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Berliner Zeitung 28.03.2018

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Berliner Zeitung

Martin Walser,sein neuer Roman und die Frauen – Seite 24 . . Mittwoch, 28. März 2018 Nr.74HA-74. Jahrgangwww.berliner-zeitung.de 1.50 € Berlin/Brandenburg -1.60 € Auswärts/D** ................................................................................................................................................................................................................................................................................................................... P R O Z E S S Ende einer Karriere VON KLAUS PETERS Vor fast 30 Jahren gehörte er zu den Gestaltern eines historisch einzigartigen Projektes, für das es kein Beispiel gab. Günther Krause saß für die DDR als Chefunterhändler am Verhandlungstisch zum Vereinigungsvertrag. In der Folge wurde er im ersten gesamtdeutschen Kabinett von Kanzler Helmut Kohl Bundesverkehrsminister. Danach hatte er nicht mehr so viel Fortune.Am Dienstag wurde er wegen Insolvenzverschleppung und vorsätzlichen Bankrotts zu einer Geldstrafe verurteilt. Zu dem Prozess ist der heute 64-Jährige nicht erschienen. Aus Krankheitsgründen, teilte sein Anwalt Peter- Michael Diestel mit. Das Amtsgericht hat eine Geldstrafe in Höhe von 5400 Euro erlassen. Diestel nahm den Strafbefehl sofortan. Nach Ablauf der Fristen wäre Krause damit verurteilt. In der Anklage hatte Günther Krause hatte nach der Wende wenig Fortune. die Staatsanwaltschaft Krause vorgeworfen, nach der Pleite seiner Unternehmensberatung keinen Antrag auf Insolvenz gestellt zu haben, obwohl er spätestens Ende Januar 2015 zahlungsunfähig gewesen sei. Die Firma war dann auf Antrag der Gläubiger im Frühjahr 2016 in die Insolvenz gegangen. Nach Krauses Angaben schuldet er den Gläubigerninsgesamt 820 000 Euro.Außerdem soll er Arbeitnehmerbeiträge zur Krankenversicherung in Höhe von gut 7000 Euro veruntreut haben. „Herr Krause muss viel zahlen und wird dies auch tun –inder Rangfolge des Insolvenzverfahrens“, sagte Diestel. Schon in seiner Ministerzeit häuften sich die Skandale und Affären. Dazu gehörten die umstrittene Vergabe von Lizenzen für die ostdeutschen Autobahnraststätten, dubiose private Grundstücksgeschäfte und die „Putzfrau-Affäre“, bei der sich das Ehepaar Krause die Haushaltshilfe vom Arbeitsamt hatte bezahlen lassen. Ein privater Umzug auf Staatskosten kostete Krause im Mai1993 schließlich das Amt. Comeback-Versuche als Bürgermeister-Kandidat in Rostock und bei der Bundestagswahl 1998 scheiterten. Auch als Unternehmer fiel Krause bald unangenehm auf. Für seine 1993 gegründete Firma, die im Osten Immobilien zu günstigen Preisen anbot, setzte er einen Kredit der Bayerischen Landesbank in Höhe von damals elf Millionen Mark in den Sand. Nach dieser Pleite wurde Krause im Jahr 2009 unter anderem wegen Steuerhinterziehung und Betrugs zu einer Bewährungsstrafe von 14 Monaten verurteilt. Abgesehen davon lebt Günther Krause seit einem Jahr in einem großzügigen Haus mit Schwimmbad und Sauna in Mecklenburg-Vorpommern, für das er den Kaufpreis von knapp einer halben Million Euro noch nicht gezahlt hat. Nun droht zum 10. April die Zwangsräumung. Sein Anwalt Peter-Michael Diestel war übrigens wie Krause auch ein Politiker der Wendezeit, allerdings nicht im Kabinett Kohl. Diestel war der letzte Innenminister der DDR unter Ministerpräsident Lothar de Maizière. Nach der Wende wollte er Ministerpräsident in Brandenburgwerden, scheiterte aber, saß einige Jahre imLandtag. Seit 1993 führtererfolgreich eine Anwaltskanzlei in Potsdam. (dpa) Rätsel, Sudoku 17, 29 ................................................................................................................. Immobilien, Stellen, Reise 16, 17, 18 ................................................................................................................. Klein-, Traueranzeigen 16, 17, 18 ................................................................................................................. Berliner Verlag GmbH, 10171Berlin Redaktion: (030) 63 33 11-457 (Mo-Fr 10-16 Uhr), Fax–499; leser-blz@dumont.de Leser-Service: (030)23 27-77, Fax-76; www.berliner-zeitung.de/leserservice Anzeigen: (030) 23 27 -50, Fax: -66 97; berlin.anzeigen@dumont.de ................................................................................................................. 