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Berliner Zeitung 31.12.2019

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8 Berliner Zeitung · N ummer 303 · 3 1. Dezember 2019/1. Januar 2020 ························································································································································································································································································· Meinung Tempelhofer Feld ZITAT Ein Vorschlag zur richtigen Zeit Elmar Schütze erkennt in der FDP-Kampagne strategisches Geschick. Diese Nachricht passt perfekt in das Jahr 2019 –ein Jahr,das in Berlin von heftigen Debatten um die richtige Wohnungspolitik geprägt war: Die FDP lanciert zum Jahresende einen neuen Volksentscheid, der die Bebauung des Randes des Tempelhofer Feldes doch noch ermöglichen soll. Die Abstimmung soll am Wahltag im September 2021 stattfinden. DerVorschlag ist aus mehreren Gründen geschickt. So hat sich die Stimmung in der Stadt seit der Abstimmung für die Freihaltung des gesamten Feldes vor fünf Jahren gedreht. Damals hatten allenfalls Wahrsager Visionen einer wachsenden Stadt. Es schien einfach keine Notwendigkeit zur Bebauung des ehemaligen Flughafens zu bestehen. Stattdessen ließ sich prima mit dem Zugewinn an Erholungsqualität argumentieren, mit der Schaffung eines Alleinstellungsmerkmals,nach dem Motto: Wir können es uns leisten, eine 300 Hektar große Fläche mitten in der Stadt frei zu lassen. Das ist vorbei. In Zeiten, in denen vielerorts in der Stadt über Nachverdichtung erbittert gestritten wird, kann das Tempelhofer Feld nicht per se unberührtbleiben. So haben selbstverständlich jene Bezirksbürgermeister recht, die sagen, dass sie nicht einmal im Traum darüber nachdächten, auch nur eine einzige Grünanlage bei sich im Kiez für Wohnungsbau zu opfern, solange das Tempelhofer Feld bleibe,wie es ist. Und der FDP-Vorschlag ist geschickt, weil er nicht nach Oppositionsart auf die SPD eindrischt, sondern der Regierungspartei die Chance gibt, sich zur Randbebauung zu bekennen. Im Bündnis mit Roten und Grünen führtfür die Sozialdemokraten kein Weg nach Tempelhof. Doch nach der Wahl ist das Feld weit. Parteienfinanzierung Transparenz schafft Vertrauen Rasmus Buchsteiner sieht in dem Rückgang von Großspenden etwas Gutes. Wenn Konzerne Spenden an politische Parteien stoppen, dann sei das vielleicht populär, letztendlich aber „verantwortungslos“. Es gefährde die Demokratie und sei „dumm“. Als Daimler im Aprilbekannt gab,erst einmal auf Geldzuwendungen an die Parteien verzichten zu wollen, holte Wirtschaftsstaatssekretär Thomas Bareiß zum verbalen Rundumschlag aus. Doch der CDU-Politiker irrt. Die Demokratie ist keinesfalls gefährdet, wenn der Stuttgarter Autobauer sich dagegen entscheidet, CDU und SPD jeweils 100 000 Euro zu überweisen. DieParteien wirken an der politischen Willensbildung mit. So heißt es in es unseremGrundgesetz. Auch bei zurückgehendem Aufkommen aus Großspenden ist die Erfüllung ihres in der Verfassung verankerten Auftrags nicht in Gefahr.Sie mögen in den letzten Jahren Budget-Einschnitte zu verkraften gehabt haben. Aber sie stehen keinesfalls kurzvor der Pleite. Großspenden sind nicht die einzige Säule, auf der die Finanzierung der Parteien ruht. Staatliche Zuschüsse und Mitgliedsbeiträge sind viel wichtiger.Weniger Großspenden von Unternehmensseite können