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Berliner Zeitung 31.12.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 303 · 3 1. Dezember 2019/1. Januar 2020 – S eite 18 * ························································································································································································································································································· Sport Seine größte Herausforderung hat KarlGeiger gemeistert. Beim Springen auf seiner Heimschanze beweist der Oberstdorfer Nervenstärke. SVEN SIMON Ein paar perfekte Tage Der Oberstdorfer Karl Geiger kann bei der Vierschanzentournee den Japaner Ryoyu Kobayashi abfangen, auch wenn der im Moment unbesiegbar erscheint VonLars Becker Karl Geiger fuhr nach seinem zweiten Platz in der Heimat„mit einem breiten Grinsen“ Richtung Garmisch-Partenkirchen. Das hat er so formuliert. Nach seinem Traumstart in die 68. Vierschanzentournee kann der Oberstdorfer vom ersten deutschen Gesamtsieg beim Skisprung- Grand-Slam seit Sven Hannawalds Triumph vor18Jahren träumen. Am montäglichen Ruhetag wurden Kräfte für das große Duell gegen den japanischen Überflieger Ryoyu Kobayashi (Japan) gesammelt. Bundestrainer Stefan Horngacher hatte im deutschen Team Faulenzen angeordnet. „Wir werden mal gar nix machen und dann erst wieder die Maschinen Richtung Neujahrsspringen hochfahren. Der Start der Tournee ist immer extrem emotional“, begründete der Chefcoach die Maßnahme.Ganz besonders viele Gefühle hatte natürlich Karl Geiger nach dem ersten Tournee-Podestplatz seiner Karriere zu verarbeiten. Nur ein paar Minuten Fußmarsch von der Schattenbergschanze aufgewachsen, war der heute 26-Jährige schon als kleiner Junge Stammgast beim traditionellen Tournee-Auftakt gewesen. Jetzt genau dort als Zweiter erstmals auf einem Tournee-Podest zu stehen, war einer der größten Momente seiner sportlichen Karriere. Neben den vielen Umarmungen seiner begeisterten Eltern und zahlreicher Freunde blieb bei Karl Geiger vorallem das Gefühl, wieder eine besondere Herausforderung auf dem Wegnach ganz oben bewältigt zu haben. „Wir haben viel mit Karl gearbeitet, damit er diese einmalige Situation bei seinem Heimspringen bewältigt“, sagte Horngacher. „Im Gegensatz zum Teamsport Fußball gibt es beim Skispringen oft keinen Heimvorteil –dusitzt da mit all diesen Erwartungen oben auf der Schanzeund wenn du den Absprung verpasst, ist in Zehntelsekunden alles vorbei.“ Im vergangenen Jahr war Geiger noch in Oberstdorfandiesem Druck gescheitert, doch in diesem Winter scheint der Deutsche bereit für den Abschied: Für Richard Freitag,28, ist die 68. Vierschanzentournee beendet. Der Sachse mit Wohnsitz Oberstdorf wird wegenFormschwäche bei der zweiten Station in Garmisch-Partenkirchen nicht mehr an den Startgehen. RICHARD FREITAG Abstand: Freitag trainiert nun in Oberstdorf. „Er ist momentan nicht in der Lage, so einzugreifen, dass er schnell auf ein hohes Niveau kommt“, so Cheftrainer Stefan Horngacher.Sonst wird der Kader nach dem zweiten Springen ausgedünnt. Abgefahren: So mag es nun Adrian Sell vorkommen. Er übernimmt jetzt den ungewollt freigewordenen Platz in Garmisch-Partenkirchen: Das 21 Jahre alte Talent aus Albstadt-Ebingen gibt sein Debüt bei der Tournee. Er gehörtzum deutschen B-Team. ganz großen Triumph zu sein. Auch dank mentaler Techniken. Teamkollege Markus Eisenbichler verrät: „Der Karl versinkt gernmal komplett in sich selbst.