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Berliner Zeitung 31.12.2019

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20 Berliner Zeitung · N ummer 303 · 3 1. Dezember 2019/1. Januar 2020 ························································································································································································································································································· Feuilleton Der Bauhäusler Arieh Sharon sowie Eldar Sharon und Harlod Rubin bauten in den 60er-Jahren die University of Ife, eine der ersten Unis in Nigeria. Ein Foto aus der Schau „Bauhaus Imaginista“. ARIEH SHARON DIGITAL ARCHIV Viele Feste für die Moderne Höhepunkte und Niederlagen im Bauhaus-Jahr Der Bauhaus-Gründer Walter Gropius –Held zweier sehr unterschiedlicher Biografien. IMAGO IMAGES Zwei in einem Bild: Eine Maskevon Oskar Schlemmer und Marcel BreuersSessel. ERICH CONSEMÜLLER, BAUHAUS-ARCHIV BERLIN Der Bauhaus-Mitbegründer Henryvan de Velde in seinem Atelier in Weimar um 1910. IMAGNO/GETTY IMAGES VonNikolaus Bernau Schon das Programmheft war ein mitteldickes Taschenbuch. Dabei entwickelten sich viele Ausstellungen, Tagungen, Lesungen, Vorträge, Debatten, Konzerte, Schul-Projekte oder Happenings erst während der Jubelfeiernfür das Bauhaus,die vor100 Jahren inWeimar begründete, 1924 nach Dessau umgezogene und 1933 in Berlin von den Nazis geschlossene Kunstschule. Aus heutiger Sicht muss sie sicher die berühmteste des 20. Jahrhunderts genannt werden, ohne „das Bauhaus“ kann eine Geschichte der Moderne nicht geschrieben werden. So manche Legende wurde abgeräumt. Etwa die, dass der Gründer des Bauhauses alleine Walter Gropius gewesen sei, wie es lange die von diesem genialen Vermarkter seiner selbst geprägte Bauhauslegende erzählte. Mindestens so wichtig war zu Beginn der Designer,Architekt und Kulturpolitiker Henry van der Velde. Erverband das frühe Bauhaus hin zu den vielen Reformbewegungen der endenden Belle Epoque, die wir heute unter Generalbegriffen wie „Arts and Crafts“ oder „Jugendstil“ kennen. Alleine schon, dass endlich diese Vielfalt der Moderne-Wurzeln deutlich wurde, war eines der besonderen Erlebnisse dieses Jahres, die Bedeutung auch des konservativen und liberalen Kulturmilieus Europas der Zeit um 1910. Sie sind das zentrale Thema der großartigen, von whitebox aus Dresden inszenierten, Ausstellung des Neuen Museums in Weimar,die in diesem Jahr eröffnet wurde.Ansehen! Da war auch das in seiner Abschlussausstellung zwar viel zu intellektualistische, aber im Ansatz großartige Projekt „Bauhaus Imaginista“, das weltweit klarmachte: Es gab nicht nur das Bauhaus in der Moderne,sondernauch viele regionale Parallelen in Südamerika, Asien und Afrika. Leider hat sich dies Projekt beschränkt auf eine postkoloniale Perspektive. Noch reizvoller –für den Ruhm des Bauhauses allerdings auch noch stärker relativierender –wäre es gewesen, auch die eigenen Modernen der USA, Westund Nordeuropas mit einzubeziehen, die bis heute im Schatten des Ruhms der deutschen, französischen, russischen und niederländischen Modernisten stehen. Dabei waren sie für die Zeitgenossen der 1910er- bis 60er-Jahre häufig wichtiger als etwa der oft so doktrinäreGropius. Es gab rätselhaft erfolgreiche Bücher wie die Gropius- Biografie von Bernd Polster (Hanser, 656 S., 32 Euro), die einfach nur ärgerlich ist, weil sie nicht einmal wahrnahm, dass etwa Architekten bis weit in die Nachkriegszeit gar kein Diplom brauchten, oder Frauen am Bauhaus eher weniger als in der restlichen Gesellschaft diskriminiert wurden. Dabei wurde das schon in den 1990ernzueinem zentralen Thema der Arbeit des Bauhaus-Archivs in Berlin – dessen Ausstellungen übrigens nun im Erfurter Angermuseum eine feine Reprise erlebten. Als Antidot zu aller intellektuellen Verflachung erschien im Herbst Winfried Nerdingers Gropius-Biografie (C.H. Beck, 423 S., 28 Euro), die tief aus der Forschung