sogar dazu führen, dass die Glaubwürdigkeit der politischen Akteure gestärkt wird. Je weniger Geld an Parteien fließt, desto geringer der argumentative Nährboden für Verschwörungstheoretiker, die wittern, dass politische Entscheidungen käuflich sein könnten. Transparenz schafft Vertrauen. Und noch mehr Transparenz könnte noch mehr Vertrauen schaffen. Deshalb wäre jede Reform, die diesem Zweck dient, ein wichtiger Schritt. Mansollte zum Beispiel das sogenannte Sponsoring von Partei- Events genauer unter die Lupe nehmen. Früher warmehr Service Dies ist ein ganz besonderes Silvester. Am Mittwoch wird der Kalender nicht nur ein neues Jahr anzeigen –ein neues Jahrzehnt beginnt. Es sind die 20er-Jahre des 21. Jahrhunderts, die an diesem 1. Januar –zumindest dem allgemeinen Sprachgebrauch zufolge –ihren Anfang nehmen. Historisch betrachtet beginnt die Dekade zwar erst mit einer Eins an der Einserstelle, also mit dem Jahr 2021. Gefühlt aber brechen wir schon jetzt auf in eine neue Zeit. Undzwangsläufig werfen wir einen so bangen wie faszinierten Blick zurück auf die 20er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Dank Serien wie „Peaky Blinders“ und „Babylon Berlin“ haben wir die passenden Bilder dazu im Kopf. Feine Damen in flirrenden Gewändern tanzten damals im Berliner Vergnügungstempel Moka Efti neben Champagnerpyramiden, während Hunger und Armut die Menschen draußen vor der Tür zu verzweifelten Taten trieben. Konjunktur und Kunst schwangen sich in den Goldenen Zwanzigern zuneuen Höhen auf. Gleichzeitig waren Seelen und Körper der Deutschen vonden Schrecken des Krieges und dem Untergang des Kaiserreiches traumatisiert. Not und Ekstase lagen ganz nah beieinander.Die Menschen waren wie getrieben –auch weil die Welt für so viele kaum noch zu verstehen war. 100 Jahre später scheint die Lage ähnlich trüb: Demokraten warnen vor dem Zerfall der Gesellschaft. Rechtspopulisten versuchen, die Deutungshoheit zu übernehmen. DerAmazonas brennt. Tausende Kinder friereninFlüchtlingslagernauf Lesbos.Die großen Volksparteien, vorallem die SPD,kämpfen gegen den Bedeutungsverlust, während ein Teil der Gesellschaft seinem Frust in Im Gegensatz zu anderen Metropolen musste Berlin nach 1990 erhebliche Probleme infolge der Teilung überwinden. Aber das ist keine Rechtfertigung für jene verstörenden Tatsachen, die das ziemlich SPDfreundliche Institut fürWirtschaftsforschung (DIW) jüngst in seinem Gutachten „Berlin auf dem Wegins Jahr 2030“ herausgearbeitet hat. Darin wird Berlin mit 15 europäischen Hauptstädten verglichen. Die Ergebnisse sind eine Schande –für die Bürger und Bürgerinnen der Stadt, für die Abgeordneten und insbesonderefür den rot-rot-grünen Senat. Wenig überraschend erreichte Berlin in puncto Verwaltungseffizienz den vorletzten Platz (knapp vor Rom), während die gewiss nicht leicht regierbaren Metropolen London und Brüssel die Plätzezweiund drei belegen. Besonders erschreckt jedoch dieses Faktum: Die Mordrate pro 100 000 Einwohner war in Berlin 2016 viermal höher als in London. Berlin besetzt den letzten Platz –Paris den vorletzten, allerdings mit riesigem Abstand, denn selbst dortgeschahen 40 Prozent weniger Morde als in Berlin. Verändert hat sich 2017 und 2018 nichts Wesentliches. Wer macht sich darüber öffentlich Gedanken? Der Innensenator? Der Regierende Bürgermeister? Das Abgeordnetenhaus? Soll das Thema der AfD überlassen werden? Wassagt unser