“ Karl Geiger praktiziert auch Yoga. Mit Oberstdorf hat er die für ihn schwierigste Station bei dieser Tournee bereits hinter sich. Sein großer Konkurrent Ryoyu Kobayashi hat sie dagegen noch vorsich: DerSieger aller Tourneespringen im vergangenen Winter hat beim Neujahrsspringen von Garmisch-Partenkirchen die Chance, mit seinem sechsten Tournee-Tageserfolg in Serie einen geschichtsträchtigen Rekord aufzustellen. Dieses Kunststück ist in den 67 Tournee-Jahren noch keinem Skispringer gelungen: Die Deutschen Hellmut Recknagel (1957 bis 1959), Sven Hannawald (2001 bis 2002) sowie der Pole Kamil Stoch (2016 bis 2018) kassierten nach fünf Trium- phen in Folge jeweils eine Niederlage. „Wenn Kobayashi einen Fehler macht, wird Karl da sein“, versprach Chefcoach Horngacher. Das Problem daran: Irgendwie scheint ein Fehler des Japaners derzeit schwer vorstellbar zu sein. Beim Tournee- Auftakt agierte Kobayashi, der nach einem kräftigen Katapult-Absprung so schnell wie kein Zweiter in der perfekten Fluglage ist und deshalb mit maximaler Geschwindigkeit wie ein Pfeil zu Topweiten fliegt, wieder in seiner eigenen Liga. 9,2 Punkte oder reichlich fünf Meter Vorsprung auf Geiger sind bei der Ausgeglichenheit in der Weltspitze schon ziemlich viel. Kobayashi gab nach dem perfekten Auftakt zu, schon wieder den Grand Slam im Hinterkopf zu haben –also die Wiederholung seines Sieges in allen vier Einzelspringen bei dieser Tournee. Auf die Frage nach seinem Erfolgsgeheimnis antwortete Kobayashi unmittelbar im Anschluss an seinen Triumph von Oberstdorf mit einem Grinsen und den Worten: „Ich habe keine Idee.“ Sein neuer österreichischer Heimtrainer Richard Schallertschon –neben seiner wirklich einmaligen Flugtechnik habe sein Athlet den Vorteil, dass er perfekt abschalten könne: „Er denkt nicht 24 Stunden ans Skispringen.“ Häufig versinke Kobayashi dann in seiner eigenen Welt, in der schnelle Autos und stylishe Produkte die Hauptrolle spielen. Ähnlich wie Karl Geiger, nur dass der bodenständiger ist. Sein Coach Horngacher hat schon seine Siegchancen auf den kommenden Tournee-Stationen in Garmisch-Partenkirchen (1. Januar), Innsbruck (4. Januar) und Bischofshofen (6. Januar) analysiert. „Die Schanze inPartenkirchen hat Karl ja bislang nicht so gemocht, aber beim Training im Herbst hat er Freundschaft mit ihr geschlossen. Da ist er dortrichtig gut gesprungen. Auf der Schanze von Innsbruck hat er vergangenen Winter Silber im Einzel und Gold bei der WM gewonnen. Wenn Karl gut springt, ist die Schanze ohnehin egal.“ Dann kann er an einem perfekten Tagselbst den großen Überflieger Kobayashi schlagen. Ein neues Rückgrat Trotz einer bislang starken Saison und des 3:2 gegen Augsburg steht das Torhütergespann der Eisbären in der Kritik. Darauf reagierte der Klub mit der Verpflichtung von Justin Pogge VonBenedikt Paetzholdt Eigentlich war alles wie immer:Als erster Profi des Eisbärenteams lief TorwartSebastian Dahm aufs Eis der Arena, ihm folgte mit Basecap statt Helm Ersatz-Keeper Maximilian Franzreb, der wieder den Platz ganz rechts auf der EHC-Bank einnahm, um vondortaus das Spiel seiner Kollegen zu verfolgen. Schon vordem 3:2-Sieg gegen die Augsburger Panther war allerdings klar, dass dieses Gespann womöglich zum letzten Mal zusammen einen Spieltag bestreiten wird. Denn Stunden vorher vollzog sich, worüber schon länger spekuliert wurde: Die Eisbären haben mit dem Kanadier Justin Pogge einen neuen Schlussmann verpflichtet. Als Reaktion auf die Diskussion über die Qualität des Duos Dahm/Franzreb.