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Berliner Zeitung 26.06.2018

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Im Schatten der WM: Sterben an der ostukrainischen Front – Seite 3 SED-Geld für Ost-Bezirke Seite 15 14°/24° Hin und wieder Sonne Wetter Seite 2 www.berliner-zeitung.de Dienstag,26. Juni 2018 Nr.146 HA -74. Jahrgang Auswärts/D*: 1.60 €–Berlin/Brandenburg: 1.50 € Werverkauft sich besser – Messi oder Ronaldo? Seite 9 Festgespielt: Timo Werner ist die Überraschung Seite 10 Russland geschlagen: Uruguay ist Gruppensieger Seite 11 DIE WM-KOLUMNE Rot-Weiß passt fast immer VonTorsten Wahl Welches T-Shirt passt zum Spiel zwischen Peru und Australien? Mitwelchem Team wollen wir es halten, wenn wir im Stadion vonSotschi sitzen? Dassind so Fragen beim Kofferpacken. Australische Fans tragen grün-gelb, peruanische aber rotweiß. Einfacher wirdesamDonnerstag in Wolgograd. Polen gegen Japan haben dieselben Nationalfarben. Ein weißes T-Shirt und eine rote Mütze hätten hier den Vorteil, dass wir uns sowohl zu den Polen wie zu den Japanern schlagen könnten, nicht nur im Stadion, sondern auch beim Feierndanach. Eine Fußball-WM vor Ort ist ja nicht nur eine Parade für Funktionäre und Präsidenten in den Ehrenlogen, sondern verselbstständigt sich beim Aufeinandertreffen von Einheimischen und Fans aus allen Kontinenten. Da spielt der Zufall eine große Rolle. Denn wer unbedingt zur Weltmeisterschaft reisen will, der kauft sich Tickets schon zu einem Zeitpunkt, an dem noch nicht mal feststeht, wer überhaupt antritt. In der ersten Phase des Kartenverkaufs im November waren nur Ort und Datum vorgegeben. Dass wir dabei die Begegnungen von vier Mannschaften „gewonnen“ haben, die nicht unbedingt zu den Top-Teams gehören, erschien nur im ersten Moment als Manko. Denn so dürfte unser Trip deutlich entspannter werden. Ich muss nicht, Tausende Kilometer vonBerlin entfernt, unbedingt auf Heerscharen deutscher Fans treffen, die mit ihren schwarz-rot-goldenen Shirts die Partymeilen beherrschen oder die Hügel der Schlacht von Stalingrad stürmen. Da bekäme der alte Fußball- Begriff„Schlachtenbummler“ ja eine neue Bedeutung. Ganz ohne sportliche Bedeutung aber sollten die Spiele auch nicht sein: Also drücken wir „unseren“ vier Teams die Daumen und hoffen, dass es für sie im letzten Vorrundenspiel noch um etwas geht. In der ersten Runde gewannen aber nur die Japaner ihr Match, die rot-weißen Peruaner verloren zweimal –sie brauchen in ihremletzten Spiel unser Mitgefühl. Im Koffer also Kleidungsstücke in Rotund Weiß, dazu diverse Mückensalben. Denn die Fernsehbilder haben gezeigt, dass es unweit der Wolga vonInsekten nur so wimmelt. Außerdem ein 35 Jahre altes Schulbuch, der Lernwortschatz „Müi gawarim pa-russkij“. Mal sehen, wie weit es durch den Alltag trägt –ich bin der einzige im Team, der Russisch in der Schule gelernt hat. Früher nahm man Gastgeschenke in die Sowjetunion mit – doch gilt dies auch noch für eine Gastgeberin, die via AirBnB ihreWohnung vermietet? Torsten Wahl wechselt die Perspektive– vomFernseher ins Stadion. VonMarkus Decker Die Begeisterung brach sich am Sonntag optisch wie akustisch Bahn. In Berlin und anderen deutschen Städten fuhren Deutschtürken mit ihren Autos durch die Straßen und feierten den Wahlsieg „ihres“ Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. In Berlin fuhr ein Autokorso mit rund hundertFahrzeugen durch die westliche Innenstadt, wie ein Polizeisprecher sagte. 