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Berliner Zeitung 26.11.2018

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Anders leben: Ein Sportwagendesigner entwirft jetzt Lastenräder – Berlin Seite 13 Heute mit Stadt- Geschichte Seite 10 0°/4° Meist wolkig Wetter Seite 2 Der neue Spreewaldkrimi mit Nadja Uhl Feuilleton Seite 23 www.berliner-zeitung.de Das Bundesliga-Gefühl: Union gegen den HSV Sport Seite 18 Montag,26. November 2018 Nr.276 HA -74. Jahrgang Auswärts/D*: 1.60 €–Berlin/Brandenburg: 1.50 € Endlich Glühwein: Katja Berlins Kolumne Meinung Seite 8 Literaturnobelpreis Die Jurorin aus Neukölln VonHarry Nutt Sie liest und schreibt Gedichte, aber bislang nur für sich. Zu eigenen Veröffentlichungen wird die 27- jährige schwedische Literaturkritikerin Rebecka Kärde in den nächsten Monaten wohl auch keine Gelegenheit finden. Die seit etwa vier Jahren in Neukölln lebende und an der Humboldt-Universität für ein Master-Studium eingeschriebene Studentin muss zunächst einmal den Nobelpreis retten. Zumindest den für Literatur,der vonder Schwedischen Akademie in Stockholm ver- Rebecka Kärde, schwedische Literaturkritikerin geben wird. In diesem Jahr musste die traditionell im Oktober stattfindende Preisbekanntgabe abgesagt werden, weil die Akademie und deren 18 Mitglieder, die in das einst ehrwürdige Gremium eigentlich auf Lebenszeit berufen sind, sich heillos in Vorwürfe um Korruption und sexuellen Missbrauch verstrickt hatten, die gegen den Ehemann eines Jury-Mitglieds erhoben wurden. Es hagelte Rücktrittsforderungen und freiwillige Demissionen, und noch immer kann man in derWelt, in der man Bücher liest, nicht sicher sein, ob für 2018 noch ein Preisträger nachgereicht werden wird. Die Zukunft des Literaturnobelpreises ist weiter ungewiss,deshalb hat ja kürzlich das Telefon bei der jungen Schwedin in Berlin geklingelt. Rebecka Kärde gehört zu den externen neuen Juroren, mit deren Hilfe sich die beschädigte Akademie frischen Wind und eine erhöhte Akzeptanz verschaffen will. Warum ausgerechnet durch sie,weiß Kärde auch nicht. Im Interview mit der Tageszeitung Die Welt hat Kärde versichert, dass sie keine persönlichen Kontakte zur Akademie habe. Soviel Absicherung muss inzwischen wohl sein. Da die für die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter schreibende Journalistin aber bereits einen Kritikerpreis der Akademie erhalten hatte, verfügte man dort wohl auch über ihreTelefonnummer. Rebecka Kärde ist sich der ihr plötzlich zugewachsenen Verantwortung durchaus bewusst. Sie räumt ein, dass die Aufgabe eine Überforderung sei. Aber das wäresie wohl auch für erfahrenere Literaturprofis.Erste Gehversuche als Kritikerinhat sie im Kulturteil des schwedischen Blattes Arbetaren unternommen, einer kleinen Gewerkschaftszeitung. Als Lieblingsautoren nennt sie Thomas Bernhard und Elias Canetti, und die Vergabe des Literaturnobelpreises an den Musiker Bob Dylan hält Kärde zumindest für problematisch. „Rein als Dichter betrachtet“, gestand sie der Welt, „ist er ziemlich mies.“ Für den bevorstehenden Trubel setzt sie auf ihren klaren Kopf und die Anonymität des Berliner Großstadtlebens. Start-ups gegen den Heimatminister Unternehmen und Politiker kritisieren die Plakat-Kampagne zur freiwilligen Rückkehr von Asylbewerbern VonMarkus Decker und Stefan Strauß Yann Leretaille ist wütend, und deshalb hat der 27-jährige Geschäftsführer des Berliner Start-ups 1aim eine E-Mail an das Bundesministerium von Horst Seehofer (CSU) geschrieben, zuständig für Inneres, Bauund Heimat. Mit dem Slogan „Dein Land. Deine Zukunft. Jetzt!