„Wir analysieren ständig unser Team und den Transfermarkt. Dabei sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir auch auf der Torwartposition mehr Tiefe brauchen“, sagt Sportdirektor Stéphane Richer. Pogge,33Jahrealt, absolvierte zuletzt zehn Partien in der zweiten schwedischen Liga, nachdem er zuvor in der SHL, der Topliga des Landes, bei Rögle BK angestellt war. In seiner Karriere hütete Pogge immerhin sieben Mal das Tor eines NHL-Teams, in der Saison 2008/2009 für die Toronto Maple Leafs. Nachdem er 2004 von dieser Franchise beim Draft in der dritten Runde ausgewählt wurde und zwei Jahre später mit dem U20-Team seines Heimatlandes die Junioren- Weltmeisterschaft gewann, kam er vorallem in der Farmteam-Liga AHL zum Einsatz. Deshalb entschied er sich, 2012 nach Europa zu wechseln, wo er in Italien, in der KHL für Slovan Bratislavaund eben in Schweden Erfahrungen sammelte.„Er kommt mit Herrdes Wasserspiels: Justin Pogge. viel Europa-Erfahrung“, sagt Richer, „er wirdsich schnell bei uns einleben und um die Position der Nummer 1 im Torkämpfen.“ Zum Jahreswechsel liest sich die Eisbären-Bilanz mit Platz vier or- IMAGO IMAGES/FORNGREN dentlich, der Sieg gegen Augsburg war der sechste in den letzten acht Spielen. Trotz Chancenplus und spielerischer Überlegenheit war es allerdings ein mühsamer Gang. Leo Pföderl und PC Labrie glichen nach Rückständen jeweils aus (15./38.). In der 43. Minute sorgte Maxim LapierreinUnterzahl für die erste Führung. Diese reichte aus, um trotz schwindender Kräfte den Sieg im letzten Spiel des Jahres zu sichern. Mit einem neuen Torwart versprechen sich die EHC-Verantwortlichen, dass sich in brenzligen Situationen die Qualität noch erhöht. Mit1609 Minuten und 34 Sekunden Einsatzzeit stand Dahm vor der Partie gegen Augsburg86,08 Prozent der gesamten Spielzeit im Tor, seine Abwehrquote lag bei 90,66 Prozent, im Schnitt kassierte er proSpiel 2,68 Gegentore. Aber er genießt nicht die Anerkennung, die ein Torhüter als Rückgrat der Mannschaft braucht. Nach dem 4:5 in Schwenningen Anfang Dezember zählte Serge Aubin seine Schlussmänner an. „Wenn wir uns auf der Torwartposition nicht steigern, wirdesschwer“, sagte er. In ebendieser Partie stand FranzrebimTor,dem es nicht gelungen ist, sich als Alternative, geschweige denn als ernsthafte Option für die Zukunft zu empfehlen. Mit inzwischen 23 Jahren ist der gebürtige Tölzer kein Eishockeyprofi mehr, dem man mehrereFehler als Teil der Ausbildung zugesteht. Mit einem Gegentorschnitt von 2,77 rangiert er statistisch in ähnlichen Gefilden wie Dahm. Dennoch kam er insgesamt nur siebenmal zum Einsatz, häufig auch erst dann, wenn Dahm nach einem schlechten Start frühzeitig aus dem Torgenommen wurde. Offiziell soll Pogge den Konkurrenzkampf entfachen. Natürlich ist mit dieser Verpflichtung die Hoffnung verbunden, einen Keeper zu haben, der aufgrund seiner Leistungen keine Diskussionen über die Hierarchie im Tor zulässt. Der mit außergewöhnlichen Paraden ein Spiel entscheiden kann, wenn die Durchschlagskraft mal fehlt.

Berliner Zeitung · N ummer 303 · 3 1. Dezember 2019/1. Januar 2020 – S eite 19 * ························································································································································································································································································· Feuilleton Nikolaus Bernau blickt auf das Bauhaus-Jahr zurück Seite 20 „Kein Niedergang mehr ohne die Klänge eines ,Titanic‘-Orchesters.“ Harry Nutt denkt über das Verschwinden und Bleiben nach. Seite 21 Altes Essen Gourmetküche aus Pompeji Arno Widmann hat nach all den Weihnachtsschleckereien Lust auf salzig. Wer sich noch schnell ein Silvester-Essen kochen möchte, dem wird, wenn er Sinn fürs Makabre hat, vielleicht die Idee des britischen Chefkochs Heston Blumenthal, geboren 1966 in London, gefallen. Der Herr ist stolzer Besitzer des Restaurants mit dem verheißungsvollen Namen „Die fette Ente“. Wikipedia schreibt über das Etablissement: „The FatDuck ist ein mit drei Michelinsternen ausgezeichnetes Restaurant im englischen Bray im Bezirk Windsor and Maidenhead. Markenzeichen des Restaurants sind Menüs aus vielen kleinen Gängen und Molekularküche.