200 Menschen nahmen demnach daran teil. DerreguläreVerkehr musste teilweise umgeleitet werden, Zwischenfälle gab es aber nicht. Im nordrhein-westfälischen Duisburg feierten Erdogan- Anhänger in der Nacht zum Montag laut Polizei ebenfalls mit Autokorsos sowie zahlreichen gezündeten Knallkörpern die Wiederwahl des türkischen Staatschefs.Mehr als tausend Menschen blockierten zeitweise eine Straße. Jeder Zweite wählte nicht Den Hupkonzerten entsprach das Wahlverhalten. Nach Auszählung der Stimmen in Deutschland kam Erdogan auf knapp 65 Prozent im Vergleich zu gut 52 Prozent in der Türkei. Sein stärkster Mitbewerber Muharrem Ince von der linksliberalen Oppositionspartei CHP holte nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu nur knapp 22 Prozent, der Kandidat der prokurdischen HDP, Selahattin Demirtas,9,9 Prozent. DieWahlbeteiligung in Deutschland lag mit 45,7 Prozent in etwa so hoch wie beim Referendum über die umstrittene Präsidialverfassung im Frühjahr 2017. Mitder Wahl tritt diese nun in Kraft und räumt dem Präsidenten deutlich mehr Macht ein. Er ist zum Beispiel zugleich auch Regierungschef. Die große Unterstützung für Erdogan unter den Deutschtürken löst Entsetzen aus. Der Vorsitzende der Kurdischen Gemeinde in Deutschland, Ali Ertan Toprak, sagte: „Alle Türken, die die Errichtung eines Ein-Mann-Regimes auf deutschen Straßen feiern, zeigen damit, dass sie unsere freiheitlichdemokratische Grundordnung ablehnen.“ Auch der grüne Außenexperte Cem Özdemir kritisierte die Erdogan-Anhänger. Sie hätten bei den Autokorsos „nicht nur gefeiert, dass ihr Alleinherrscher jetzt noch stärker Alleinherrscher wird“, sondernauch „ein bisschen eine Ablehnung zur liberalen Demokratie zum Ausdruck gebracht“, sagte er am Montag im Deutschlandfunk. Aufden zweiten Blick ist das Ausmaß der Erdogan-Begeisterung hierzulande freilich nicht so groß, wie es scheint. Und da, wo diese Begeisterung existiert, gibt es durchaus Erklärungen dafür. Tatsache ist, dass von den rund drei Millionen Deutschtürken nur 1,4 Millionen wahlberechtigt sind. Von diesen wiederum schritt nicht mal jeder Zweite zur Urne. Gülay Kızılocak vom Zentrum für Türkeistudien in Essen sieht darin ein Zeichen, dass die Hälfte der wahlberechtigten Präsidentschaftswahl Türkei 2018 Ergebnis nach Auszählung von 99,99 Prozent; Wahlbeteiligung: 88,19; Stimmenanteil in Prozent 52,59 Recep Tayyip Erdogan AKP 64,78 Recep Tayyip Erdogan AKP 30,64 Muharrem Ince CHP 21,88 Muharrem Ince CHP 8,40 Selahattin Demirtas HDP So wählten Türken in Deutschland Auszählung 100 Prozent; Wahlbeteiligung: 45,74 Stimmenanteil in Prozent 9,98 Selahattin Demirtas HDP 7,29 Meral Aksener IYI 2,58 Meral Aksener IYI So wählten Türken in deutschen Städten Wahlergebnis nach ausgewählten Städten in Deutschland Essen für Erdogan Düsseldorf Stuttgart Köln München Karlsruhe Hannover Nürnberg Frankfurt amMain Hamburg Berlin Erdogans Hausmacht Die Deutschtürken wählten mit knapp Zweidrittelmehrheit den türkischen Präsidenten. Warum? Eine Analyse für Ince 13,2 18,4 18,7 20,8 26,4 22,1 20,6 24,4 24,8 Angaben in Prozent 29,3 32,7 51,5 1,09 Sonstige 0,78 Sonstige 70,5 68,8 65,9 65,5 63,5 60,1 59,7 59,8 59,3 76,3 BLZ/HECHER; QUELLE: ANADOLU/SABAH Deutschtürken mit der Türkei nichts zu tun haben, sondern hier in Deutschland am gesellschaftlichen und politischen Leben partizipieren wolle. Dafür,dass die Zustimmung zum autoritären Präsidenten unter den Wählern sohoch war, werden von Experten im Wesentlichen zwei Gründe genannt. Kızılocak verweist erstens darauf, dass einst mehrheitlich Arbeitsmigranten aus ländlichen Regionen und bildungsfernen Schichten der Türkei nach Deutschland gekommen seien. „Sie hängen an ihren traditionellen Werten.“ Das gilt nicht für Türken allein, sondern auch für andere Migrantengruppen wie Russlanddeutsche. Es handelt sich um eine soziale Konstante in allen Aufnahmestaaten, unabhängig von Kultur und Religion. Viele Modernisierungen daheim werden in den Einwanderungsländern jedenfalls nur indirekt nachvollzogen. Günter Seufert von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik sagt aus eigener Erfahrung: „Ich habe mich nie so deutsch gefühlt wie in den 19 Jahren, in denen ich in der Türkei gelebt habe.Wenn man dauernd positiv oder negativ auf seine Identität angesprochen wird, dann nimmt die Bedeutung der Identität im Bewusstsein zu.