4 Postvertriebsstück A6517 /Entgelt bezahlt 194050 501504 31013 VON ARNO WIDMANN Faust um Faust Kinder bedrohen Kinder,weil sie anders glauben, weil sie schwächer sind. Das ist erschreckend, aber nicht neu. Es bleibt nur ein Ausweg. Ein Kommentar Schüler gehen mit Messern und Schlagstöcken bewaffnet in die Schule, drohen Mitschülern mit dem Tod. Weil die nicht an Allah glauben. Schweinefresser,Käsegesichter sind gängige Beschimpfungen. Wir sind erschrocken. Wir sind doppelt erschrocken. Da ist die Gewalt. Sie scheint in der Luft zu liegen. Überall. Sieentlädt sich mal hier,mal dort. Wir können keine Idylle mehr sehen, ohne zu denken: Wann passierteshier? Und daist die Religion. Wir inDeutschland haben die mörderische Gewalt, die Religion entfalten kann, erfahren. VorvierhundertJahren begann der Dreißigjährige Krieg, der Deutschland verheerte wie danach erst wieder der ZweiteWeltkrieg. Es war der Krieg zweier christlicher Konfessionen gegeneinander.Esmischten sich damals alle anderen Probleme mit hinein in die religiöse Auseinandersetzung. Oft war es auch umgekehrt: Man benutzte die religiöse Begründung zur Tarnung ganz anderer Interessen. Wir sind erschrocken. Wir sind es immer wieder. Das ist gut. Das Schlimmste wäre, die Untaten einfach hinzunehmen. Es fehlt nicht an deutschen Gerichten, die immer wieder entschieden, das Abbrennen von Asylantenheimen sei kein fremdenfeindlicher Akt, sondern jugendlicher Übermut. Dagegen müssen wir uns stellen. Ebenso wenig sind die Attacken auf jüdische Mitschüler oder Käsegesichter einfach nur Jugendsünden. Sie sind Angriffe auf die Grundlagen unserer Existenz. Alsich zwölf, dreizehn Jahrealt war,lauerte ich ein paar Wochen lang einem dicken Mitschüler beinahe täglich auf dem Heimweg auf und verprügelte ihn. Ich las „Götter, Gräber und Gelehrte“, und trotzdem war ich auch ein Schläger.Ich hörte bald auf damit. EinLehrer stellte mich zur Rede. Ich glaube zu wissen, warum ich es getan hatte. Ich konnte es. Die Erfahrung, Gewalt zu haben über einen anderen, ist eine Droge.Sie ist es desto mehr,jegrößer die Ohnmachtserfahrung ist. Die Neigung zum Einsatz körperlicher Gewalt scheint mir bei jungen Männern – ein sehr dehnbarer Begriff –besonders ausgeprägt, weil sie gerade erst der völligen Ohnmacht entwachsen sind. DerseinenVater weit überragende Lulatsch kuscht vor ihm. Biserirgendwann einmal in den Augen des Vaters seine eigenen Muskeln sieht. Das Kräfteverhältnis hat sich umgekehrt. Wir wissen, dass diese krude Reduktion aufs Nichts-als-Körperliche nicht stimmt. Das Machtgefälle wird von vielen Faktoren bestimmt. Aber derselbe Prozess findet auf den unterschiedlichsten Ebenen statt. In den unterschiedlichsten Milieus und unter den unterschiedlichsten Bedingungen. Alles hängt davon ab,wie wir als Einzelne und wie wir als Gesellschaft mit den verschiedenen Machtgefällen umgehen. Regeln und Gesetze sind um der Schwachen willen da. DieStarken brauchen sie nicht. Eine Schule, die das nicht vermittelt, ist keine. Die Abhängigen ihre Abhängigkeit spürenzulassen, ist keine kluge Politik. Nicht in der Familie, nicht in der Schule, nicht im Staat. Es rächt sich. Aber so zu tun, als gäbe es das Machtgefälle nicht, als könne jeder tun, wozu er gerade Lust hat, hilft uns auch nicht weiter. Regeln und Gesetze sind um der Schwachen willen da. Die Starken brauchen sie nicht. Eine Schule,die das nicht vermittelt, ist keine.Eine Schule,inder dieStarkenmit Messernund Schlagstöcken erst die Pausenhöfe und dann den Unterricht regieren, gehörtgeschlossen. Einzelne Rüpel gibt es immer. Ihnen ist entgegenzutreten. Sie praktizieren –sowie ich das tat –Menschenverachtung. Welche Begründung auch immer sie dafür heranziehen. Dieist nicht gleichgültig. Denn über sie gilt es zu reden. Nicht weil man ihr glaubt, sondern weil man miteinander reden muss und also reden muss über das, was gesagt wird. Vor allem aber muss man sprechen über das, was getan wird. Und man muss deutlich machen, dass nicht nur darüber gesprochen, sondern dass auch gehandelt wird. Wir sind erschrocken über das, was geschieht. Wir sind erschrocken über die Gewalt und über ihre religiöse Begründung. Beides kommt uns vor wie aufgestiegen aus einer längst überwunden geglaubten Vorzeit. Vor allem aber sind wir erschrocken über