“ wirbt die Behörde derzeit bundesweit dafür, dass Asylbewerber freiwillig in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Die Plakate hängen in Großstädten wie Berlin. Mehrsprachig und mit den Flaggen vieler Länder steht dort: „Bis zum 31.12. gibt es für freiwillige Rückkehrer für bis zu zwölf Monate die Möglichkeit einer Übernahme von Wohnkosten.“ Im Gegenzug müssen die Flüchtlinge ihren Asylantrag zurückziehen und auf alle rechtlichen Mittel verzichten, „die auf eine Sicherung des Verbleibs in der Bundesrepublik Deutschland oder einer Einreise hierher gerichtet sind“, fordert die Behörde. Sollten sie erneut nach Deutschland zurückkehren, müssen sie alle erhaltenen Beträge zurückzahlen. Geld statt Asyl –auf diesen umstrittenen Deal reagieren Politiker, Flüchtlingshelfer und Unternehmer wie Yann Leretaille empört. Leretaille hat Seehofers Ministerium aufgefordert, die Kampagne „schnellstmöglich abzubrechen“ und die Plakate zu entfernen. „Ich bin mir nicht sicher, obIhnen klar ist, was für einen Schaden diese Kampagne anrichtet“, schreibt er.ImGespräch mit der Berliner Zeitung erzählt der Jungunternehmer mit deutsch-französischen Wurzeln: „Alle Migranten dieser Stadt fühlen sich von der Kampagne angesprochen. Siehaben das Gefühl, hier nicht erwünscht zu sein.“ Viele der Plakate sind mittlerweile beschmiert und mit Farbbeuteln beworfen worden. „Refugees welcome“ steht auf manchen –als Zeichen des Protests.„Geld und Zeit dieser Kampagne hätte man lieber in die Integration stecken sollen“, sagt Berlins Integrationssenatorin Elke Breitenbach (Linke) der Berliner Zeitung. „Viele Geflüchtete können wegen der unsicheren Lage in ihren Heimatländern derzeit gar nicht zurückkehren. Dasist CSU-getriebener Populismus.“ Auch die Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl kritisiert die Kampagne. „Ich bezweifle, dass das einen Sinn hat. Es wird nicht funktionieren“, sagte Karl Kopp, Leiter der Europa-Abteilung von Pro Asyl dieser Zeitung. Viele Migranten empfänden das in dieser Penetranz als Affront. „Das macht nur Sinn, wenn Menschen freiwillig etwas aufbauen wollen und ihreHerkunftsländer befriedet sind.“ Stattdessen verschlechtere sich die Menschenrechtslage in vielen Herkunftsländern. Zudem seien die vomBundes- Gesprühter Protest: Ein Plakat am U-Bahnhof Weinmeisterstraße in Mitte. THOMAS UHLEMANN ministerium in Aussicht gestellten Summen „allzu kümmerlich“. Yann Leretaille protestiert auch deshalb gegen die Kampagne, weil ein Großteil seiner Beschäftigten aus dem Ausland stamme, aus Ländern wie Brasilien, Taiwan, Kanada und Russland. Das Start-up arbeitet im Bereich Gebäudevernetzung, die Mitarbeiter sind hoch qualifizierte Ingenieure. Die Plakate hätten sie verwirrt, sie hätten gefragt, ob sie Goodbye Ein historischer Tag: Die Europäische Union lässt Großbritannien ziehen. Seiten 2und 8 jetzt Deutschland verlassen müssten. „Diese Kampagne ist völlig unangebracht für Flüchtlinge“, sagt Yann Leretaille. Und nicht nur das: Sie wirke sich auch auf Berlin als Innovationsstandort „katastrophal“ aus.