“ Außerdem bekämen die konservativ geprägten Erdogan-Anhänger aus Deutschland bei ihren Urlaubsaufenthalten gar nicht mit, dass die urbanen Schichten in derTürkei oft Erdogan-kritisch seien. Gülay Kızılocak vomZentrum für Türkei-Studien führt als zweiten Grunddie bis heute mangelnde Integration vieler Deutschtürken an, auch von jungen und hier geborenen.„Sie fühlen sich noch nicht richtigaufgenommen“, erklärte sie.Daraus resultierten „Trotzreaktionen“ wie bei der Wahl. Erdogan gebe den Nicht-Integrierten das Gefühl: „Ich bin Euer Präsident.“ Deutsche Kritik an ihm wirke eher kontraproduktiv, weil sie wie Kritik an der ganzen Türkei und an allen Türken wirke. Wunsch nach Ruhe Mansolle dies jedoch nicht mit ideologischer Nähe zu Erdogans Regierungspartei AKP verwechseln, mahnt die Sozialwissenschaftlerin. Denn ansonsten neigten die meisten Deutschtürken SPD, Grünen und Linken zu. Günter Seufert von der Stiftung Wissenschaft und Politik warnt deshalb einerseits davor, das Wahlverhalten der Deutschtürken zu dramatisieren, zumal es in europäischen Nachbarländern ähnlich und teilweise noch AKP-lastiger ausfalle.Andererseits sei es schon„ein Problem“. Wieauch immer:Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, der Erdogan alles andere als nahe steht und auf eine Wechselstimmung gehofft hatte,glaubt, dass die Deutschtürken nach den Aufwallungen der letzten Jahre Ruhe wollten. Sie wollten zurück zum Alltag. Gut möglich, dass ihnen dies nun vergönnt ist. Kippaschläger zu Arrest verurteilt Amtsgericht Tiergarten spricht Syrer schuldig ImBerliner Prozess um die Attacke gegen einen Kippa tragenden Israeli hat das Amtsgericht Tiergarten am Montag einen 19-jährigen Syrer wegen Beleidigung und Körperverletzung schuldig gesprochen. Das Gericht verhängte gegen den Angeklagten einen Arrest vonvierWochen nach Jugendstrafrecht. Zudem wird er für ein Jahr unter Erziehungsaufsicht gestellt. Der Arrest gilt wegen der Untersuchungshaft als verbüßt. DerVerurteilte kommt frei. Laut Urteil hatte der Syrer den jungen Israeli mit einem Hosengürtel mehrmals geschlagen sowie auch dessen Freund beschimpft, als sie am 17. April imStadtteil Prenzlauer Berg unterwegs waren und jeder von ihnen eine Kippa, die traditionelle Kopfbedeckung gläubiger Juden, trug. Der Fall hatte über Berlin hinaus eine Welle der Empörung ausgelöst. DerAngegriffene hatte die Attacke mit seinem Mobiltelefon gefilmt. Der Mitschnitt wurde sehr schnell via Internet verbreitet. Absurde Ausflüchte Der Flüchtling hatte die Schläge mit dem Gürtel zugegeben, in seinem Schlusswortaber die Tatbereut. Antisemitische Motivehatte er im Prozess bestritten. Er hatte ausgesagt, dass er sich im Recht gefühlt habe, denn er sei als erster beleidigt worden. Daraufhin habe er den jungen Israeliangegriffen. Die Kippa habe er zuerst nicht gesehen. Außerdem habe er an dem TagDrogen genommen. Richter Günter Räcke urteilte: „Natürlich hat er die Kippa gesehen.“ Er habe angegriffen, ohne beleidigt worden zu sein. Es sei ein Ventil für seinen Frust und seine Abscheu gewesen. „Wer sich so benimmt und dann noch meint, er fühle sich im Recht, der braucht ein deutliches Stoppsignal.“ Der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, begrüßte den Schuldspruch. Das Gericht sei den absurden Ausflüchten und Rechtfertigungen der Verteidigung nicht gefolgt, teilte Schuster mit. „Es zeigt sich aber auch, dass wir mit dem Strafrecht alleine das Antisemitismus-Problem nicht in den Griff bekommen werden.“ In der Schulbildung und bei der Integration von Migranten bestehe „sehr viel Nachholbedarf“. (dpa, BLZ) Berliner Verlag GmbH, 11509Berlin Redaktion: (030) 63 33 11-457 (Mo-Fr10-16 Uhr), Fax-499; leser-blz@dumont.de Leser-Service: (030)23 27-77, Fax-76; www.berliner-zeitung.de/leserservice Anzeigen: (030) 23 27-50, Fax: -66 97; berlin.anzeigen@dumont.de Postvertriebsstück A6517 Entgelt bezahlt Tagesthema Seite 2, Leitartikel Seite8 4 194050 501504 21026

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