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Berliner Zeitung 26.03.2019

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So sind wir doch gar nicht: Alltäglicher Rassismus in Neuseeland – Seite 3 AOK kennt keine Grenzen mehr Seite 6 2°/7° Starkbewölkt Wetter Seite 2 Happy Hour verboten: Mallorca wird nüchtern Panorama Seite 26 www.berliner-zeitung.de Russland: Mueller-Bericht ist eine Schande für die USA Politik Seite 5, Leitartikel Seite 8 Dienstag,26. März 2019 Nr.71HA-75. Jahrgang Auswärts/D**: 1.70 €–Berlin/Brandenburg: 1.60 € Die Sonne scheint nicht mehr: Scott Walker ist tot Feuilleton Seite 19 Mit Kraft und Kreativität VonFrank Hellmann Esist nicht sonderlich glücklich, am 1. AprilGeburtstag zu haben. Nico Schulz hat zu diesem Termin in seiner in Berlin verbrachten Kindheit immer wieder dumme Scherze gehört. Einmal kam sogar seine Familie auf die Idee,den ganzen Tagso zu tun, als hätten sie seinen Geburtstag vergessen, erzählte er einmal in einem Interview für den Deutschen Fußball-Bund. Schön war das nicht. Heutzutage empfindet der 25-Jährige ganz andere Dinge als unan- Nico Schulz, torgefährlicher Verteidiger der DFB-Elf Fußball genehm: Wenn er etwa zum gefragtesten Interviewpartner nach einem Fußballspiel wird. Bei der TSG Hoffenheim soll kaum einer die medialen Verpflichtungen dermaßen meiden wie er, aber nach dem Last-Minute-Triumph in der EM-Qualifikation gegen die Niederlande (3:2) war es unmöglich, sich kommentarlos zu verdrücken. DerDampfmacher auf der linken Flanke sprach dann sogar recht ungefiltert über seine Emotionen: „Geiles Gefühl, ich bin froh und stolz, dass ich das Tor gemacht habe.“ Nach diversen Problemen und Auszeiten in Berlin und Mönchengladbach ist er im Kraichgau zum unumstrittenen Stammspieler eines Bundesligisten aufgestiegen. Schulz hat im sechsten Länderspieleinsatz bereits das zweite Malein spätes Torgeschossen. In 116 Bundesligaspielen sind nur vier Tore notiert. Im September vergangenen Jahres schlug er im Freundschaftsspiel gegen Peru (2:1) zu. Doch der Treffer in der Amsterdamer Arena nach einer mustergültigen Kombination über Ilkay Gündogan und Marco Reus war ungleich wertvoller,zumal der Linksverteidiger mit seinem eigentlich schwächeren Fuß vollstreckte. „Ich wollte das auch genau so, der Ball sollte genau da hin.“ Am Reißbrett entworfenen Lauf- und Passwegen folgte dieser finale Spielzug trotzdem nicht, wie der Matchwinner freimütig einräumte –auch wenn es so aussah: „Ilkay und Marco sind nach links gelaufen, ich bin dann in die Mitte – warum auch immer kommt der Ball dann auch zu mir.“ Schulz gibt in der badischen Nische einen jener Prototypen, deren Portfolio sich nachweislich unter der Handschrift des bald in Leipzig tätigen Fußballlehrers Julian Nagelsmann erweitert hat. Hinten vereinen sich Seriosität und Solidität, vorne vermengen sich Kraft und Kreativität. Entgegen kommt der deutschen Nummer 14 –imVerein trägt er die 16 –, dass hier wie dort meist mit einer Dreierkette verteidigt wird, so dass Schulz die ganze Außenbahn beackern kann. Wenn er nämlich mit Anlauf durchstarten kann, bekommt ihm das besser. SportSeite 18 Impfen per Gesetz? Sollen Eltern gezwungen werden, ihre Kinder gegen Krankheiten wie Masern zu immunisieren? Tagesthema Seite 2 Die Mord-Frage Der Kudamm-Raserprozess geht zu Ende. Für den Sohn des Opfers kann es nur ein Urteil geben VonKatrin Bischoff Maximilian Warshitsky trägt stets ein Lächeln im Gesicht, das etwas verlegen wirkt. So tritt er im Gericht auf. So steht er vorden Fernsehkameras. Seine Worte, hart gesprochen, passen daher so gar nicht