur noch das halbe Land. Früher oder später wird das Auswirkungen haben. Die 1968er haben 20 Jahre gebraucht, um zum Mainstream zu werden.Die abgebrochene Revolution von 1989 zeigt ihre Nachwirkungen erst 30 Jahrespäter. So ist das Jahrzehnt des Protests nicht ohne die Nachwirkungen der Finanzkrise zu verstehen. Die 90er waren eine große Party, der Terroranschlag von New York am 11. September 2001 die letzte Warnung, aber erst mit der globalen Rezession hörte die Musik auf zu spielen und alle schautensich verkatertan:Waresdas jetzt? Haben wir die Zukunft eigentlich schon verspielt – oder doch noch eine Chance, wenn wirgegendie Bequemlichkeit auf die Straße gehen? „Pessimismusverdrossenheit“ nennt es derEthnologe David Graeber.Wer protestiert, derhofft eben noch. Berliner Verlag GmbH, 11509 Berlin Redaktion: (030) 63 33 11-457 (Mo-Fr13-14 Uhr), Fax-499 Leser-blz@berlinerverlag.com, Leser-Service: (030)23 27-77, Fax-76; www.berliner-zeitung.de/leserservice Anzeigen: (030) 23 27-50, Fax: -66 97; berlin.anzeigen@berlinerverlag.com Postvertriebsstück A6517 Entgelt bezahlt 4 194050 501801 61051 BEI KÖNIG OHNE ANZAHLUNG: MIND.1.000€ ÜBER WERT FÜR IHREN ALTEN GEBRAUCHTEN 1) ! Jeep ® Renegade Auch als Automatik verfügbar! 169€ * Vollkasko-Versicherung nur 39,60 €mtl. 2) monatliche Leasingrate Jeep ® Renegade Longitude MY 19 1.0 T-GDI ·88kW ·Benzin ·Klimaanlage ·UConnect® LIVE Smartouch VP2 Multimedia ·Inkl. 4Jahre Garantie ·*zzgl. 899 €Bereitstellungskosten · mtl. 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