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Berliner Zeitung 28.06.2018

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Neu in Berlin: Mit der Lehre zum Abitur – Berlin Seite 15 Heute mit Kulturkalender 17°/27° Warm mit Wolken Wetter Seite 2 www.berliner-zeitung.de Donnerstag,28. Juni 2018 Nr.148 HA -74. Jahrgang Auswärts/D*: 1.60 €–Berlin/Brandenburg: 1.50 € Leiden, feiern, beleidigen: Bei Maradona in der Loge Seite 14 Brasilien und die Schweiz erreichen das Achtelfinale Seite 11 Hauptgewinn für Senegal: Mané, der Schleicher Seite 13 Aus, Aus, Aus Zu wenig Tore. Zu wenig Siege. Zu wenig von allem. Erstmals scheidet Deutschland in der Vorrunde der WM aus. Waswirdaus Joachim Löw? „Wir waren nach dem Gegentor moralisch tot.“ Bundestrainer Joachim Löw verlässt nach der Niederlage das Stadion in Kasan. Ob er weitermacht, ließ er am Abend offen. DPA/INA FASSBENDER VonHarry Nutt AmEnde schien sogar sämtliche Energie für den dramatischen Augenblick aufgebraucht. Das Spiel war aus, ehe es abgepfiffen wurde und die südkoreanische Mannschaft mit ihren zwei Toreninder Schlussphase giftige Nadelstiche der Demütigung gesetzt hatte. In quälender Langsamkeit rollte der Ball kurz vor der 99. Minute ins leereTor, das Manuel Neuer freiwillig verlassen hatte, um anstandshalber den Anschein zu erwecken, man könne einen besseren Ausgang und ein gnädiges Schicksal noch erzwingen. Aber in solchen Momenten ist das Fußballleben unerbittlich. Und Fußballfans wissen, dass das klare 2:0 eine ehrlichere Sprache spricht als die dürftige Torlosigkeit, die das ganze Spiel über nicht nur die Spieler, sondern auch die Fans wie paralysiertagieren ließ. Nachdem die ersten Stimmen zum Spiel verklungen waren und die Zeit für eine erlösende TV-Werbung kam, erklang Johnny Cashs Schmerzenshymne „Hurt“. Ein Zufall. Gewiss, aber von symbolischer Tragweite. Wenn es an seelsorgerischem Beistand mangelt, helfen vielleicht ein paar Klänge tröstender Musik. In sportlicher Hinsicht ist das, was sich am Mittwochnachmittag in Kasan ereignet hat, schnell erzählt. Deutschland, das auf sich hält, eine Fußballnation zu sein, ist als Letzter der Gruppe Finder Vorrunde der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland ausgeschieden. Das erste Mal bei einer WM, wenn man das Jahr 1938 nicht mitzählt, bei der es die Vorrunde im heutigen Modus noch nicht gab. Nach dem Spiel ist diesmal nicht vor dem Spiel, aber wenige Minuten danach überzeugten die wenigen Repräsentanten der Mannschaft, allen voran Trainer Joachim Löw, mit dem nüchternen Eingeständnis, dass das spielerischeVermögen diesmal nicht gereicht hat, um ein Weiterkommen im Turnier, auf das man lange eine Art Bestandsgarantie zu haben schien, rechtfertigen zu können. Keine lamentierenden Entschuldigungen, keine umständlichen Erklärungsversuche. „Uns hat diesmal die Leichtigkeit gefehlt“, sagte Löw und schien damit ein Lebensgefühl auszudrücken, dass Deutschland seit geraumer Zeit auch über das von Kreidelinien begrenzte Spielfeld hinaus befallen hat. Und Löws Ankündigung, jetzt über seine Zukunft nachdenken zu wollen, sie fügt sich in diese Stimmungslage. Kann man denn gar nichts tun? Gegen die Schmach, nicht weiter mitspielen zu dürfen? Gegen das Gefühl, das Momentum diesmal nicht auf seiner Seite gehabt zu haben? Derlängst zu einem literarischen Topos gewordene Begriff der German Angst greift um sich –und jetzt auch noch auf dem Platz. Alle angestrengten Versuche, sich zwischenzeitlich starkzureden und das sensationelle Freistoßtor von Toni Kroos in der letzten Minute des Spiels gegen Schweden als Gottesbeweis zu deuten, dass das Schicksal den Deutschen gewogen ist, wurden in Kasan ins Gegenteil verkehrt. Auf emotionale Rettung kann in so einem Augenblick nur der hoffen, der sich einzureden vermag, dass es wichtigeres gibt als Fußball. Aber obwohl es zutrifft, ist der Gedanke, sobald er von jemanden ausgespro- „Ich gehe davon aus, dass Jogi weitermacht.