selbstverliebter Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) dazu? Am Kriterium Luftverschmutzung gemessen hält das angeblich grün-ökologisch- Jahreswechsel Die neuen 20er-Jahre DanySchrader hofft, dass das neue Jahrzehnt viele aus ihrer Komfortzone holt –damit aus Problemen Chancen werden. schneller, wütender Empörung Luft macht. Zum Ende des Jahres schwoll die Aufgeregtheit noch einmal an –über ein satirisches Kinderlied, in dem Omas als Umweltsäue betitelt wurden. Der Fall ist symptomatisch für den überreizten Zustand unserer Gesellschaft. Wir streiten über Banalitäten, vielleicht auch, weil diese greifbarer erscheinen als das große, globalisierte Ganze. Nicht mehr mitkommen –dieses Gefühl ist auch ein Symptom der neuen Zwanziger. Digitalisierung und Globalisierung sind Schlagworte,die Angst machen können. Wer will sich schon an den Gedanken gewöhnen müssen, voneinem Roboter gepflegt zu werden, wenn er alt und gebrechlich ist? Undwie soll man verstehen, dass eine in Äthiopien KOLUMNE Berlin, verschlampt und mörderisch Götz Aly Historiker nachhaltig regierte Berlin den zwölften Rang von 16Hauptstädten. Es liegt hinter Paris, Brüssel und Prag. Passend zum Erscheinungsbild der Verwaltung besetzt die deutsche Hauptstadt hinsichtlich der Arbeitsproduktivität die drittletzte Position: nach Athen, jedoch vor Lissabon und Budapest. Dem entspricht das magere Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, das in Warschau um satte 25 Prozent höher liegt als in Berlin. BERLINER ZEITUNG/HEIKO SAKURAI gewachsene Zwiebel billiger ist als die Ernte aus der Region? Angesichts des Klimawandels hat die Wissenschaft in 2019 ein Zukunftsszenario ausgerufen, das geradezu dystopisch anmutet. Am Montag meldete der Deutsche Wetterdienst, dass 2019 eines der wärmsten Jahreseit Beginn derWetteraufzeichnungen war. Und doch machen wir weiter: Die Zahl der Flüge steigt, die der SUV und Familienkleinbusse, des Fleischkonsums und des Plastikmülls. Wir leben, als gäbe es kein Morgen. Tanzen wir auf dem Vulkan? Wiederholt sich die Geschichte? Sicher nicht. Der Blick auf das,was da kommen mag, ist sorgenvoll. Doch Historiker warnen zu Recht vor dem direkten Vergleich. Und: Die Konfliktforschung sieht es als ersten Erfolg, wenn die Probleme erkannt sind. DasJahr 2019 kann beispielhaft für dieses Denken sein: Klimawandel, Rechtsextremismus, schwindende Meinungsfreiheit – viele Probleme sind immerhin beim Namen genannt. Die Herausforderung wird nun sein, die Diskurse ehrlich und vor allem zu Erfolgen zu führen. Es wird keinen Klimaschutz zu Lasten der Demokratie geben können. Gleichzeitig wird sich jeder Einzelne wieder mehr für die Gesellschaft engagieren müssen. DieZeiten sind vorbei, in denen wir „die da oben“ machen lassen konnten –um dann über sie zu schimpfen. Die 20er-Jahre des 21. Jahrhunderts werden viele aus ihrer persönlichen Komfortzone herausholen. Vielleicht aber ist es gar nicht schwer, weniger Fleisch zu essen oder vomAuto auf die Bahn umzusteigen oder respektvoller mit Andersdenkenden zu diskutieren. In jeder Veränderung liegt eine Chance,injedem Anfang etwas Gutes. Betrachtet man das im Auftrag dieser Zeitung regelmäßig erfragte Ansehen der Senatsmitglieder, dann irritiert esdoch, dass ausgerechnet diejenigen Senatorinnen, die zentrale städtische Probleme zu bearbeiten und zu mäßigen hätten, nämlich die Senatorinnen Katrin Lompscher (Bauwesen, Linke), Regine Günther (Verkehr, Grüne) und Sandra