schöpft, trotzdem spannend und mit angemessener Distanz geschrieben ist, neue Perspektiven etwa auf den sozial- und kunsthistorischen Hintergrund des Bauhauses öffnet. Riesige Lücken klaffen aber weiter in der Forschung zur Moderne. Soerschien gerade in den USA eine erste Studie über Schwule und Lesben am Bauhaus –aber wie stand es zum Kolonialismus,wie zum Rassismus,zuindigenen Kulturen, zum europäischen„Volkskunst“-Erbe,dass die anderenModernen Europas so befruchtete,zum Nationalismus? Klar ist immerhin:„Das“ Bauhaus gab es gar nicht, sondern, wie Magdalena Droste in ihrem grundlegenden Buch „Bauhaus 1913–1933“ (Taschen, 256 S., 24,95 Euro) schon vor Jahren klarmachte, eine intensiv miteinander um Einfluss, Macht und ästhetische Konzepte ringende Gruppe,die sich unter dem Label Bauhaus zusammenfand. Es gibt nun auch das neue Bauhaus-Museum in Dessau, entworfen vonden spanisch-katalanischen Architekten González Hinz Zabala von Addenda Architects. Eine radikale Ausstellung, in der atemberaubende Massen von Objekten klug arrangiert sind, so dass man sich vertiefen oder auch nur lustvoll wandernkannund sinnvollerweise mit der höchst problematischen Moderne-Rezeption der DDR endet. Unbedingt ansehen! Genauso die Berliner Ausstellung „Original Bauhaus“ in der Berlinischen Galerie, die unter anderem Fragen wie die um Original- und Künstlerkult aufmacht –ohne die etwa der grassierende Bauhaus-Hype im Kunst- und Antiquitätenmarkt nicht existieren könnte. Zu den Enttäuschungen des Jahres gehört das neue Bauhaus-Museum in Weimar, das konzeptionell durch und durch konventionell ist, das die eigentlichen Schätze der Sammlung nurganz am Rand präsentiert. Diestrenge Betonkisten-Architektur Heike Hanadas kommt mit viel zu viel Kunst-Anspruch daher,der aber nicht einmal handwerklich eingelöst werden konnte. Immerhin, endlich konnten die modernistischen Traditionen Sachsens oder die des Rheinlandes aufgearbeitet werden. Demgegenüber steht allerdings die vielleicht größte Niederlage dieses Jahres: Wieder wurden die vielen regionalen ModernenDeutschlands„verbauhaust“, bis hin zu einer Postkartenserie und einem dicken Moderne-Führer, in dem selbst expressionistische Bauten in Hamburg oder die Berliner Siedlungen der Moderne des expliziten Bauhaus-Gegners Bruno Taut umstandslos dem Bauhaus- Erbe zugeordnet sind. Sogar der Berliner Senat vermarktete sieunter der Marke. Kurz: Dieses Bauhaus-Jahr sollte eigentlich Anlass sein, über ein internationales Moderne-Jahr an und für sich nachzudenken. Und darüber, dass es wesentlich die Weimarer Republik war,die diesen Motor der kulturellen, ästhetischen und auch industriellen Modernisierung betrieb: Die Kunstschule hieß nicht zufällig und auch schon damals zum Grauen aller Marktradikalen –Staatliches Bauhaus. Nikolaus Bernau wird sich im nächsten Jahr weiter mit dem Thema beschäftigen. Das neue Bauhaus-Museum in Weimar,zumindest architektonisch eine Enttäuschung. IMAGO IMAGES Alicia von Rittberg (als Lotte) und Noah Saavedra im MDR-Fernsehfilm „Lotte am Bauhaus“. MDR/UFA FICTION August Diehl (als Gropius) und Birgit Minichmayr (als Alma Mahler) in der TV-Serie „Die Neue Zeit“. ANKE NEUGEBAUER

Berliner Zeitung · N ummer 303 · 3 1. Dezember 2019/1. Januar 2020 21 · · ······················································································································································································································································································· Feuilleton Beide Augen für die Kunst Zum Toddes Schweizer Kurators Christoph Vitali VonFabian Nitschmann Der namhafte Ausstellungskurator Christoph Vitali ist mit 79 Jahren gestorben. Der Schweizer starb schon am 18. Dezember, wie die Familie am Sonntagabend mitteilte. Vitali war von 1985 bis 1993 Geschäftsführer und erster Direktor derKunsthalle SchirninFrankfurtam Main, danach leitete er zehn Jahre lang das Haus der Kunst in München. Er ging