„Ichhätte ein solches Niveau an Fremdenfeindlichkeit vom Bund nicht erwartet“, sagt Leretaille. Dabei ist das Programm nicht neu. Vielmehr gibt es Hilfen bei der freiwilligen Ausreise schon seit 1990. Flüchtlinge, die Deutschland aus freien Stücken verlassen, durften bisher einen Zuschuss von 1 200 Euro erwarten. Ab September 2018 folgte nochmals ein Bonus, mit dem das Bundesministerium nun wirbt. DerHilfssatz steigt bis Ende Dezember um 1000 Euro für Einzelpersonen.Vierköpfige Familien dürfen mit bis zu 3000 Euro zusätzlich rechnen. Mit dem Geld sollen etwa die Miete, Bau- und Renovierungsarbeiten im Heimatland gefördert werden. Die Hilfsprogramme waren bisher nicht besonders erfolgreich. 2016 haben laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 54 006 Rückkehrer die Zuschüsse für ihre Ausreise genommen, 2017 waren es noch 29 522 Personen und 2018 lediglich 14 183. Yann Leretaille will nun mit anderen Start-up-Gründern und internationalen Firmen in Berlin einen Brief auf einer eigens erstellten Internetseite veröffentlichen und somit öffentlich gegen die Plakat-Aktion protestieren. „Diese Kampagne betrifft uns alle“, sagt er. „Und jelänger sie läuft, desto größer wirdder Schaden für Berlin, für seine internationale Kultur und für alle Menschen, die in dieser Stadt zusammenleben.“ DPA/WOLFGANG KUMM Rückkehr von Hubertus Knabe unterbunden Gedenkstätten-Stiftungsrat beruft Direktor ab VonElmar Schütze ImStreit um den langjährigen Leiter der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, hat sich der Stiftungsrat am Sonntag zu energischem Vorgehen entschlossen. In einer außerordentlichen Sitzung wurde Hubertus Knabe mit sofortiger Wirkung als Vorstand und Direktor der Gedenkstätte abberufen. Dasgehtaus einer Mitteilung der Senatskulturverwaltung vom Sonntagabend hervor. DieklareReaktion des Stiftungsrates erfolgte, nachdem Hubertus Knabe vordem Landgericht am Freitag in einer Eil-Entscheidung eine Einstweilige Verfügung gegen seine Freistellung vom Dienst erreicht hatte.Damit war die Möglichkeit entstanden, dass Knabe an diesem Montag in der Gedenkstätte erscheinen und seine Tätigkeit vorläufig hätte wieder aufnehmen können. Demsoll der Beschluss des Stiftungsrates entgegenwirken. Als Begründung wird angeführt, nach Abschluss der Untersuchungen habe der Stiftungsrat diverse Rechtsverstöße festgestellt, „die gleichzeitig Pflichtverletzungen als Vorstand darstellen, sowie eine Zerrüttung des Vertrauensverhältnisses zwischen Stiftungsrat und Vorstand in einem Maße festgestellt, dass die weitereWahrnehmung des Amts als Vorstand durch Herrn Dr. Hubertus Knabe ausschließt“. Die Kulturbeauftragte der Bundesregierung, Monika Grütters, CDU, wird gebeten, umgehend das Ausschreibungs- und Nachbesetzungsverfahren einzuleiten. Bis zu dessen Abschluss wird Jörg Arndt, bis vorkurzemstellvertretender Vorstand und Verwaltungsleiter der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek, zum Vorstand und Direktor der Gedenkstätte bestellt. Gegen dieergangene Einstweilige Anordnung seien Rechtsmittel eingelegt worden. Hintergrund der Freistellung und Kündigung Knabes war,dassernach Ansicht des Stiftungsrates nicht entschieden genug gegen sexistische Verhaltensweisen unter anderem seines Stellvertreters gegenüber Mitarbeiterinnen der Gedenkstätte vorgegangen war. Berlin Seite 9 Berliner Verlag GmbH, 11509 Berlin Redaktion: (030) 63 33 11-457 (Mo-Fr10-16 Uhr), Fax-499; leser-blz@dumont.de Leser-Service: (030)23 27-77, Fax-76; www.berliner-zeitung.de/leserservice Anzeigen: (030) 23 27-50, Fax: -66 97; berlin.anzeigen@dumont.de Postvertriebsstück A6517 Entgelt bezahlt 4 194050 501504 11048

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