Scheeres (Schulen, SPD) die schwächsten sind und regelmäßig im Keller der Unbeliebtesten landen. Freilich mangelt es solchen Bewertungen an Objektivität, vor allem wenn man bedenkt, dass Kultursenator Klaus Lederer stets auf der Beliebtheitsspitze thront, jedoch die geringste Verantwortung trägt, viel –zumeist wenig vorbereitet –redet, eine sympathische Tonlage pflegt und vielen vielerlei verspricht. Vermutlich spiegelt sich in der Top-Platzierung Lederers Ratlosigkeit. Zum einen gibt der rot-rot-grüne Senat ein miserables Bild ab; zum andern wirken die Oppositionsparteien CDU und FDP wenig überzeugend –zumal nachdem Monika Grütters als liberale CDU-Hoffnung offenkundig versagt hat, weil sie die Probleme des kommunalen Alltags mit vollendeter Wurstigkeit ignorierte. Infolgedessen wissen Hunderttausende Berliner nicht, wen sie das nächste Mal wählen sollen. Denn das auf Ausgleich, Modernisierung, Liberalität und feste, für alle geltenden Regeln bedachte Bürgertum findet in den real existierenden Parteien seiner Stadt keine verlässlichen Repräsentanten. „Wer über den Flughafen Tegel nach Berlin kommt, fliegt über Rübenfelder. Warum entsteht dort kein neues Viertel? Es fehlt nicht an Flächen, sondern am politischen Willen.“ Moritz Schularick, Wirtschaftsprofessor, fordert im Spiegel mehr Wohnungsbau, nicht nur in Berlin. AUSLESE Deutsche Omas und die Meinungsfreiheit Ein Kinderchor des WDR singt auf die Melodie von „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ die Zeile „Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau“. Was dann folgte,ist Gegenstand vieler Kommentare, im Netz und in den Zeitungen. „Konservativ bis Rechtsaußen hat die Vorlage dankend aufgenommen und einen Shitstorm entfacht. Der WDR entschuldigte sich daraufhin öffentlich, kritisierte einen der verantwortlichen Mitarbeiter und löschte das Video“, schreibt die Zeitung Neues Deutschland. „Er versagte damit vollkommen. Dass die Satire weder besonders klug noch witzig war,geschenkt [...] Dennoch hätte der WDR gegen den rechten Frontalangriff im Fahrwasser der Lügenpresse-Hetze Rückgrat beweisen müssen.“ Auch die Nürnberger Nachrichten kritisieren den Sender.„Erst löscht der Sender das Video in vorauseilendem Gehorsam, dann leistet sogar Intendant Buhrowvom Krankenhausbett Abbitte.Ja, man darf das Lied unmöglich finden. In einem Land mit Meinungsfreiheit sollte man es aber aushalten können.“ „Die Aufregung über Oma, die vermeintliche Umweltsau, wärenicht halb so groß, steckte in ihr nicht ein realesThema“, meint die Süddeutsche Zeitung.„Der Graben verläuft zwischen Babyboomer-Eltern und ‚Fridays for Future‘-Kindern [...] Er geht um Lebensleistungen unddarum [...] wasgutes undrichtiges Leben ausmacht – und oft auch nur um die Deutungshoheit am Küchentisch.“ Christine Dankbar PFLICHTBLATTDER BÖRSE BERLIN Herausgeber: Dr.Michael Maier. Chefredakteur: Jochen Arntz (ViSdP). Mitglieder der Chefredaktion: Elmar Jehn, Margit J. Mayer. Newsdesk-Chefs (Nachrichten/Politik/Wirtschaft): Tobias Miller,Michael Heun. Textchefin: Bettina Cosack. Newsroom-Manager: Jan Schmidt. Teams: Investigativ: Kai Schlieter. Kultur: Harry Nutt. Regio: Arno Schupp, Karim Mahmoud. Service: Klaus Kronsbein. Sport: Markus Lotter. Story: Christian Seidl. Meinungsseite: Christine Dankbar. Seite 3/Report:Bettina Cosack. Die für das jeweiligeRessortanerster Stelle Genannten sind verantwortliche Redakteure im Sinne des Berliner