danach nach Basel zur Fondation Beyeler (2003 bis 2007). Dann war er kurz Interimsintendant der Bundeskunsthalle Bonn. Vitali galt als einer der renommiertesten Ausstellungsmacher. Allein in München verantwortete er in zehn Jahren mehr als 100 Ausstellungen. DerinZürich geborene Sohn eines Bildhauers und einer Lehrerin schlug als promovierter Jurist zuerst die Anwaltslaufbahn ein. Danach kam er als Quereinsteiger zur Kunst und leitete von 1971 bis 1978 das Kulturreferat seiner Heimatstadt. Der damalige Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD) wurde auf den jungen Schweizer aufmerksam und holte ihn nach Frankfurt, zunächst alsVerwaltungsdirektor der Städtischen Bühnen. Ab Mitte der 80er-Jahre machte sich Vitali als Leiter der neuen Schirn-Kunsthalle am Römerberg mitten in Frankfurt mit einem breit gefächerten Spektrum von Ausstellungen auch international einen Namen. So zeigte er in der Schirn 1989 mit Wassily Kandinsky die erste sowjetische Retrospektiveund trug 106 Bilder des in seiner Heimat verschmähten Künstlers für die Ausstellung zusammen. Eine weitere Schau, „Die große Utopie“, war der russischen Avantgarde gewidmet. Mit dem Frühwerk Marc Chagalls landete er einen weiteren Erfolg in der Mainmetropole. Der Ausstellungsmacher Christoph Vitali (1940–2019) DPA Anfang 1994 trat der polyglotte Kunstmanager dann sein Amt in München an. Vitali machte den heruntergekommenen, 1937 von Hitler eingeweihten klassizistischen und für 50 Millionen Mark sanierten Nazi-Bau binnen kurzerZeit zu einer der ersten Kunstadressen in Deutschland. Mit Ausstellungen wie „elan vital“, einer Zusammenschau der Klassischen Moderne, Roy Lichtenstein und der Barnes Collection lockte er Hunderttausende Besucher in das Haus am Englischen Garten. Als erster Ausstellungsmacher in Deutschland öffnete Vitali das Haus der Kunst nicht nur durchgehend von 10bis 22 Uhr, sondern auch für nächtliche Performances und Live- Musik-Sessions. Die Süddeutsche Zeitung bezeichnete ihn einmal als den „Maestro aller Kunstmanager“. 1997 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Bayerns Kunstminister Bernd Sibler (CSU) sagte: „Christoph Vitali hatte die Gabe, Menschen in der Kunst willkommen zu heißen, sie für alle erlebbar, erfahrbar zu machen.“ Seine Leidenschaft, seine Liebe zum Detail spiegelten sich in den Ausstellungen wider. Dies sei „ein großes Geschenk für die Kunst- und Kulturlandschaft“ gewesen. (dpa) Das Polaroid warimbuchstäblichen Sinn ein Vorbild, es faszinierte durch seine rasche Verfügbarkeit im Alltag wie auf Reisen. VonHarry Nutt Plötzlich weg Zum Jahresende: Über einige Aspekte des Verschwindens und Bleibens Esvollzog sich jedes Malwie ein kleines Wunder des Erscheinens. Mit einem leisen Surren warfdie handliche Apparatur ein quadratisch-blattförmiges Etwas aus,auf dem sich nur langsam die sichtbar werdenden Konturen zu einem Abbild formten. DieSofortbildkameraversprach eine neue Unmittelbarkeit und wurde schnell zu einem Medium mit Kultcharakter, das eher einer luxuriösen Ablenkung gleichkam, als dass es als Ausdruck eines bahnbrechenden Fortschritts anzusehen war. Das Polaroid war im buchstäblichen Sinn ein Vorbild, es faszinierte durch seine rasche Verfügbarkeit im Alltag wie auf Reisen und fand bald auch in der Kunst Verwendung –als Provisorium und Zwischenergebnis, das festzuhalten einen ganz besonderen Charme aufwies.Andy Warhol war davon besessen, Wim Wenders und sein Kameramann Robby Müller benutzten es zur Verfertigung ihrerkünstlerischen Ideen. Als die Herstellung von Polaroid- Kameras voreinigen Jahren vorübergehend eingestellt wurde, ließen wehmütige Nachrufe auf das Verschwinden einer Kulturtechnik nicht lange auf sich warten. Die Mechanismen sind vertraut. Kein Niedergang mehr ohne die süßlichen Klänge eines „Titanic“-Orchesters.Wenn große Marken verschwinden, mag man die Erklärungen zum zwangsläufigen Marktversagen nicht hören und hält sich lieber an das Drama vom allmählichen Verblassen einer