zu seiner Freundlichkeit. „Für mich ist und bleibt es Mord“, sagt der 38-Jährige bei einem Treffen in einem Café. Es geht um den Todseines Vaters vor mehr als drei Jahren. Um das Urteil, das diejenigen an diesem Dienstag vor dem Berliner Landgericht ereilen soll, die für den gewaltsamen Tod des 69-jährigen Vaters mutmaßlich verantwortlich sind. Es geht um die sogenannten Todesraser vomKurfürstendamm. Warshitskys Vater,ein Arzt im Ruhestand, starb in der Nacht zum 1. Februar 2016 auf der West-Berliner Flaniermeile.Sein Jeep wurde 70 Meter weit geschleudert, als ein mit Tempo 160 bis 170 heranrasender Audi auf der Tauentzienstraße ungebremst in das Auto krachte.Der Arzt wurde Opfer eines illegalen Straßenrennens, das sich die damals 26 und 24 Jahrealten Hamdi H. und Marvin N. auf dem Kudamm und der Tauentzienstraße gelieferthaben sollen. In einem ersten Prozess waren die jungen Männer wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Doch der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf, weil ihm die Begründung nicht genügte. Erschloss aber eine erneute Verurteilung wegen Mordes nicht aus. Seitdem streitet das Land, ob Raser Mörder sein, ob sie auf einer Stufe stehen können mit Verbrechern, die hinterrücks einen Menschen erschlagen, um an dessen Geld zu gelangen. Selbst unter Juristen ist der Fall umstritten. „Man kann“, sagt Maximilian Warshitsky überzeugt. Er sieht es wie der Staatsanwalt, der vor zwei Wochen erneut lebenslänglich für die Angeklagten beantragt hat. Es gehe ihm nicht um Rache, sagt der Sohn. Es gehe um Gerechtigkeit. Wermit der dreifachen der erlaubten Geschwindigkeit ungebremst durch die Innenstadt „fliege“, müsse damit rechnen, einen Menschen zu töten. „Die Angeklagten haben den Todmeines Vaters billigend in Kauf genommen. Und nur, um ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.“ Maximiliam Warshitsky spricht vonVorsatz, vonMordmerkmalen. Er hatte Zeit, die Akten zu studieren. Seine Arbeit als Webdesigner ruht, weil „ich den Kopf nicht freihabe“. Das Café, das Warshitsky für ein Treffen vorgeschlagen hat, liegt nicht weit von dem Ort entfernt, an dem sein Vater starb.Warshitsky ist Nebenkläger in dem Mordprozess. Anders als sein älterer Bruder, der am Prozess nicht teilnehmen kann, saß er den Angeklagten bereits im ersten Verfahren gegenüber. Jeder Prozesstag sei hart für ihn. Doch er wolle Antworten, wolle wissen, warum sein Vater sterben musste. EIN DOSSIER DER BERLINER ZEITUNG ZUM RASER-PROZESS Beschlagnahmen: Wiedie Polizei gegenRaser vorgeht Seite 9 Bekenntnisse: Ein Teilnehmer illegaler Rennen im Gespräch Seite 10 Beschaffen: WiejungeMänner an die schnellen Autos kommen Seite 11 Brandenburg: Der besondere Kick –rasen durch Alleen Seite 12 Belastung: Wasder Körper beim Rasen und Bremsen aushalten muss Seite 13 „Mein Vater war eigentlich auf alles vorbereitet. Er hat mit allem gerechnet, was passieren konnte“, sagt Warshitsky. Mit Katastrophen, mit Krankheiten. Der Vater sei als Armeearzt nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl im Einsatz gewesen. 