Pressegesetzes. Reporterin: Sabine Rennefanz. ArtDirektion: Annette Tiedge. Newsleader Regio: Stefan Henseke, Susanne Rost, Marcus Weingärtner. Newsleader Sport: Matthias Fritzsche, Christian Schwager. Hauptstadtredaktion: Gordon Repinski (Ltg.), StevenGeyer (Stv.). RND Berlin GmbH, GF: UweDulias, Marco Fenske. Autoren: Joachim Frank, Holger Schmale, Dieter Schröder,ArnoWidmann. Istanbul: Frank Nordhausen, Moskau: Stefan Scholl, Rom: Regina Kerner, TelAviv: Anja Reich, Washington: KarlDoemens. Redaktion: Berliner Newsroom GmbH, Berlin24 Digital GmbH, Geschäftsführung: Aljoscha Brell, Alte Jakobstraße 105, 10969 Berlin Lesertelefon: 030-63 33 11-457, E-Mail: leser-blz@berlinerverlag.com Berliner Verlag GmbH, Geschäftsführer:Holger Friedrich, Dr.Michael Maier. Postadresse 11509 Berlin. Besucher:Alte Jakobstraße 105, Telefon: (030) 23 27-9; Fax: (030) 23 27-55 33; Anzeigen: BVZ Berliner Medien GmbH, Dr.Michael Maier. Postfach 11 05 06, 10835 Berlin; Anzeigenannahme: (030) 23 27-50; Fax(030) 23 27-66 97 Es gilt Anzeigenpreisliste Nr.30, gültig seit 1.1.2019. Druck: BVZ Berliner Zeitungsdruck GmbH, Geschäftsführer Steffen Helmschrott Am Wasserwerk 11, 10365 Berlin, Internet: www.berliner-zeitungsdruck.de Die Berliner Zeitung erscheint sechs Mal in der Woche. Bezugspreis monatlich 45,90 €einschl. 7% Mehrwertsteuer,außerhalb vonBerlin und Brandenburg 49,50 €; AboPlus, inklusiveStadtmagazin tip 54,19 €(nur in Berlin und Brandenburg). Bezugspreis des Studentenabonnements monatlich 27,60 €, außerhalb vonBerlin und Brandenburg 28,50 €. Das E-Paper kostet monatlich 29,99 €einschl. 7% Mehrwertsteuer.Der Preis für Studenten beträgt monatlich 18,99 €.Im Falle höherer Gewalt und bei Arbeitskampf (Streik/Aussperrung) besteht kein Belieferungs- und Entschädigungsanspruch. Erfüllung und Gerichtsstand Berlin-Mitte. Für unverlangt eingesandte Manuskripte oder Fotomaterial wird keine Haftung übernommen. Die Auflageder Berliner Zeitung wird vonder unabhängigen Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung vonWerbeträgerngeprüft. Die Berliner Zeitung ist die reichweitenstärkste Abonnementzeitung Berlins und erreicht laut Mediaanalyse 2019 in Berlin und Brandenburg täglich 267 000 Leser.

Berliner Zeitung · N ummer 303 · 3 1. Dezember 2019/1. Januar 2020 – S eite 9 * ························································································································································································································································································· Berlin VonwegenParty! Viele Berliner müssen zu Silvester arbeiten Seite 13 Wieeswar: Wasdie Hauptstadt 2019 bewegte Seite 10 Wieeswerden könnte: Neue Ideen für das Tempelhofer Feld Seite 12 Stadtbild Hamstern vor dem Feiertag Torsten Landsberg kauft heute nicht mehr ein. Na, haben Sie inweiser Voraussicht schon alle Besorgungen erledigt? Damit zählten Sie wohl zu einer Minderheit. Als Teil der Mehrheit dagegen müssten Sie sich jetzt sputen, denn es wird knapp, während Siediese Zeilen lesen. Es spricht nichts dagegen, eine Kolumne auch mal für Servicezwecke zu nutzen. Konkret geht es um zwei Sachen: Erstens, die Öffnungszeiten der Supermärkte sind heute verkürzt. Zweitens ist morgen –halten Siesich fest! –ein Feiertag.Wasbedeutet, dass wir morgen nicht einkaufen gehen können. Nicht mal in den Spätis. Geschlossene Spätis! So weit ist es schon gekommen! Nicht