ganzen Welt. Und selbst wenn das gute Stück, wie im Falle Polaroid, als Retro-Produkt erhalten bleibt, die Kamera von manchen Firmen sogar eine Weiterentwicklung erfuhr, fällt plötzlich doch auf, wie seltsam veraltet das langsam zum Vorschein kommende Bild in Zeiten von Snapchat und Instagram wirkt –von der in ökologischer Hinsicht zweifelhaften Materialität eines solchen Sofortbildes ganz zu schweigen. Wehmut ist denn auch nicht die einzige Regung, die das Verschwinden von einst geschätzten Kulturgegenständen und sozialen Gewohnheiten hervorruft. In der Phase des Niedergangs gibt es vielfältige Reaktionen der Abstoßung, und nicht selten sind sie begleitet von Unbehagen, Ekel und dem dringenden Bedürfnis nach Entrümpelung. Ist das emotionale Verfallsdatum erst einmal überschritten, spielt es keine Rolle mehr,obein Gebrauchsgegenstand noch intakt ist und er seine Funktion in vollem Umfang zu erfüllen vermag. Es gehört ganz unmittelbar zur Logik des Konsums, dass eben noch stark nachgefragte und als schön empfundene Produkte plötzlich vergessen oder abgelöst werden, seien es Füllfederhalter, Autos oder Schlaghosen. Mantrennt sich davon in einer auffälligen Entschlossenheit und wundertsich später nicht selten über Fotos, auf denen man sich wie selbstverständlich vonderlei Dingen umgeben sieht. Emotional motivierte Abkehr ist nicht auf die Dingwelt beschränkt. Zu den bemerkenswerten politischen Zeiterscheinungen gehört nicht allein der Niedergang der ein ganzes Jahrhundert prägenden Sozialdemokratie, sondern auch die affektiveWut, die ihn begleitet. Was wohlfahrtsstaatliche Politik im Verständnis der SPD einmal war und darstellte, wird nicht einfach durch Neues oder Besseres ersetzt. Vielmehr wird das vermeintlich Überlebte mutwillig verabschiedet und scheinbar ungerührt genießt das versammelte Publikum den politischen Schiffbruch als unvermeidbares Schicksal einer gesellschaftlichen Institution. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat in einem anderen Zusammenhang die Metapher vonder Furiedes Verschwindens geprägt. In seiner „Phänomenologie des Geistes“ gebrauchte er das schöne Bild im Kontext seiner Kritik an der Schreckensherrschaft während der Französischen Revolution. „Kein positives Werk noch Tat“, heißt es bei Hegel, „kann also die allgemeine Freiheit hervorbringen; es bleibt ihr nur das negativeTun; sie ist nur die Furie des Verschwindens.“ Hegel spielte damit auf eine zerstörerische Dialektik an, in der das Neue In einer aufs Verschwinden ausgerichteten Kultur jedenfalls wird allzu leicht übersehen, was bleibt. Dabei hat gerade der digitale Kapitalismus erstaunliche Kapazitäten der Aufbewahrung geschaffen. stets viel Bewährtes mitreißt und vernichtet. Die Errungenschaften und Bindungen, die das politische Gefüge zusammengehalten haben mögen, erweisen sich als nicht mehr starkgenug. Was Hegel als fatale Zwangsläufigkeit beschrieb,hat in den sozialen Beziehungen Ausdrucksformen demonstrativer Bindungslosigkeit angenommen. Ghosting nennt man seit einiger Zeit jenes immer häufiger vorkommende Phänomen, dass Menschen eben noch intakte Beziehungen ohne ein Wort der Erklärung lösen oder abreißen lassen. Der andere, dessen Nähe man gestern geteilt hatte,ist plötzlich weg, ohne Abschied und ohne Adresse. Die israelische Soziologin Eva Illouz hat in ihren Arbeiten wiederholt gezeigt, wie Gefühle im Kapitalismus zu Äquivalenten der Verwertbarkeit werden. Empathie und Zuneigung werden zur Ware, die man auch wieder entziehen und weitergeben oder einfach nur loswerden möchte.Falls doch noch erklärende GETTY/MOMENT RF Botschaften vonnöten sind, sendet man diese per SMS. Schlechte Aussichten also in Zeiten eines mit digitaler Effizienz beschleunigten Warentauschs? Hans Magnus Enzensberger hat die Furie des Verschwindens 1980 als Titel eines Gedichtbandes aufgegriffen und zugleich als signifikante Beschreibung eines postmodernen Lebensgefühls wiederbelebt, das in vielfacher Hinsicht von Prozessen gesteigerter