“ Oliver Bierhoff „Wie es jetzt weitergeht –damuss man mal in Ruhe darüber reden.“ Joachim Löw chen wird, trivial und dumm. Und natürlich gehen alle Versuche ins Leere, aus dem Fußballerleben weitreichendere Schlüsse abzuleiten. Der amerikanische Ethnologe Clifford Geertz hat für das tiefe Empfinden einer sportlichen Leidenschaft den Begriff des Deep Play geprägt. Er selbst hat diese Erfahrung aber nicht beim Fußball gemacht, sondern beim Hahnenkampf auf Bali. Es gibt tatsächlich mehr als nur Fußball. Leider steht es auch in anderen Lebensbereichen gerade nicht sonderlich gut ums Land. Dem Exportweltmeister drohen Strafzölle, die für das wirtschaftlicheWohlergehen so wichtige einheimische Autoindustrie hat ihreRedlichkeit als Voraussetzung eines intakten Wirtschaftshandelns preisgegeben, und Kanzlerin Angela Merkel sieht sich in der eigenen Parteienfamilie einer aufmüpfigen Prätorianergarde gegenüber, die den Dolch unter dem Gewande trägt, aber noch zögert, ihn auch einzusetzen. German Angst auch hier, und man wird den Verdacht nicht los, dass die Kabinettssitzungen im Kanzleramt derzeit nicht annähernd so offenherzig ausgetragen werden wie die Krisensitzungen der deutschen Mannschaft im WM-Quartier Watutinki. Im Gegensatz zu der unsoliden Truppe, die Angela Merkel umgibt, hat in dem Männerbündnis, das sich etwas zu selbstzufrieden den Namen „Die Mannschaft“ gegeben hat, zumindest niemand die Richtlinienkompetenz des Übungsleiters angezweifelt. Vielleicht war am Ende sogar die Anständigkeit der Mannschaft das Problem. Aber man mag es sich nicht weiter ausmalen, wenn die Riege der Bayern um MarkusSöder und Horst Seehofer im politischen Mikado um die Macht einen schmutzigen Sieg davontragen. Dass Fußball ein schönes Spiel ist, und die WM in Russland gerade erst in seine heiße Phase eintritt, führen einem vor allem die kleinen Mädchen und Jungs auf der Straße vor Augen, die nach dem Spiel der Deutschen gewiss auch den Zuspruch ihrer Eltern bedurften. Aber wer sie kurz danach beim Spielen gesehen hat, der erkennt, dass sie ihre Merchandisingprodukte ja längst nicht mehr nur in den Farben Schwarz und Weiß wählen. Auch deutsche Kinder wollen CR7 sein, Messi, James und spätestens nach dieser WM gewiss auch Luka Modric. Natürlich fällt es dem sportaffinen Beobachter, der sich selbst gegenüber ein wenig ehrlich ist, schwer, der WM weiter seine Aufmerksamkeit zu schenken. Manmag aber vonden Italienern lernen,über die zumindest die TV-Einschaltquoten verraten, dass sie leidenschaftlich die Spiele verfolgen, obwohl die fußballspielende Sporteinheit der Tifosi gar nicht erst zugelassen war. Dieniederen Gefühle der Häme und der Schadenfreude, für die zahlreiche Foren imInternet eine feurige Gefühlsmaschine zu sein scheint, sind unangebracht. Jetztwirdesdarauf ankommen, anhand der Spiele der anderen zu beobachten, was in einer so multiethnischen Stadt wie Berlin an Ausdrucksformen der Lebensfreude alles möglich ist. WM-Seiten 2und 3, 9-14 Harry Nutt hat bis zuletzt gehofft, diesen Text nicht schreiben zu müssen. Anzeige Berliner Verlag GmbH, 11509Berlin Redaktion: (030) 63 33 11-457 (Mo-Fr10-16 Uhr), Fax-499; leser-blz@dumont.de Leser-Service: (030)23 27-77, Fax-76; www.berliner-zeitung.de/leserservice Anzeigen: (030) 23 27-50, Fax: -66 97; berlin.anzeigen@dumont.de Postvertriebsstück A6517 Entgelt bezahlt 4 Jetzt online anmelden Die Kochinnovation! 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