einkaufen zu können –das sind wir angesichts von Ladenöffnungszeiten bis Mitternacht und erst recht von amgleichen Tageintreffenden Online-Bestellungen kaum mehr gewohnt. Entsprechend sieht es vor Feiertagen in den hiesigen Supermärkten aus, woein darwinistischer Kampf ums Überleben ausbricht. Klingt übertrieben? Dann waren Sie vor Weihnachten offenbar schon raus aus der Stadt. Schon am Tagvor Heiligabend reihten sich in einem Markt hier um die Ecke die Kassenschlangen durch den halben Laden. Es könnte durchaus mal untersucht werden, warum zwar vor Feiertagen, nicht aber vorSonntagen solch ein Ansturmstattfindet. Okay, für die Festlichkeit hat sich vielleicht Besuch angekündigt, wir möchten frische Sachen zubereiten und der Piment steht zwar im Rezept, aber nicht mehr im Küchenregal. Es ist auch ärgerlich, am Feiertag festzustellen, dass kein Kaffee mehr im Haus ist. Da gilt es vorzubeugen. Aber lugen Sienachher,während Sie sich in der Schlange schwören, nächstes Jahr früher mit allem fertig zu sein, ruhig mal in die Einkaufswagen Ihrer Mitmenschen. Dort liegen aus unerfindlichen Gründen plötzlich drei Packungen Kaffee. Es sind Bilder, die wir aus Katastrophenfilmen kennen oder aus Dokus über sogenannte Prepper: Apokalyptiker, die jederzeit für den Ernstfall vorsorgen. Der Hamsterkauf vor einem Feiertag eignet sich hervorragend als Beispiel der German Angst. Undwer weiß, immerhin beginnt auch ein neues Jahrzehnt. Wasist, wenn Y2K, der zur Jahrtausendwende befürchtete, massenhafte Absturz von Computersystemen, einfach zwanzig Jahre später eintritt? Dann schadet es nicht, ein paar Konserven imSchrank zu haben. Sicher ist sicher. In diesem Sinne: Guten Rutsch! Ohne ihn geht es nicht. Und schon gar nicht am Morgen! IMAGO Zwischen den Jahren wird die Lufthansa-Billigtochter Germanwings bestreikt, in Tegel fallen deswegen mehr als 30 Flüge aus. Am Boden geblieben Dererste von drei Streiktagen bei Germanwings in Tegel könnte der Auftakt zu weiteren Protesten gewesen sein VonAnnika Leister Mallorca erst mit drei Stunden Verspätung? Marina Spranger und ihre 15-köpfige Reisegruppe kann das nicht aus der Ruhe bringen. Die Freunde sind mit zwei Bussen aus der Nähe von Chemnitz angereist, wollen eigentlich wie jedes Jahr zu Silvester in die Wärme. Jetzt aber sitzen sie in Jogginghosen am Flughafen Tegel, vor ihnen auf den Koffern: eine Packung klare Kurze. Sicher, essei ärgerlich, einen halben Urlaubstag zu verlieren, sagt Spranger. „Aber wir sind ganz entspannt.“ Kommt die Einstimmung auf den Ballermann eben schon in Tegel, was soll’s. Verlängerung des Streiks möglich Der Streik wird bis Mittwoch, 1. Januar,24Uhr,dauern. Er betrifft nur Germanwings, insgesamt fallen rund 180 Flügeaus. Eine Fortsetzung des Streiks ist nicht ausgeschlossen –die Gewerkschaft Ufo macht das vonder Reaktion der Lufthansa abhängig. STREIK MIT LANGER VORGESCHICHTE Drei Tage lang –von Montag bis Mittwoch um Mitternacht –bestreikt die Gewerkschaft Ufodie Lufthansa-Billigtochter Germanwings. Europäische Verbindungen – wie die von Marina Spranger –fängt das Unternehmen durch den Einsatz anderer Billiglinien aus dem Ausland auf, die unter der Dachmarke Eurowings fliegen. Rund 180 innerdeutsche Flüge fallen in den Tagen zwischen den Jahren aber ganz aus.Die betroffenen Flüge wurden in den Tagen zuvor gestrichen, die Kunden informiert, die allermeisten Passagiere sind deswegen gar nicht erst gekommen. Besonders betroffen von dem Streik ist die Heimatzentrale vonEurowings, der Flughafen Köln/Bonn. Doch auch inTegel bleiben 36 Flieger am Boden. Eurowings bemüht sich am Montag, die Ausmaßedes Streiks kleinzurechnen. 