Geschwindigkeit durchdrungen war. Enzensbergers Pointe bestand jedoch darin, dass in der beschleunigten Lebenswelt, in der vieles der Raserei anheimzufallen droht, die Furie selbst Ruhe und Beharrlichkeit austrahlt. Wasalso wäre der Erkenntnis zu entnehmen, dass im Innern des Orkans kein Lüftchen weht? In einer aufs Verschwinden ausgerichteten Kultur jedenfalls wird allzu leicht übersehen, was bleibt. Dabei hat gerade der digitale Kapitalismus erstaunliche Kapazitäten der Aufbewahrung geschaffen. Durch die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten zur Speicherung vonDaten konnten Archive und Wissensvorräte erschlossen werden, die bislang – warum auch immer – versperrt, sorgfältig gehütet und kaum zugänglich waren. Nicht immer geht es dabei um kriminelle Energien, die aufgebracht werden, um die großen Finanzströme zu kanalisieren oder umzuleiten. Oft sind es kaum vernommene Dinge wie die Aufbereitung vonFontanes Notizbüchern oder den vom einstigen Rockstar Roger McGuinn betriebenen Folk Den, in dem der Gründer der legendären Byrds in schöner Regelmäßigkeit traditionelles Liedgut sichtet, spielt und für die Ewigkeit sichert. Wenn also in den nun beginnenden 20er-Jahren ein allgegenwärtiges Verschwinden herbeigeredet oder beklagt wird, sollte das gesellschaftliche Bedürfnis, Reservoire anzulegen weder vernachlässigt noch unterschätzt werden. Harry Nutt blickt mit ein bisschen Wehmut zurück. NEUJAHRSKRIMI Aus dem Bauch VonFrank Junghänel Esmuss ja überall gespartwerden, und da macht der „Tatort“ zum Jahresbeginn schon mal den Anfang. Zwei Tage in einem billigen Hotel, zack, fertig. Aufein Drehbuch wurde verzichtet, der Regisseur Jan Georg Schütte spielte gleich selber mit und so waren die Honorare für die Kommissare wohl der einzige nennenswerte Kostenfaktor. Denn Kommissare gibt es in diesem Fall mehr als genug. Neben Peter Faber (Jörg Hartmann) und Martina Böhnisch (Anna Schudt) aus Dortmund macht zunächst revierübergreifend Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) aus Münster mit. Zu den Etablierten stoßen Marcus Rettenbach (Ben Becker) aus Oberhausen, Franz Mitschkowski (Nicholas Ofczarek) aus Aachen, Sascha Ziesing (Friedrich Mücke) aus Paderborn und Nadine Möller (Elena Uhlig) aus Düsseldorf. Nicht nur an den Orten merkt man, dass das eine NRW-Geschichte ist. Auch an ArminLaschet, der sich als Ministerpräsident selber spielt, hoffentlich ohne Gage.Runde acht Millionen Zuschauer kriegt er nicht so schnell noch mal. Und was soll das alles? Das darf hier leider nicht besprochen werden, denn mit der Vorbesichtigung des Films war die Unterzeichnung einer Verschwiegenheitsklausel verbunden. Kein Wort über den Täter! Als hätten wir jemals den Täter verraten. Beidiesem Werk mit einem mal wieder experimentellen Ansatz darfnun aber nicht mal das Opfer genannt werden. Dasallerdings ist neu. Spielleiter Schütte, erfahren mit Improvisationsstücken wie „Wellness für Paare“ und„Klassentreffen“, versucht seine Methode des papierfreien Dramatisierens auf den „Tatort“ zu übertragen, was nur bedingt gelingt. Die Lösung eines Kriminalfalls, und viel mehr noch die Konstruktion eines solchen, erfordert nun mal ein Mindestmaß an Logik. Da reicht es nicht, sich wie bei dem Partyspiel„Wer bin ich?“ einen Zettel auf die Stirn zu kleben. Aus dem Bauch heraus funktionieren nur ein paar Binnenpointen, die von den Mediatoren-Brüdern Scholz & Scholz (Bjarne Mädel und Charly Hübner) angeboten werden. Tatort–Das Team Mi,20.15 Uhr, ARD Sieben Kommissare und zwei Mediatoren lösen improvisatorisch einen Fall. WDR TOP 10 Sonntag,29. Dezember 1 Polizeiruf 110 ARD 6,9 21 % 2 Vierschanzentour. ARD 6,2 23 % 3 Tagesschau ARD 6,2 20 % 4 Meine Cousine … ZDF 4,2 13 % 5 heute journal ZDF 4,1 14 % 6 Terra X ZDF 3,9 13 % 7 Tagesschau ARD 3,8 18 % 8 RTL aktuell RTL 3,5 13 % 9 Sportschau ARD 3,4 16 % 10 Kommissar Wisting ARD 3,2 12 % ZUSCHAUER IN MIO/MARKTANTEIL IN %

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