1987 kam die vierköpfige Familie aus der Ukraine nach Deutschland. DieMutter starb 2002 an Krebs. Dann kam, worauf niemand vorbereitet sein kann: Der Vater hatte keine Chance,als er bei Grün abbog. Er war sofort tot. Doch die Frage nach dem Warum ist für Maximilian Warshitsky bis heute nicht beantwortet. Warum bremsten die jungen Männer nicht, als sie die 90 Meter weit entfernte rote Ampel sahen? Sie hätten noch zum Stehen kommen, den Jeep passieren lassen können, hat Warshitsky im Prozess erfahren. Doch die Angeklagten traten wohl die Gaspedale durch, um das Rennen für sich zu entscheiden. Warshitsky erinnert sich noch sehr genau, wie ihn ein Kollege am Morgen des 1. Februar 2016 anrief. Es habe einen schweren Unfall in der Nähe des Kudamms gegeben, mit einem pinkfarbenen Jeep.Erhabe daraufhin immer wieder versucht, seinen Vater telefonisch zu erreichen. Er sei zudessen Wohnung gefahren und dortsei ihm Topa, derYorkshire- Terrier des Vaters,entgegengesprungen. Vorder Tür standen schon die Journalisten. Warshitsky wollte damals nicht mit ihnen reden. Heute ist das anders. Erwill auf das Schicksal seines Vaters, auf die Gefahren des Rasens aufmerksam machen.„Es betrifft schließlich nicht nur mich und meinen Bruder, sondernesbetrifft uns alle da draußen“, sagt er und zeigt vor die Tür des Cafés. Erhabe sich oft gewünscht, im Prozess so etwas wie Reue bei den Angeklagten zu spüren oder zu sehen. Doch da „kam nichts“, sagt er. Warshitsky weiß, dass die Angeklagten bei einem Schuldspruch wegen Mordes wieder Revision einlegen werden. Er ist darauf vorbereitet. Nicht aber auf ein mildes Urteil. Am Dienstagmittag wollen die Richter die Entscheidung verkünden. ROMANIA Urheberrecht spaltet die große Koalition Abstimmung im Europäischen Parlament VonMarkus Decker und Tobias Peter Unmittelbar vorder Abstimmung des EU-Parlaments über die neue Richtlinie der Europäischen Union zum Urheberrecht an diesem Dienstag streiten Union und SPD über die Reform. DerSpitzenkandidat der Europäischen Volkspartei, Manfred Weber (CSU), sagte in Berlin, er nehme die „Sorgen der Demonstranten ernst“, wolle der Reform aber zustimmen. Denn sie sei „ein guter Ausgleich“. Weber kritisiert ferner jene, die erst zustimmten und hinterher dagegen wetterten. Das zielte offenbar auf Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD), die die ReforminBrüssel zunächst auf Ebene der EU-Botschafter durchwinken ließ und sich anschließend davon distanzierte. Der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok sagte der Berliner Zeitung (Redaktionsnetzwerk Deutschland), er gehe „davon aus, dass eine Mehrheit zustande kommt“, und fügte hinzu: „Das muss auch gelingen. Denn sonst kann Europa keine Reform mehr durchsetzen gegen die amerikanischen Internetriesen und deren Machtanspruch. Google und anderewollen nämlich keine Verantwortung übernehmen. Deshalb werden junge Menschen durch Fehlinformationen irregeführt.“ Der SPD- Europaabgeordnete Jens Geier sagte dem RND hingegen: „Wir SPD-Europaabgeordnete werden eine Initiative starten, um Uploadfilter zu stoppen, also den bisher als Artikel 13 bekannten Teil zu streichen. Dann hängt es auch davon ab, obandere Gruppen und Fraktionen mit uns stimmen.“ Tatsächlich ist der Ausgang der Abstimmungen ungewiss.Zunächst stehen über 30 Änderungsanträge auf der Tagesordnung. Siegelten in erster Linie dem früheren Artikel 13, in der aktuellen Fassung Artikel 17. Erst nach den Änderungsanträgen wird über die gesamte Richtlinie abgestimmt. EU-weit in Kraft treten kann dieRichtlinie aber erst, wenn derRat der EUauf Ministerebene zustimmt. Ob der Rat die Reform imFalle von Änderungen akzeptiert, ist offen. Wasinder Richtlinie steht und was für oder gegen sie spricht, steht auf NetzwerkSeite 24 Berliner Verlag GmbH, 11509 Berlin Redaktion: (030) 63 33 11-457 (Mo-Fr10-16 Uhr), Fax-499; leser-blz@dumont.de Leser-Service: (030)23 27-77, Fax-76; www.berliner-zeitung.de/leserservice Anzeigen: (030) 23 27-50, Fax: -66 97; berlin.anzeigen@dumont.de Postvertriebsstück A6517 Entgelt bezahlt 4 194050 501603 21013

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