unsereHilflosigkeit. Wirspüren: Es gibt keine Pille, kein Rezept. Dieses Gefühl macht uns wütend. Das ist nicht weiter schlimm, wenn sie hilft, uns in Bewegung zu setzen, Eltern anzurufen, Nachbarn, Schüler und Lehrer,damit wir uns treffen und reden, um die Lage an dieser Schule, in dieser Nachbarschaft besser zu begreifen. Die Wut darf aber keine Gewalt über uns bekommen. Sonst verstärken wir die Probleme, statt zu ihrer Lösung beizutragen. Es wird keine große Lösung geben. Sondern allenfalls lauter kleine Lösungen, die zu neuen Problemen führen. Vielleicht haben die Recht, die fordern, dass sich Schulen Regeln geben, deren Verletzung zum Schulverweis führen. Vielleicht aber gibt es ein Milieu, in dem der Schulverweis keine Strafe, sondern eine Befreiung wäre. Dann wäredas eine untaugliche Waffe. Als wir Zwölfjährigen 1958 im Fernsehen von der kubanischen Revolution erfuhren, fanden in den Großen Pausen auf dem Schulhof Prügeleien zwischen Anhängern des Präsidenten Batista und denen Fidel Castros statt. Heute sind Hunderte von Kanälen voll mit Berichten aus den Bürgerkriegen dieser Welt. Auch heute werden die Kinder sich auf die eine oder die andere Seite schlagen. Und heute sehen sie ihre Altersgenossen mit Maschinengewehren bewaffnet an den wirklichen Kämpfen teilnehmen. Mehr als 300 000 Kindersoldaten sollen derzeit im Einsatz sein. Auch das werden unsere Kinder sehr genau beobachten. Auch davor sollten wir nicht die Augen verschließen: Das ist die Welt, die wir ihnen bereiten. Berlin Seite 10 GETTY FUSSBALL-LÄNDERSPIEL Deutschland –Brasilien 0:1 SportSeite 22 Nato verschärft ihren Kurs gegen Russland Außenminister Lawrow wirft den USA Erpressung vor Wegen des Nervengiftanschlags im englischen Salisburyhat nun auch die Nato Strafmaßnahmen gegen Russland verhängt. Generalsekretär Jens Stoltenberg kündigte am Dienstag an, dass sieben Mitarbeitern der russischen Nato-Vertretung die Akkreditierung entzogen und drei Akkreditierungsanfragen abgelehnt würden. Zudem werde die russische Delegation künftig nur noch 20 Personen groß sein dürfen. Dies entspreche einer Reduzierung der Maximalgröße um zehn Personen. Die Nato sende damit die klare Botschaft an Russland, dass unakzeptables und gefährliches Verhalten Konsequenzen habe, kommentierte Stoltenberg. Er deutete an, dass ein Teil dieser Diplomaten verdächtigt wird, für russische Geheimdienste zu arbeiten. Der Generalsekretär machte deutlich, dass die Nato trotz der Strafmaßnahmen den Dialog mit Russland fortsetzen wolle und bereit sei, eine weitere Gesprächsrunde im Nato-Russland-Rat vorzubereiten. Dieser gilt als das wichtigste Forum für politische Gespräche zwischen dem westlichen Militärbündnis und Moskau. Bei dem Anschlag in Salisbury Anfang März waren der frühere Doppelagent Skripal und seine Tochter Julia schwer vergiftet worden. DieTäter nutzten nach derzeitigem Ermittlungsstand den in der Sowjetunion entwickelten Kampfstoff Nowitschok. Russland streitet jegliche Verantwortung für den Anschlag ab. Die Nato-Staaten hatten den Anschlag auf Skripal bereits Mittedes Monats verurteilt und ihre Solidarität mit Großbritannien versichert. Zuletzt wiesen rund zwei Dutzend Nato-Partner mehr als 140 russische Diplomaten aus. „Launisches Verhalten“ Russlands Außenminister Sergej Lawrow hatdie USA fürdie Ausweisung derDiplomaten seines Landes verantwortlich gemacht. Die Maßnahmen seien das „Ergebnis kolossalen Drucks, kolossaler Erpressung“,sagte Lawrow am Dienstag in Usbekistan. Erpressung sei Washingtons „Hauptinstrument auf der internationalen Bühne“. Selbstverständlich werde Russland soein „launisches Verhalten“ nicht unbeantwortetlassen, fügte er hinzu. Das US-Außenministerium hat denVorwurfder Erpressung zurückgewiesen. „Das istalbern“,sagte die Sprecherin desAußenministeriums, Heather Nauert,amDienstag inWashington. Der britische Außenminister Boris Johnson nannte die Aktion des Westens einen „Wendepunkt“ in denBeziehungen zu Russland. DerVorsitzende derAfD im Bundestag, Alexander Gauland, hat die Ausweisung russischer Diplomaten kritisiert. „Deutschland hat nichts zu gewinnen und viel zuverlieren, wenn es sich von Scharfmachern in einen neuen Kalten Krieg verwickeln lässt.“(dpa, AFP) WETTER BERLIN: DichteWolken bringen mitunter Regen. DieTemperaturen liegen zwischen 7und 3Grad. Seite 2

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