“ Vergangene Woche bot Heston Blumenthal einem auserlesenen Kreis im Ashmolean Museum in London anlässlich der noch bis zum 12. Januar zu besichtigenden Ausstellung „Last Supper in Pompeii“ ein Abendessen, das ausgeht von dem, was an Essensüberresten in Pompeii gefunden und was im „Apicius“, einem römischen Kochbuch des ersten Jahrhunderts u. Z., nachzulesen ist. Er folge der Vergangenheit, erklärte er, nicht sklavisch, sondern benutze sie als „Sprungbrett in neue Geschmackswelten“. Aufdem hufeisenförmigen Tisch lag Brot, das aussah wie die verkohlten Reste, die die Archäologen unter der Asche des Vesuvs ausgegraben hatten. Die New York Times, der ich den Bericht über diesen Event zu verdanken habe, schreibt nichts darüber, wie das Brot und wie der Rest des Menüs geschmeckt haben. Sie weist ihreLeser allerdings darauf hin, dass Blumenthal sein letztes pompeiianisches Abendmahl in seinem Londoner Restaurant „Dinner by Heston“ noch bis März auf der Speisekarte haben wird. Man kann sich also freuen auf Butter, die aussieht wie ein Lava- Brocken, die ihre Farbe der Tintenfisch-Tinte verdankt, dazu Garnelen mit einer Ponzu-Sauce. Letztere ist eine japanische Zutat, auf die die Bürger vonPompeii im Jahre79u.Z., noch hatten verzichten müssen. Danach gewürzte Muscheln auf Liebstöckel-Schaum, angereichert mit Garum, der Gewürzmischung, die in der Antike zu allem gereicht wurde. Garum war eine Fischpaste. An der Amalfiküste gibt es noch immer die„ColaturadiAlici“, die aus Sardellen gewonnen wird. Asiatische Varianten sind in den einschlägigen Shops zu erhalten. Dieantiken Gourmets sollen übrigens ähnlich sparsame Portionen zu sich genommen haben, wie sie heute in den Sterne- Lokalen angeboten werden. Brot und Butter,wie Heston Blumenthal sie Pompeji-mäßig kreiert. ASHMOLEAN MUSEUM Die Wiener Philharmoniker unter Andris Nelsons bei der Probe zum diesjährigen Neujahrskonzert VonPeter Uehling Ergehörtzum Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker seit je dazu: Der„Radetzky-Marsch“ von Johann Strauß (Vater). Traditionell steht er am Schluss, traditionell klatscht das Publikum mit, traditionell leitet der jeweils eingeladene, weltberühmte Dirigent das Klatschen an. Diesem Brauchtum sieht man als Preuße etwas befremdet zu, intellektuell eingestellte Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt oder FranzWelser-Möst mochten und mögen das Klatschen gar nicht, konnten es aber auch nicht verhindern. Das Befremden wächst noch, wenn man erfährt, dass die von den Wienern gespielte Orchesterfassung des „Radetzky-Marschs“ von einem strammen Nationalsozialisten namens Leopold Weninger stammt. Ausgerechnet seit 1946 liegt diese Fassung des 1940 gestorbenen Komponisten von Nazi-Musik auf den Notenpulten. Wiekann das sein? Die Orchester wandelten sich Musik für die Gesellschaft Und nicht für Soldaten: Der „Radetzky-Marsch“ und seine Wiener Neufassung Deckblatt der Noten zum 1848 komponierten „Radetzky-Marsch“ von Johann Strauß (Vater –hier noch mit Doppel-S) WIENER STADT- UND LANDESBIBLIOTHEK In Deutschland hätte man wahrscheinlich gleich das gesamte Neujahrskonzert abgeschafft, weil diese Silvester 1939 eingeführte Veranstaltung eine jener Gute-Laune-Aktionen war, mit denen die Nazis Stimmung für sich machten. In Österreich ist das kein Grund, eine an sich doch schöne Idee zu verdächtigen. Der„Radetzky-Marsch“ ist schon bei seiner Entstehung ein Dokument politischen Geeiers gewesen. Bevor er im August 1848 entstand, schlug sich Johann Strauß (1804–1849) durchaus auf die Seite jener Bürger, Studenten und Arbeiter, die Fürst Metternich aus dem Amt getrieben hatten; für sie schrieb er den „Österreichischen Nationalgarde-Marsch“. Als dann aber kurze Zeit später die Italiener in der Lombardei für ihre Unabhängigkeit von Österreich auf die Barrikaden gingen, fand man das nicht so lustig. Nachdem der altgediente, bereits 81-jährige Graf Radetzky von Radetz wieder für Ordnung gesorgt hatte, wurde Johann Strauß, eben noch Revolutionär, jetzt wieder kaisertreu. Er komponierte den „Radetzky-Marsch“ für eine Siegesfeier auf dem Gelände des heutigen Wiener Stadtparks. Insbesondere der Mittelteil mit seinen Jodlern tönt so alpenländisch, dass man den patriotischen, aber nicht im engeren Sinne militärischen Entstehungsanlass erkennt. Aber auch im Hauptteil mit der zackigen Melodie ging es Strauß nicht um den Aufruf zu siegesgewisser Martialität, wie man es wohl dem preußischen Militärmusiker Johann Gottfried Piefke unterstellen würde: Dessen „Preußens Gloria“ oder der „Königgrätzer Marsch“ sind Musik fürs Feld, fürs ungestüme Voran. Strauß bleibt feiner, gewitzter, eleganter,erschreibt Musikfür eine Gesellschaft, nicht für Soldaten. Strauß bediente sich bei der Instrumentierung der Hilfe vonArrangeuren, insoferngibt es ein Originalfassung, aber im Prinzip blieb das Stück offen für alle möglichen Bearbeitungen, natürlich auch für Militärkapellen aus Bläsern und Schlagzeug. Dass sich die Vorstellung davon, wie ein Marsch zu klingen hat, im Lauf des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gewandelt hat, ist nicht verwunderlich: Waresdoch die Zeit, in der sich zum einen die nationalen Stimmungen bis zum Fanatismus aufschaukelten und zum anderen die Orchester und der von ihnen erwartete Klang vergrößerten –Strauß’ eigenes Orchester umfasste gerade einmal um die 30 Musiker. Wenn die Weninger-Fassung des „Radetzky-Marschs“, die die Wiener Philharmoniker in ihren Neujahrskonzerten spielen, deutlich monumentaler tönt als das sogenannte Original, hat das also nicht nur Gründe,die etwas mit dem Nationalsozialismus zu tun haben. Weninger stützte sich auf Vorarbeiten von Kollegen, die etwa gehaltene Blechbläserakkorde einführten zur Unterstreichung der harmonischen Vorgänge. Erfügt noch fröhliche Triller der Piccoloflöte hinzu, wie sie in den Militärpraxis üblich sind, verdickt die Schlagzeugpassagen, und fertig ist ein bombastisches Gewand, das mit der luftigen, rhythmisch feingliedrigen Fassung von 1848, in der auch die Trompeten nicht nur schmettern, sondern auch kleine volksmusikalische Kontrapunkte spielen dürfen, nicht mehr gemein hat als die unverwüstliche Melodie. Dass daran etwas nicht stimmen kann, haben die Wiener Philharmoniker bemerkt, bevor ihnen die Nazi- Vergangenheit des Arrangeurs unangenehme Fragen ins Haus brachte. Ihr Notenmaterial ist überwuchert von Korrekturen, Streichungen und Veränderungen, die die schlimmsten Auswüchse etwa in Schlagzeug und Piccoloflöte beseitigen. Dasist Grund genug, jetzt endlich ein neues, ihrer langen Spielpraxis entsprechendes Material zum Druck zu befördern. Manbegreift dies als „Distanzierung“ vonWeninger,der seit 1932 Parteimitglied war,Werke wie „Jung-Deutschland –Marsch-Potpourri“ oder „Die Fahne hoch. Ein Melodram aus der Zeit der deutschen Schicksalswende“ schuf und Sammlungen namens „Sieg Heil! 43 SA-Marsch- und Kampflieder“ herausgab. Geklatscht wirdseit 1848 AP/RONALD ZAK Weningers Namen wird man auf dem neuen Material nicht finden. Und da seine Fassung nur eine, wenn auch ästhetisch bedenkliche Station in der Bearbeitungsgeschichte des „Radetzky-Marschs“ darstellt, ist das auch in Ordnung so: Es ist nun eben die Fassung der Wiener Philharmoniker. Aber unter einer„Distanzierung“ würde man vielleicht doch noch etwas anderes verstehen als eine Überarbeitung, etwa ein Bekenntnis zur Originalfassung, die Nikolaus Harnoncourt 2001 und auch noch am Anfang des Neujahrskonzerts dirigierte.Aber so viel Neuigkeiten auf einmal sind aus Wiener Sichtbedenklich für den repräsentativen Anlass.Das Orchester beruhigt: „Für die Zuhörer ändertsich nichts.