1200 Flüge habe Eurowings im Angebot, davon würden über 1000 auch stattfinden – und damit würden 85 Prozent des Flugangebots wahrgenommen, teilt ein Sprecher mit. Auf der Seite der Streikenden lacht man über diese Einschätzung. 1200 Verbindungen böte Eurowings zwar insgesamt mit allen europäischen Fluglinien der Dachmarkean, alle deutschen Germanwings-Flüge aber hätten –wie von der Gewerkschaft beabsichtigt –gestrichen werden müssen: „Wir haben einen Wirkungsgrad von fast 100 Prozent“, sagt Daniel Flohr, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Unabhängige Flugbegleiter Organisation (Ufo). Undder dreitägige Streik zur Feiertagszeit könnte noch lange nicht das Ende des Arbeitskampfs sein. Denn die Fronten zwischen Gewerkschaft und Lufthansa sind laut Ufo „maximal verhärtet“, die Aussicht auf ein Einlenken desVerhandlungspartners gering. Eine Ausweitung auf andere Streiktage und weitere Fluggesellschaften sei denkbar, soFlohr, wenn Lufthansa am Verhandlungstisch nicht bald Entgegenkommen zeige. Im aktuellen Streit geht es der Gewerkschaft vor allem um zwei Themen. Erstens: Teilzeitregelungen für die Beschäftigten. Billigflieger wie Bereits seit vier Jahren verhandelt die Gewerkschaft nach eigener Aussagemit der Lufthansa um dieTeilzeitregelungen. Bereits im November hatte es einen Streik und Warnstreiks gegeben. Dabei wurden rund 1500 Flügegestrichen, 200 000 Passagiere waren betroffen. 800 Flugbegleiter sind bei Germanwings deutschlandweit insgesamt angestellt. Wieviele in Teilzeit arbeiten, erfasst Germanwings nach eigener Aussagenicht. Im Gegensatz zu Langstrecken- Flügen böte sich die Billiglinie aber gut für Teilzeit an, räumt ein Sprecher ein. Leere Schalter statt des üblichen Andrangs bei Eurowings an Terminal D VOLKMAR OTTO Germanwings fliegen kurze Strecken, die innerhalb eines Tages leicht zu absolvieren sind. Sie sind deswegen besonders attraktiv für Frauen und Männer, die Teilzeit arbeiten wollen oder müssen. Die Ufo fordert einen eigenen Tarifvertrag Teilzeit für Germanwings. Das Unternehmen hat bisher das Übertragen des Tarifvertrags Teilzeit der Lufthansa auf die Belegschaft der Billigtochter angeboten und ihn als den „besten Vertraginder Industrie“ gelobt. Auch darüber kann Daniel Flohr nur lachen. „Das ist Quatsch“, sagt er. „Ich kann keinen Maserati gebrauchen, wenn ich einen Lkw bräuchte.“ Die Arbeitsbedingungen bei Lufthansa und Germanwings seien grundverschieden, Germanwings fliege lediglich Kurzstrecke IMAGO IMAGES und stelle deswegen gänzlich andere Ansprüche an die Verfügbarkeit des Personals. Seit vier Jahren diskutiere man jetzt schon mit der Lufthansa darum, mit dem Streik zur Feiertagszeit wolle man noch einmal, wieder einmal, „den Druckerhöhen“. Daszweite Thema wirdaktuell offiziell nicht bestreikt, spielt beim Unmut der Beschäftigten, der sich gerade entlädt, laut Flohr aber eine noch größere Rolle: „Die Menschen sind maximal verunsichert.“ Germanwings sei in den vergangenen Jahren mehrfach komplett und spontan umgebaut, die Strukturen verändertworden. DieMitarbeiter würden dabei nicht einbezogen. DasTopmanagement versage in der Kommunikation. Mal habe es gehießen, dem Germanwings stehe eine blühende Zukunft bevor, dann wieder habe es Gerüchte um das Ende der Airline gegeben. „Es reicht nicht zu sagen: Wir erhalten einen Arbeitsplatz. Es geht darum zu klären: Welchen Arbeitsplatz denn eigentlich? Zu welchen Bedingungen?“, so Flohr. Am 16. Januar neue Gespräche Für Flohr ist deswegen das Wichtigste für ein Vorankommen der Verhandlungen nicht ein konkreter Punkt, sondern dass das Unternehmen überhaupt unter Beweis stelle, dass man „auf Augenhöhe mit den Leuten umgehen will“. Eurowings hat auf die Forderung derGewerkschaftbereits mit Unverständnis reagiert. DasUnternehmen befinde sich „im fortlaufenden konstruktiven Austausch“ mit der Gewerkschaft Ufo. Diese Gespräche sollten am 16. und 17. Januar fortgesetzt werden. Außerdem habe man am 23. Dezember – also kurz vor Ausrufen des Streiks –eine Moderation der offenen Themen angeboten. DieUfo habe dieses Angebot„jedoch leider abgelehnt“. DerStreikzum jetzigen Zeitpunkt sei „unangebracht, unverhältnismäßig“ und fuße lediglich auf vorgeschobenen Streikbegründungen. Annika Leister ist zu Weihnachten mit der Bahn gefahren. Schüsse am Checkpoint Charlie Unbekannter soll Café überfallen haben VonLutz Schnedelbach und Eric Richard Inder Nähe des Checkpoint Charlie ist es am Montagmittag zu einem Großeinsatz der Polizei gekommen. Der Grund: Ein Unbekannter soll in eine Filiale der Kaffeekette Starbucks gestürmt sein und die Mitarbeiter bedroht haben. Zeugen wollen auch Schüsse gehört haben. Die Polizei bestätigte das nicht. Unbekannt blieb die Anzahl der Schüsse, die der Mann abgegeben haben soll. Später hieß es im Polizeipräsidium, dass sich Schüsse aus einer scharfen Waffe nicht bestätigt haben. Entsprechende Hülsen seien nicht gefunden worden. Allerdings wurde eine Hülse für Schreckschussmunition gefunden. Beamte mit Maschinenpistolen sperrten das Areal um die Kreuzung Friedrichstraße/Kochstraße weiträumig ab.Kunden und das Personal umliegender Geschäfte durften die Läden sicherheitshalber nicht mehr verlassen. Beamte befragten Mitarbeiter in den Geschäften nach dem unbekannten Mann und dessen Bekleidung. Zeugen nannten das eine bedrückende Situation. Der U- Bahnverkehr wurde unterbrochen – die U6 fuhr ohne Stopp in der Kochstraße durch. Die Buslinie M29 wurde umgeleitet. Das Spezialeinsatzkommando (SEK) rückte an und durchsuchte umliegende Gebäude. Möglicherweise verstecke sich der Mann in einem der Nachbarhäuser,hieß es.Am Nachmittag twitterte die Behörde, dass sie die Situation unter Kontrolle habe. Eine Frau aus Heidelberg dagegen will mehrere Schüsse gehört Polizisten sicherten den Tatortinder Nähe des Checkpoint Charlie. DPA und einen dunkel gekleideten Mann gesehen haben, der das Lokal verließ und davonrannte. Ein Mann berichtete, erhabe gegen 13.20 Uhr mehrere Schüsse an der Kreuzung gehört. Menschen hätten geschrien und seien in das Café geflüchtet. Angestellte einer Bäckerei sagten, dass sie wegen des Tumults auf der Straße die Polizei alarmiert hätten. Inzwischen wird nach dem Mann stadtweit gefahndet, hieß es vorOrt.Möglicherweise haben die Ermittler erste Informationen zum Täter.Obindem Café Überwachungskameras installiertsind, die den Vorfall aufgezeichnet haben, ist noch nicht bekannt. Die Spurensicherung war bis zum späten Nachmittag am Tatort. Kurz nach 16 Uhrwar dann der Spuk vorbei. Die Polizei bittet weitere Zeugen, sich zu melden. Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.

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