“ Auch wenn das die Wiener angesichts ihrer einzigartigen Strauß- Kompetenz nicht gerne hören: Es kommt schon noch auf den Dirigenten an, ob sich für den Zuhörer etwas ändert. Andris Nelsons, der diesmal dirigieren wird, ist sicher nur bedingt ein Interpret mit Interesse an Delikatesse; es könnte unter seiner Leitung wie 2017 unter Gustavo Dudamel klingen: rechtmassiv und auftrumpfend. Wie man sich auch mit dem Wiener Arrangement in Richtung des transparenten und heiter bewegten Originals begeben kann, machte dagegen Carlos Kleiber 1992 vor; ein Dirigent, der sich verehrungswürdigerweise auch nie um das klatschende Publikum gekümmert hat. Das Klatschen zum „Radetzky- Marsch“ immerhin war, auch wenn es so klingt, keine Idee der nazistischen Volksgemeinschaft. Es ist überlieferte Tradition seit 1848. Hamburger Raubein mit Charme Der Volksschauspieler Jan Fedder ist gestorben Große Klappe, großes Herz –so haben die Zuschauer JanFedder geliebt. Als „Großstadtrevier“-Polizist Dirk Matthies sorgte er über Jahrzehnte in der ARD-Dauerserie für Recht und Ordnung auf St.Pauli. Kiez und Kodderschnauze–zu Fedder gehörtebeides.Sowohl zur Rolle seines Lebens im Fernsehen wie auch im wahren Leben. Dort amHafen, zwischen Schiffen und Seemännern, Reeperbahn und Rotlichtmilieu, war er aufgewachsen. Ein waschechter HamburgerJung, der weit über seine Heimat hinaus zum Publikumsliebling wurde.AmMontag teilte die Polizei mit, dass der „Hamburger Ehrenkommissar“ gestorben ist. JanFedder wurde 64 Jahrealt. Fedder war ein Kerl mit Kanten und auf Konventionen pfeifend, ein Raubein mit Charme. Als er 2006 nach vielen Jahren im Einsatz als TV- Polizist seinen ersten und einzigen Deutschen Fernsehpreis bekam, erhielt er den nicht etwa als Serienstar, sondern für die Hauptrolle in „Der Mann im Strom“.Einen arbeitslosen Taucher im Hamburger Hafen, der für einen Job seine Papiere fälscht, hatte er darin verkörpert. Fedders Kommentar bei der Preisverleihung : „Und die Moral von der Geschicht’: Mach einfach vier Wochen mal ein anderes Gesicht. Und dann, Alter, das ist kein Scheiß, kriegt du dafür den Deutschen Fernsehpreis.“ Erst waren es kleine TV-Rollen, bis er 1981 fürs Kino in ein U-Boot stieg und zu Maat Pilgrim wurde: in Wolfgang Petersens Kinoerfolg „Das Boot“. Viele aus jener legendären Leinwand-Crew machten danach Karriere, allen voran Jürgen Prochnow. Fedder aber blieb in der Heimat und drehte oft dort, wo „son büschen“ Hamburger Slang gefragt war. In Hunderten Film- und Fernsehproduktionen wirkte er mit. Nicht nur sein Part im„Großstadtrevier“ und als ebenfalls auf St. Pauli beheimateter „Hafenpastor“ waren Paraderollen für ihn, auch die des bräsigen Bauern Brakelmann in der NDR-Serie„Neues aus Büttenwarder“. Angesiedelt ist das fiktive Dorf Büttenwarder in Schleswig-Holstein, wo Fedder im Kreis Steinburgaucheinen Bauernhof bewohnte. Für Peter Heinrich Brix, Kollege und „Büttenwarder“-Bauernkumpel „Adsche“, war Fedder ein „Gesamtkunstwerk“. „Ich denke,man sollte ihn so nehmen wie er ist – und das ist ’ne ganze Menge“, hatte Brix über ihn gesagt. Produzent Markus Trebitsch nannte ihn mal „die größte Symbiose aus einer ziemlich großen Klappe und einem großen Herzen“. Und Drehbuchautor Norbert Eberlein betonte, Fedder habe „dieses Hauptdarsteller- Gen“.„Wenn er in einer Szene drin ist, ist es eine Fedder-Szene.“ (dpa) Jan Fedder (1955–2019) spielte im „Großstadtrevier“ den Polizisten DirkMatthies. DPA

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